Eröffnung des City-Tunnels Leipzig: Ein Großer Schritt für Leipzig oder überteuertes Milliarden-Projekt?

Natürlich war es zu erwarten, dass die Vorabbegrüßungen zur Eröffnung des Leipziger City-Tunnels am heutigen 14. Dezember durchaus unterschiedlich ausfallen werden. "Wenn am Samstag in Leipzig der City-Tunnel und das neue S-Bahn-Netz feierlich eröffnet werden, ist dies ein großer Schritt für Leipzig", meldet zum Beispiel das Leipziger Rathaus.
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Das im Jahr 2005 mit dem Baustart der unter der Innenstadt verlaufenden Tunnelröhren begonnene Projekt der Deutschen Bahn und des Landes Sachsen ermöglicht positive Veränderungen in den Bereichen Verkehr, Umwelt und Infrastruktur.

„Es ist geschafft! Vor mehr als hundert Jahren hatten unsere Vorfahren erstmals die kühne Idee, den Hauptbahnhof und den Bayerischen Bahnhof unterirdisch zu verbinden – jetzt ist diese Vision Realität geworden. Wir werden ab Sonntag den Regionalverkehr in und um Leipzig ganz neu denken. Unser Marktplatz ist plötzlich das Zentrum eines mitteldeutschen Verkehrsnetzes, das Hunderttausende Menschen erreicht und sie in kürzester Zeit in die Stadt bringen kann“, sagt Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig. „Der City-Tunnel wird zudem einen spürbaren Beitrag dazu leisten, dass die einzelnen Verkehrsträger – Auto, Busse und Bahnen, Fahrrad – neu sortiert werden können. Öffentlicher Nahverkehr in Kombination mit Fahrradverkehr wird jetzt deutlich attraktiver.“

Aus Sicht der Stadt Leipzig

Der Tunnel und das neue S-Bahn-Netz sind ein nachhaltiger und strategisch wichtiger Baustein der infrastrukturellen und ökologischen Weiterentwicklung Leipzigs.

„Der City-Tunnel hilft Ressourcen zu schonen und passt hervorragend in den von der Europäischen Union angestrebten einheitlichen europäischen Verkehrsraum“, sagt Leipzigs Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal. „Zudem verspricht er eine deutliche Entlastung des Autoverkehrs und damit der Umwelt. Im Personennahverkehr werden die Nutzerzahlen steigen und im Gegenzug könnte der Anteil des motorisierten Individualverkehrs um knapp zehn Prozent zurückgehen. Weniger Autos bedeuten natürlich eine bessere Luftqualität und weniger Lärm.“

Auch die regionale Wirtschaft werde vom Tunnel und dem neuen S-Bahn-Netz profitieren, dass ja in der Region durch ein neues, auf die S-Bahn-Linien und -takte abgestimmtes Busnetz ergänzt wird. Dorothee Dubrau, Bürgermeisterin für Stadtentwicklung und Bau: „Berufspendler erreichen die Stadt oder einzelne große Arbeitgeber wie den MDR besser, Freizeitangebote der Region werden für die Leipziger noch attraktiver weil unkomplizierter zu nutzen und die Zentralität der Innenstadt als Handelsstandort wird zunehmen. Hier unterstützt der Tunnel und das neue S-Bahn-Netz ganz deutlich die jahrelangen stadtplanerischen Bemühungen Leipzigs, unsere Funktion als Oberzentrum der Region auch auszufüllen und mehr Kaufkraft von der ,Grünen Wiese‘ wieder in die Stadt zu holen.“

Von der direkten S-Bahn-Anbindung an die Region und die Innenstadt werden auch die noch mit Entwicklungspotential versehenen Flächen auf der Alten Messe und im Stadtraum Bayrischer Bahnhof profitieren. Für Grünau ist die Wiederinbetriebnahme der S-Bahn-Linie 1 ein Beitrag, diesen wichtigen Wohnungsstandort Leipzigs zu stärken. „Wir haben dies den Grünauer Bürgerinnen und Bürgern 2010 versprochen und können dieses Versprechen nun einlösen“, sagt Dorothee Dubrau.Anbindung der Leipziger Messe

Viele Besucher der Leipziger Messen sind sowieso schon mit dem ÖPNV unterwegs. Sie können jetzt mit der S-Bahn noch einfacher zum neuen Messegelände kommen. Gleich drei S-Bahnen halten dort – die S1, die S5 und die S2.

„Der Weg mit der S-Bahn zum Messegelände wird für unsere Messe- und Kongressgäste künftig noch schneller und bequemer sein. Die direkte Schienenverbindung aus großen Teilen Mitteldeutschlands und aus der Innenstadt zur Messe ist sicher eine gute Alternative zum Auto. Zudem lässt sich die im Onlineticket-Shop oder im Vorverkauf erworbene Messeeintrittskarte innerhalb Leipzigs und auch nach Halle zugleich als MDV-Ticket nutzen. Das entlastet die Straßen und unsere Umwelt“, sagt Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe.

