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Eine Podiumsdiskussion zur Leipziger Buchmesse über das Thema des kindlichen Lesen-Lernens

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    Der Fehler steckt im System. Wie närrisch reiten deutsche Politiker das Thema Digitalisierung in den Schulen, übersehen aber völlig, dass die Kernaufgabe von Schule schon lange nicht mehr richtig funktioniert: den Kindern nämlich die Grundfertigkeiten zum Verstehen der Welt beizubringen. Und zu denen gehören Lesen und Schreiben. Ein Thema, das zur Leipziger Buchmesse natürlich zur Debatte führt. Wenigstens dort.

    Die aktuelle IGLU-Studie zeigt: Rund 19 Prozent der Viertklässler in Deutschland können nicht richtig lesen. Die Folgen für die Betroffenen wiegen schwer. Wer in der weiterführenden Schule Texte nicht entschlüsseln kann, läuft Gefahr den Anschluss zu verlieren: an Lerninhalte, berufliche Perspektiven und nicht zuletzt Lebenschancen. Wie können Eltern, Schulen, Leseförderer und Verlage die Kinder erreichen, denen der Zugang zu Büchern und Geschichten bisher nicht gelingt? Brauchen wir für sie neue Leseförderungskonzepte? Und welcher Medienformate bedarf es, um bildungsbenachteiligte Kinder fürs Lesen zu begeistern?

    Zu diesen Fragen organisieren die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj), der Arbeitskreis für Jugendliteratur (AKJ), der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stiftung Lesen eine Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse 2019.

    „Kinder, die nicht richtig lesen können, laufen Gefahr, ihren Bildungs- und Berufsweg frühzeitig zu beenden und ihren Alltag weniger selbstbestimmt zu meistern. Dieses Risiko darf ein wohlhabendes Land wie Deutschland nicht eingehen. Um Kinder aus lesefernen Familien noch besser zu erreichen, müssen wir vor allem Eltern zum Vor- und gemeinsamen Lesen motivieren und für die Bedeutung frühzeitiger Leseförderung sensibilisieren. Dabei dürfen wir uns nicht scheuen, an ungewöhnliche Orte zu gehen oder provokante Formate zu entwickeln“, erklärt Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen.

    Eigentlich ist es noch schlimmer, auch wenn das die Politik gern ignoriert. Denn unsere Gesellschaft ist eine Schrift-Gesellschaft. Wer Geschriebenes und Gedrucktes nicht versteht, ist auch nicht mehr in der Lage, die Herausforderungen seines Lebens zu begreifen. Der wird zum Getriebenen in einer Welt der Informationen, ohne einen Schlüssel zu deren Verständnis und Einordnung zu haben.

    Was nicht nur ein deutscher Trend ist. Denn den Rückgang der Leselust bei jungen Menschen kann man international feststellen.

    Die IGLU-Studie dazu: „Insgesamt deuten die Daten auf einen ungünstigen internationalen Trend im Leseverhalten hin. In fast allen Staaten und Regionen ist der Anteil der Kinder, die fast täglich zum Vergnügen lesen, seit 2001 beziehungsweise 2006 beträchtlich gesunken, in einigen Staaten und Regionen sogar um 10 Prozentpunkte. Was die tägliche Lesedauer betrifft, so hat sich der Anteil derjenigen, die weniger als 30 Minuten täglich außerhalb der Schule lesen, in allen an IGLU beteiligten Staaten erhöht, und zwar durchweg signifikant, und die Quote derjenigen, die dies mehr als 2 Stunden täglich tun, hat etwas abgenommen. In fast allen Staaten und Regionen hat in den letzten 10 Jahren der Anteil der Kinder, die nie oder fast nie Bücher aus der schulischen oder der örtlichen Bibliothek entleihen, signifikant zugenommen, und der Anteil an Kindern, die häufig beziehungsweise mindestens einmal pro Woche Bücher entleihen, ist gesunken.“

    Die Zeit, die Kinder früher noch dem Buch widmeten, wird heute von Smartphones, PC-Spielen, Radio und TV aufgefressen. Mit allen Folgen von sinkendem Leseverständnis (gerade bei den Kindern mit sowieso schon großen Leseschwächen) bis hin zu sinkender Konzentration und der Fähigkeit zur Problemlösung.

