Was sagt eigentlich die Exportquote der Industrie über die Stabilität der sächsischen Wirtschaft aus?

Für alle LeserKlassische Wirtschaftspolitik in Deutschland ist ja geradezu berauscht von Exportquoten und Exportüberschüssen. Bei den üblichen Analysten bestimmen ausschließlich diese Quoten darüber, ob sie eine Wirtschaftsentwicklung als gesund einschätzen oder anfangen – wie derzeit wieder zu erleben –, den konjunkturellen Niedergang zu beschwören. Obwohl ein stetes Wachstum der Exportquoten eigentlich eine Katastrophe ist.

Denn damit wachsen die Warenströme rund um den Globus immer weiter an, sind immer größere Transportflotten an Lkw, Flugzeugen und Containerschiffen unterwegs, deren CO2-Ausstoß das Klima belastet. Und es befördert das Ungleichgewicht zwischen den Staaten. Denn wenn ein Land wie Sachsen mehr exportiert als importiert, verstärkt es auch die Zahlungsungleichgewichte. Oder so formuliert: Sachsen kauft nicht genug. Es nimmt den Handelspartnern in der Summe weniger Produkte ab, als seine Unternehmen ins Ausland verkaufen.

Ein Maß für die wirtschaftliche Entwicklung ist die Exportquote sowieso nicht. Auch wenn der Export 2019 leicht zurückging von 41,2 auf 40,5 Milliarden Euro.

„Die Exportquote, d. h. der Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz, der sächsischen Industrie lag 2018 bei 37,0 Prozent. Damit wurde der Wert aus dem Vorjahr (37,3 Prozent) moderat unterschritten, der Zehnjahrestiefstand von 2009 (33,1 Prozent) indes deutlich übertroffen“, teilt das Sächsische Landesamt für Statistik mit.

Wobei hier nicht die gesamten sächsischen Exporte gemeint sind, sondern wirklich nur die des Verarbeitenden Gewerbes. Heißt: Vom Gesamtumsatz von 67,8 Milliarden Euro, den das Verarbeitende Gewerbe erwirtschaftete, wurden 25,3 Milliarden durch Verkäufe ins Ausland erzielt.

Die meisten übrigens mit 9,1 Milliarden Euro durch Kraftwagen und Kraftwagenteile. Der Maschinenbau exportierte für 8,8 Milliarden Euro und die Metallerzeugnishersteller für 5,8 Milliarden Euro.

Nur um das ins Verhältnis zu rücken.

Den Gesamtumsatz der sächsischen Wirtschaft gibt das Statistische Landesamt übrigens nicht an. Aber schon dieser Vergleich hier zeigt, dass rund 15 Milliarden Euro aus anderen Wirtschaftsbereichen stammen müssen – vorwiegend aus der Dienstleistung, in geringerem Maß aus dem Export landwirtschaftlicher Produkte.

Aber um die Verhältnisse deutlicher zu machen hilft auch der Maßstab Bruttowertschöpfung. Da schnurzelt der Beitrag der Industrie nämlich tüchtig zusammen,weil bei dieser Zahl die ganzen Vorleistungen wieder herausgerechnet werden. Denn wenn die ganzen Einzelteile für ein Auto in Tschechien hergestellt werden, findet dieser Anteil der Wertschöpfung in Tschechien statt, auch wenn die Teile dann in die Gesamtumsätze der sächsischen Autobauer einfließen. Als reale Wertschöpfung wird dann nur das gerechnet, was dann wirklich in den sächsischen Fabriken zusätzlich an Wert dazukam. Da werden dann aus den 67,8 Millionen Euro Umsatz im sächsischen Verarbeitenden Gewerbe nur noch 23,7 Milliarden Euro Wertschöpfung.

Man sieht schon an dieser Zahl, dass eine Menge Zulieferungen aus dem Ausland gleich wieder exportiert werden als fertiges Auto z. B. Da werden also die internationalen Lieferketten sichtbar und die hohe Abhängigkeit zumindest der sächsischen Industrie von diesen Lieferketten.