Flughafen Leipzig/Halle: Die Bahn ist eine echte Alternative zum Auto

„Unser Flughafen ist nicht nur Ausgangspunkt für Flüge zu europäischen Metropolen und fernen Urlaubszielen, sondern dient Passagieren auch als Einfallstor für Reisen in den Wirtschaftsraum sowie in die lebendigen Kulturlandschaften unserer Region. Die Anbindung an den Citytunnel verknüpft unser gesamtes Einzugsgebiet in Mitteldeutschland noch schneller und komfortabler mit dem Airport und ermöglicht so Passagieren, Besuchern und Beschäftigten eine bequemere An- und Abreise, was wir außerordentlich begrüßen“, so Markus Kopp, Vorstand der Mitteldeutschen Airport Holding.

Durch das neue S-Bahn-Netz mit seinem Herzstück dem Citytunnel werden der Leipzig/Halle Airport und die Leipziger Messe in die gesamte mitteldeutsche Region besser eingebunden. Vom Leipziger Hauptbahnhof aus haben Passagiere und Besucher halbstündlich Anschluss an die S-Bahnlinie 5, die sie binnen einer Viertelstunde, inklusive eines Stopps an der Leipziger Messe, ans Terminalgebäude bringt. Vom dortigen Bahnsteig gelangt man direkt in den Check-In Bereich.

Fahrgäste aus Zwickau beispielsweise steigen bequem in die S5 und sind nach 83 Minuten ohne Umsteigen auf dem Messebahnhof und nach weiteren acht Minuten am Airport. Vorher waren sie 117 Minuten, das sind fast zwei Stunden unterwegs. Für die Markkleeberger verkürzt sich die Fahrzeit ebenfalls um beinahe eine halbe Stunde, sie gelangen nun in gut 20 Minuten zur Messe und nach 28 Minuten zum Airport.

Die Linke: Was ist mit Trassenpreisen und Finanzierung des ZVNL?

Etwas verhaltener äußert sich Enrico Stange, Sprecher für Landesentwicklung und Infrastrukturpolitik der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag. Denn ein paar Fragen sind ja noch ungeklärt, was die künftige Finanzierung betrifft.

„Die Verknüpfung von S-Bahn und Regionalverkehr im Umland von Leipzig und Halle rückt die Städte und Gemeinden der gesamten Region näher zu einander. Damit können Mobilitätsbedürfnisse der Menschen besser befriedigt und die Bevölkerung im ländlichen Raum besser mit ÖPNV-Dienstleistungen versorgt werden. Das BusPlus-System des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes richtet dafür den regionalen Busverkehr auf das S-Bahn-Netz aus“, so Stange. Und kommt gleich auf den Knackpunkt für die nächsten Jahre: „Die Aufgabe der Politik wird es sein, die dauerhafte Ausfinanzierung des ÖPNV durch Mittel aus Bund, Ländern und Kommunen zu sichern, damit sich möglichst viele Menschen diesen leisten können. Daneben steht die Aufgabe, in den Städten Leipzig und Halle die Verknüpfung mit den Linien der städtischen Verkehrsbetriebe sowie die Nutzung von deren Fahrscheinen für die S-Bahn und umgekehrt schnell herbeizuführen.“

Und da ist auch noch die Frage nach den Stationspreisen. Stange: „Hinsichtlich der Diskussion um die Kostenentwicklung des City-Tunnels steht von nun an die Entwicklung vor allem der Stations- und Trassenpreise im Mittelpunkt der Betrachtung. Denn diese können im ungünstigen Falle auf die Ticketpreise durchschlagen. Hierzu bedarf es erforderlicher Entscheidungen auf Bundesebene zur Aufstockung der Regionalisierungsmittel sowie eines Nachsteuerns des Eigentümers Bund bei den einzelnen Infrastrukturunternehmen des Bahnkonzerns. Leider haben sich die Großkoalitionäre CDU/CSU/SPD dazu im Koalitionsvertrag nicht durchringen können.“

Die Linke: Sind es wirklich nur 960 Millionen Euro?
Noch deutlicher üben seine Leipziger Fraktionskollegen Kritik: Dr. Volker Külow und Dr. Dietmar Pellmann. Sie haben über die Jahre die Kostenzunahme für das Projekt immer wieder kritisch hinterfragt.