    Das hat gesellschaftliche Folgen.

    Und alle Lehrer, die sagen, dass die technischen Geräte in der Schule eigentlich nichts zu suchen haben, haben recht. Die Kinder müssen den Umgang mit diesen Geräten gar nicht erst lernen, das können sie nämlich fast immer schon. Was ihnen aber fehlt, ist die Lesekompetenz. Und damit auch die Sprachkompetenz, etwas, was die IGLU-Studie nicht gesondert untersucht, was aber dazugehört: Wie will man Menschen für eine zunehmend komplexere Welt fit machen, wenn sie schon am verstehenden Lesen scheitern? Und wenn sie die Probleme, die sie beschäftigen, nicht einmal klar artikulieren können?

    Logisch, dass sie für allerlei Verschwörungstheorien und Rattenfängereien zu haben sind, denn ihnen fehlt die kritische Ausrüstung, Dinge zu durchschauen, einzuordnen und zu falsifizieren. All das hängt direkt mit der Lesekompetenz zusammen.

    Renate Reichstein, Vorsitzende der avj, geht auf die Rolle der Verlage ein: „Kinder- und Jugendbuchverlage versuchen, mit vielfältigen Buchkonzepten die schwachen Leser zu gewinnen. Wir dürfen die knapp 20 Prozent, die nicht über eine ausreichende Lesekompetenz verfügen, nicht verloren geben! Nicht nur, dass sie in höherem Alter noch schwerer für das Lesen zu begeistern sein werden, sie sind auch ausgeschlossen von vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Piktogramme können keine Lösung sein.“

    „Damit alle Kinder Zugang zu Literatur haben, sind Orientierungshilfen und eine qualitative Auswahl, wie sie der Deutsche Jugendliteraturpreis bietet, notwendig. Es braucht engagierte Vermittler und die Möglichkeit der Mitbestimmung und – am besten gleichaltrige – Lesevorbilder, wie es die Jugendjury und die Literanauten sind. Lesefähigkeit ist die Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Als Gesellschaft können wir es uns nicht leisten, knapp ein Viertel der Kinder davon auszuschließen“, meint Ralf Schweikart, Vorsitzender des AKJ.

    Und dann gibt es die Mahnung an die Politik, den Fokus aufs Lernen endlich wieder zu ändern.

    Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, fordert: „Leseförderung von klein auf muss in den Fokus der Bildungspolitik rücken. Dazu gehört auch eine bundesweite Strategie zur Entwicklung und Förderung der Lesekompetenz, wie der Börsenverein zusammen mit der Autorin Kirsten Boie mit der Hamburger Erklärung gefordert hat. Die bestehenden Formate von Buchhandel und Verlagen, Schulen, Kindergärten, Bibliotheken und Leseförderorganisationen müssen zusammengeführt und neue Ansätze integriert werden.“

    Podiumsdiskussion: Fürs Lesen verloren? Wenn herkömmliche Leseförderungskonzepte nicht mehr zünden. Am Freitag, 22. März, 10:30 Uhr, Leipziger Buchmesse, Forum Kinder-Jugend-Bildung, Halle 2, B 600.

    Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem Podium:

    – Heidemarie Brosche, Mittelschullehrerin aus Augsburg
    – Prof. Dr. Andreas Gold, Professor für Pädagogische Psychologie, Goethe-Universität Frankfurt
    – Simon Peter, Chefredakteur, Blue Ocean Entertainment
    – Dr. Franziska Schwabe, TU Dortmund, Mitautorin der IGLU-Studie 2021

    Moderatorin: Britta Selle, MDR Kultur

    Regelmäßiges Vorlesen macht Kindern das Lesenlernen viel leichter

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