Leipzig behauptet seinen Platz als zehntgrößte Verlagsstadt in Deutschland

Am 19. Oktober startet die diesjährige Buchmesse in Frankfurt. Eine Buchmesse mit einer Branche, die seit Jahren ganz ähnlich verunsichert ist wie es die journalistischen Medien sind, denn das Geschäftsmodell der Verlage steht von mehreren Seiten unter Beschuss. Nicht nur, was einen Internet-Giganten wie Amazon betrifft, sondern auch die Frage betreffend: Verlernen die Deutschen das Lesen?

Denn wenn immer mehr der elektronischen Spielzeuge den Alltag der Bundesbürger beherrschen, bleibt weniger Zeit, Konzentration und Geld für Bücher übrig. Und das mit dem Geld ist längst spürbar. Seit Jahren stagniert die Branche und man ist froh, wenn die Umsätze nur um 1 bis 2 Prozent im Jahr zurückgehen. Tatsächlich ist man alarmiert.

„Diese Zuwächse konnten aber leider die Umsatzverluste im verlegerischen Kerngeschäft nicht aufwiegen. Die Buchumsätze der Verlagshäuser gingen 2015 um 4,0 Prozent, also nicht unerheblich, zurück“, stellt der Landesverband des Börsenvereins des deutschen Buchhandels für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen fest. „Über alle Geschäftsfelder hinweg haben die Verlagshäuser das vergangene Jahr mit einem Umsatzminus von 2,0 Prozent abgeschlossen.“

Und das bei einer wieder gesteigerten Titelproduktion.

2011 wurden im Buchmarkt insgesamt noch 9,6 Milliarden Euro umgesetzt, 2014 noch 9,3 Milliarden und 9,19 Milliarden. Fast die Hälfte aller Bücher – 48,2 Prozent – wurden im Sortimentsbuchhandel verkauft. Der Internetbuchhandel wuchs weiter von 16,2 auf 17,4 Prozent Anteil, die Verlage selbst waren mit 20,9 Prozent am Buchverkauf beteiligt, was ebenfalls leicht über dem Vorjahreswert von 20,4 Prozent lag. Der Trend ist sichtbar: Immer mehr Käufer bestellen ihre Bücher online. Was nicht unbedingt für eine Mode oder einen Trend stehen muss, sondern möglicherweise auch für den Verlust von wichtigen Buchhandlungen vor Ort. Während sich in Städten wie Leipzig Buchhandlungen immer wieder stabilisieren können, weil es eine ausreichende Laufkundschaft gibt, haben Buchhändler in ausdünnenden Regionen massive Probleme.

Und dazu kommt natürlich die massive Konkurrenz moderner Medien. Und dazu zählen nicht nur Smartphones und „Internet“, sondern auch ältere Medien, die ihrerseits aber vor allem Nicht-Leser produzieren – ganz vorneweg das Fernsehen.

Denn verglichen mit dem dortigen Unterhaltungskonsum ist Lesen auf den ersten Blick komplexe Arbeit: Man muss sich konzentrieren, meistens auch noch einen ruhigen Ort suchen, den man gerade in Großstädten immer seltener findet, und man muss sich auf vielschichtige Phantasie-Arbeit im Kopf einrichten, auch auf fremde Denk- und Gefühlswelten. Das sind immer weniger Zeitgenossen gewohnt, immer mehr sind sie auf ein oberflächliches Konsumieren technischer Unterhaltung fixiert.

Logisch, dass die Verlage mit immer neuen Buchideen versuchen, sich gegen diesen Verlust an Relevanz zu stemmen.

Und am Aussterben ist diese Kunst ja nicht wirklich. Nach wie vor gibt es Eltern, die wissen, wie wichtig es ist, ihre Kinder mit Büchern zum Denken und Träumen anzuregen.

Die Markt-Media-Studie „best for planning“ ist dem Börsenverein dafür Beleg: „Häufigstes Hobby der deutschen Bevölkerung bleibt mit 78,9 Prozent das Fernsehen, gefolgt von ‚Zuhause gemütlich entspannen‘ mit 56,2 Prozent. Das Lesen der Tageszeitung macht Platz vier aus, während das Lesen von Büchern in diesem Jahr von Platz 15 auf Platz 14 vorgerückt ist, weil die Kategorie ‚Am PC/Computer arbeiten‘ ganz aus der Erhebung herausgenommen wurde. 19,7 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren gaben an, häufig nach einem Buch zu greifen, immerhin noch 28,3 Prozent tun dies gelegentlich. Das Internet wird zwar immer wichtiger, trotzdem interessiert sich gut die Hälfte der Kinder für das Lesen von Büchern (16 Prozent sind sogar sehr interessiert). Eine Zahl gibt besonders Hoffnung: Der Anteil von Jungen im Alter von 6 bis 13 Jahren, die jeden oder fast jeden Tag ein Buch in die Hand nehmen, ist innerhalb von zwei Jahren von 7 auf 12 Prozent gestiegen.“

Knapp jeder fünfte Deutsche ist also nach wie vor versierter Leser.

