Wohin geht die Reise in der sächsischen Wirtschaft? Die Weltmärkte legen ja aktuell etliche Karambolagen hin. China geht die Luft aus, Russland steckt in der Dauerkrise, die EU kommt nicht aus der Misere. Ganz so überraschend ist es also nicht, wenn Sachsen für den Oktoberzwischenstand einen leichten Dämpfer vermeldet, bei genauerem Hinsehen sogar einen großen.

Von Januar bis Oktober 2016 hat die sächsische Industrie 47,7 Milliarden Euro Gesamtumsatz  erbracht. Zum Vorjahreszeitraum bedeutet dies ein Minus von 0,9 Prozent, meldet das Statistische Landesamt. Der Zuwachs auf dem Binnenmarkt (+0,9 Prozent) konnte den Rückgang des Auslandsgeschäftes (- 3,4 Prozent) nicht ausgleichen.

Und das liegt alles im Wesentlichen am markantesten Industriezweig in Sachsen.

Der mit 14,2 Milliarden Euro umsatzstärkste Industriezweig “Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen” musste Einbußen von insgesamt 7,3 Prozent hinnehmen, im Inland waren es 3,5 Prozent weniger, im Ausland sogar 10,7 Prozent. Zwei Effekte schlagen hier zu – einerseits sind es die Krisen in den Absatzmärkten der sächsischen Autobauer.

Mittlerweile sind es lauter multiple Krisen, die sich gegenseitig verstärken. In Europa sorgt die Austeritätspolitik dafür, dass gerade die autokaufende Mittelschicht in vielen Ländern nicht mehr kaufen kann. Über das Dilemma im nahen Osten muss man gar nicht reden. In Russland ist auch das kurze Freudenfeuer für die obere Mittelschicht vorbei – was die Europäer gar nicht merken, weil alles über Putins Kriege redet.

China hat ein gedämpftes Wirtschaftswachstum und ist gerade dabei, beim Auto eine scharfe Kehrtwende hinzulegen. In den riesigen chinesischen Städten sind mittlerweile so viele spritgetriebene Autos unterwegs, dass die Metropolen aus dem Smog gar nicht mehr herauskommen. Es sieht ganz so aus, als würde China das erste Land, das von Verbrennungsmotoren Abschied nimmt und nur noch elektrisch fahrende Autos zulässt.

Höchste Zeit ist es.

Auch in Deutschland, wo einige große Autobauer lieber bei den Verbrauchswerten tricksten, um weiter Dieselautos verkaufen zu können. Die gefallenen Verkaufszahlen deuten darauf hin, dass diese Trickserei ebenfalls schädlich fürs Geschäft war. Nur steht die echte Alternative noch nicht zur Verfügung. Die elektrischen Mittelklassewagen sind dem normalen Käufer noch zu teuer.

Diese „Wende“ vollzieht sich eindeutig zu langsam. Was auch daran liegt, dass Konstrukteure und Politiker glauben, das erprobte Sprit-Modell nun einfach 1:1 ins elektrische Zeitalter überführen zu können. Das wird nicht gelingen. Schon heute ersticken die Städte am überdimensionierten Blech. Wer braucht denn das? Wer fährt denn jeden Tag 100 Kilometer über Autobahnen? Das ist eine Minderheit. Städte brauchen keine SUVs und andere Mega-Mobile. In Städten bieten sich kleine E-Autos geradezu an. Aber dieser Zeitenwechsel hin zum stadtverträglichen Auto ist in den Köpfen noch nicht angekommen.

Also wird es wohl wirklich China sein, das zeigt, wie es geht.

Und Sachsen ist gut beraten, bei diesem Thema einmal mit Vorreiter zu sein. Auch wenn Industrie nicht alles ist. Die anderen Wirtschaftszweige fallen bei den Betrachtungen der Zukunft meist unter den Tisch. Sie sind nicht ganz so prestigeträchtig. Auch wenn sie erhebliche Teile zum Wirtschaftsaufkommen beitragen.

So wie das Bauhauptgewerbe, wo der Gesamtumsatz im Vergleich der ersten zehn Monate 2016 und 2015 um 4,5 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro stieg. Dabei legte der Hochbau deutlich stärker zu als der Tiefbau (+ 10,0 bzw. + 0,6 Prozent). Es wird wieder gebaut in Sachsen. Viel zu wenig, wie man weiß. Gerade auf die drei Großstädte konzentriert sich das Baugeschehen, dort müssen Schulen, Wohnhäuser, Kindertagesstätten gebaut werden – nur die adäquate Förderung von Land und Bund fehlt. Gerade in Leipzig, wie man weiß. Am Bau ginge mehr.

Aber da die aktuelle Wirtschaftsphilosophie lautet, dass man nur mit Export Geld verdient, fehlt der kluge Blick der Politik auf die hochkomplexe Binnenwirtschaft.

Die Ausfuhr aus Sachsen erreichte von Januar bis Oktober 2016 den Gesamtwert von 30,1 Milliarden Euro, die Einfuhr belief sich auf 18,1 Milliarden Euro.

Verglichen mit dem Vorjahreszeitraum verringerten sich damit die Exporte um 7,6 Prozent und die Importe um 2,8 Prozent. Wobei der Rückgang der Importe vor allem auf den Rückgang von Kraftwagenbauteilen zurückgeht. Wenn in Sachsen weniger Autos montiert werden, braucht man logischerweise auch weniger Zulieferung aus Herstellerwerken etwa in Tschechien.

Was man bei dieser Fixierung auf Exportwirtschaft aus den Augen verliert, ist natürlich die Stabilität der heimischen Wirtschaftskreisläufe. Denn das sächsische Drama ist ja, dass Sachsen zwar emsig Geld verdient im Ausland – das Geld aber nicht wieder in die eigenen Strukturen investiert, sondern zu Milliarden in externen Fonds eingelagert hat, wo es keinen aktuellen Nutzen bringt. Echte Eichhörnchenpolitik, die aber – genauer betrachtet – auch ein zusätzlich gedämpftes Wirtschaftswachstum bedeutet, weniger Investitionen, weniger staatliche Beschäftigung und dann auch noch Zusatzkosten, die im Sozialbereich aufschwemmen wie der süße Brei.

Wer die Gesamtgesellschaft in der Wirtschaftspolitik nicht mitdenkt, sorgt für teure und dauerhafte Fehlentwicklungen.

Nur äußerlich sehen dann die Zahlen schön aus Mit einer jahresdurchschnittlichen Arbeitslosenquote von 7,5 Prozent wurde 2016 ein neues  Rekordtief verzeichnet.

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