Einige Branchen sind sogar besonders von den Auslandsmärkten abhängig: „Exportquoten von über 50 Prozent waren 2018 unter den umsatzstärksten Industriebranchen im Maschinenbau (50,2 Prozent), bei der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen (50,5 Prozent), bei der Herstellung von DV-Geräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (53,6 Prozent) sowie bei der Herstellung von chemischen Erzeugnissen (56,1 Prozent) zu verzeichnen“, stellt das Statistische Landesamt fest.

„Dagegen ist beispielsweise die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln ganz überwiegend für den inländischen Markt tätig, die entsprechende Exportquote betrug 12,7 Prozent. Von den Gesamtausfuhren Sachsens 2018 in Höhe von nahezu 40,5 Milliarden Euro verblieben knapp 60 Prozent auf dem europäischen Kontinent (23,5 Milliarden Euro).“

Wichtigster Haupthandelspartner war erneut China mit einem Anteil von rund 17 Prozent (6,7 Milliarden Euro). Wobei man nicht vergessen darf: Die nächst wichtigen Außenhandelspartner waren die USA mit 3,6 Milliarden Euro und Großbritannien mit 2,4 Milliarden Euro an sächsischen Exporten. Zumindest werden die dortigen politischen Entwicklungen (Zollkrieg und Brexit) die Branchen treffen, die bislang auf diese beiden Märkte geliefert haben.

In welcher Relation das freilich zur Wertschöpfung der gesamten sächsischen Wirtschaft steht, macht ja schon der Vergleich der Industrie-Wertschöpfung von 28,2 Milliarden Euro zur Gesamtwertschöpfung von 113,9 Milliarden Euro deutlich. Ein Wert, der 2017 noch bei 110,2 Milliarden Euro lag, während die industrielle Wertschöpfung nur von 27,7 auf 28,2 Milliarden Euro stieg.

Die Kaffeesatzleser aus den Wirtschaftsnachrichten schauen ja immer wie gebannt auf diese Wertschöpfungszuwächse der Industrie, übersehen aber ziemlich ausdauernd, dass die Wertschöpfung in der Dienstleistung deutlich stärker wächst. Und dass damit auch die Inlandsnachfrage deutlicher steigt. Das mögen die Aktieninterpreten nicht so gern. Denn das bedeutet eben im Inland steigende Löhne und Gehälter. Das finden die meisten Wirtschaftsexperten nicht so doll, obwohl es die Kaufkraft stärkt und die Binnenstrukturentwicklung des Landes.

Wie sehr auch Sachsens Wirtschaftspolitik auf den Industrieexport geeicht ist, zeigt ja auch die eklatante Unfähigkeit, irgendetwas Substanzielles zur Binnenstrukturentwicklung zu sagen. Etwa zur Tragödie der sächsischen Landwirtschaft, die von einigen verknöcherten Lobbyisten der industriellen Landwirtschaft dominiert wird, die aber keine Lösung dafür haben, dass die Umsätze mit landwirtschaftlichen Produkten in den Keller gehen. Und damit auch die Bruttowertschöpfung der Landwirtschaftsbetriebe – die brach 2018 von 997 Millionen Euro auf 874 Millionen Euro regelrecht ein. Das kann man als Folge des trockenen Sommers interpretieren – oder auch als Scheitern einer industrialisierten Landwirtschaft, die nur noch billige Rohstoffe für die Nahrungsmittelindustrie liefert, aber dabei ihre wichtigste Arbeitsgrundlage zerstört – den Ackerboden.

Aber das ist ein eigenes Thema.

Aufseiten der Einfuhr im Gesamtwert von rund 24,5 Milliarden Euro stammten 2018 sogar drei Viertel aller Waren aus Europa (18,0 Milliarden Euro), so das Statistische Landesamt. An der Spitze stand einmal mehr die Tschechische Republik, auf die rund 19 Prozent (4,5 Milliarden Euro) der sächsischen Importe entfielen.

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