89.506 Titel wurden produziert, über 2.000 mehr als 2014, aber deutlich weniger als in den Spitzenjahren 2007 und 2011, als es mal über 96.000 waren.

Manchmal kommt man ja nicht mal bei seinen Lieblingsautoren hinterher.

Der Buchherbst ist aber auch die Zeit, in der sich jedes Mal aufs Neue herausstellt, dass es in Deutschland zwei stabile Buchstädte gibt: Berlin und München, künftig wohl immer in dieser Reihenfolge, weil Berlin viel Energie darauf verwendet hat, wichtige große Verlage an sich zu binden.

„München und Berlin lieferten sich hier einige Jahre ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Berlin mit Abstand für sich entscheiden konnte“, stellt der Börsenverein fest. „Die Stadt lag 2015 mit 8.292 Novitäten unverändert in Führung. München folgt mit 7.396 Titeln. Die erste Stadt aus den neuen Bundesländern ist Leipzig auf Platz 10 mit 1.027 Titeln.“

Und den Platz wird Leipzig wohl auch für längere Zeit besetzen, nachdem die einstige Buchstadt so langsam vom 16. auf den 10. Platz vorgerutscht ist. Vorgerutscht ist wohl das treffende Wort, weil die Städte, die dazwischen lagen, vor allem wegen sinkender Titelzahl oder Abwanderung prägender Verlage aus diesen Regionen verschwunden sind.

Dass Leipzig mit rund 1.000 Titeln im Jahr so stabil auf Platz 10 liegt, hat mit der enormen Kleinteiligkeit der Leipziger Verlagsszene zu tun. Über 70 Verlage sind hier aktiv, die meisten echte Ein-Mann-Unternehmen, die sich trotzdem an mutige Bucheditionen wagen, einige Häuser auch von der Größe, die man in München und Berlin noch unter Kleinverlage einsortieren würde.

Was es umso erstaunlicher macht, dass die Leipziger Verlagsszene auch 2015 wieder 1.027 neue Titel auf den Markt geworfen hat. Ein Viertel davon konnten Leser der L-IZ auch in den Buchbesprechungen kennenlernen. 1.058 Titel bedeuteten 2014 übrigens genauso Rang 10 wie 954 Titel im Jahr 2013. Das ist für eine Stadt, die praktisch 1945 den Knockout als Buchstadt bekommen hat, eine Leistung. Eine nicht immer gefahrenfreie. Denn gerade das Heimatumfeld der hiesigen Verlage ist ein geldknappes. 110 Millionen Euro wurden 2015 in Sachsen im Sortimentsbuchhandel umgesetzt.

Das war ein Anteil von 2,5 Prozent am Gesamtumsatz im deutschen Sortimentsbuchhandel. Das entspricht nicht mal der Hälfte des Bevölkerungsanteils. Die Sachsen haben eindeutig weniger Geld zur freien Verfügung als Leser in westlichen Bundesländern. Was natürlich auch die Verlage zu spüren bekommen, für die der heimische Büchermarkt der wichtigste ist. Auch das eine Folge der Niedriglohnpolitik.

So gesehen, ist es erstaunlich, wie tapfer sich die bunte Verlagslandschaft in Leipzig hält. Oder in Dresden, wo immerhin 233 Titel produziert wurden, oder in Halle mit 175 Titeln. Mittendrin taucht dann auch noch ein Ort namens Borsdorf auf, der mit 208 Titeln auf Platz 35 in der Liste landet. Dahinter steckt der Landkartenverlag Dr. Barthel. Was zumindest beruhigt: Wanderkarten sind also trotz GPS und Google Maps immer noch gefragt, das Vertrauen lesender Menschen in Gedrucktes ist sichtlich noch immer groß genug, um dem ganzen Hype um elektronische Spielzeuge etwas entgegenzusetzen.

Ob das so bleibt, weiß man nicht. Wenn man manchen Kollegen aus der technischen Zunft so zuhört und das ganze Tamtam um die künftigen Medienwelten so liest, könnte man den Eindruck gewinnen, Menschen lesen künftig nicht mehr und tippen nur noch diverse Buttons und sind in viralen Welten unterwegs.

Vielleicht täuschen sie sich da mal wieder. Wie sich die Technik-Gurus so oft getäuscht haben. Nicht alles, was Technikfreaks begeistert, begeistert auch Menschen mit Phantasie und der Freude am eigenen Leseerlebnis.

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