„Unsere Begeisterung darüber, dass der City-Tunnel nun endlich in Betrieb geht, hält sich in Grenzen; und wir werden an den Jubelfeierlichkeiten auch nicht teilnehmen“, vermelden die beiden Leipziger Landtagsabgeordneten. „Von Anfang an haben wir sowohl vom Leipziger Stadtrat als auch vom Sächsischen Landtag aus das Baugeschehen kritisch begleitet. Als Abgeordnete kamen wir allein mit mittlerweile 60 parlamentarischen Anfragen unserer Kontrollpflicht, insbesondere gegenüber der Staatsregierung, nach, um die Öffentlichkeit regelmäßig und unverzüglich zu informieren“, so Külow und Pellmann in gemeinsamer Mitteilung. „Dabei haben wir uns nicht nur Freunde gemacht, wenn wir immer wieder nach Kosten-Nutzen-Verhältnis, nach Verantwortlichen für eklatante Fehlplanungen und Kostenexplosion sowie dem inzwischen zumindest fünfjährigen Bauverzug fragten. Die jeweiligen Antworten der Staatsregierung glichen über die Jahre einem regelrechten Eiertanz. Selbst die zwischenzeitliche Einschaltung der Staatsanwaltschaft oder gar die ministerielle Unterstellung – wir seien wegen bohrender Nachfragen mit für die Kostenexplosion verantwortlich – schüchterten uns nicht ein.“

Dass Verkehrsminister Sven Morlok (FDP) gleich zu Beginn seiner Amtszeit dann den Kostendeckel von 960 Millionen Euro für den City-Tunnel verkündete, hat auch mit der kühnen Behauptung der beiden Linke-Abgeordneten zu tun, die Grenze von 1 Milliarde würde gerissen. Es ist eine Art verbales Fingerhakeln – hat aber auch einen sachlichen Hintergrund.

Die beiden dazu: „So bleiben wir bei unseren Einschätzungen: Der Tunnel wird am Ende um das Doppelte teurer als ursprünglich avisiert. Allerdings werden wir wohl kaum eine exakte Kosten-Endabrechnung erhalten, um ja nicht die aus unserer Sicht schon lange durchbrochene Milliardenschallmauer verkünden zu müssen. Wäre von Anfang an realistisch geplant und gerechnet worden, hätte es die Zustimmung zu diesem Vorhaben nie und nimmer gegeben. Gleiches gilt für die ursprüngliche Aussage, den Tunnel vor allem für den Fernzugverkehr zu nutzen. Dass dies inzwischen auf Bundesebene auch so gesehen wird, mag belegen, dass die sächsische Regierungsprominenz auf der Eröffnungsveranstaltung weitgehend unter sich bleiben wird, wenn als einziger Vertreter der amtierenden Bundesregierung lediglich der FDP-Staatssekretär Jan Mücke als Festredner angekündigt ist.“

Ein Abgesang auf den Sinn des Tunnels? – Nicht ganz. Pellmann und Külow: „Und dennoch treten auch wir dafür ein, dass der Tunnel so effektiv und sinnvoll wie möglich genutzt werden muss. Diesen Prozess werden wir selbstverständlich auch künftig kritisch begleiten. So wird abzuwarten sein, ob die angestrebte tägliche Zahl der Reisenden überhaupt erreichbar ist. Ebenso ist bislang überhaupt noch nicht ausreichend kalkuliert worden, wie hoch die jährlichen Betreiberkosten sein werden und wer für diese aufkommt. Schließlich werden wir uns nachdrücklich dafür einsetzen, dass sämtliche Zugänge vollständig barrierefrei sind.“

Ähnlich skeptisch betrachten die Grünen das Infrastrukturprojekt.

„Die Kosten des Leipziger Citytunnels sind explodiert, der Nutzen für den Bahnverkehr ist weit geringer als prognostiziert“, erinnert Eva Jähnigen, verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Sächsischen Landtag. „Der Tunnel ist ein teures Prestigeprojekt und das ganze Gegenteil weitblickender Bahnpolitik. – Mit den Gesamtkosten von etwa einer Milliarde Euro hätte man das gesamte sächsische Bahnnetz ertüchtigen können“, so die Abgeordnete. „Verantwortlich für die Misere sind die Deutsche Bahn AG und die damalige CDU-Alleinregierung des Freistaates Sachsen. Weder war die Planung ausreichend, noch die Schätzung der Kostenrisiken. Dass die sächsische Regierung der DB AG damals einen Blankoscheck für alle Mehrkosten ausgestellt hat, zeigt ein weiteres Mal, dass die CDU nicht verantwortlich mit Geld umgehen kann. Ein Anreiz zum Sparen war die Vertragsgestaltung sicher nicht.“

Analyse und Kritik des sächsischen Rechnungshofes zum Citytunnel aus dem Jahr 2011: www.rechnungshof.sachsen.de/download/SRH_PM20110406.pdf

Das Mitteldeutsche S-Bahn-Netz: www.citytunnelleipzig.de/de/das-neue-netz/linien-und-ziele.html


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