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Spurensuche mit Utz Rachowki: Beide Sommer, drei Essays und eine Annäherung von Walter Schmitz

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    Das Vogtland ist seine Heimat. Das Vogtland war - gerade weil es so abseits zu liegen scheint - immer wieder im Brennpunkt der Geschichte. Hier ist die Grenze nah nach Bayern und nach Tschechien. Das klingt schon in der ersten Geschichte an, "Stimmen des Sommers", in welcher der Geburtstag der Mutter vom Mauerbau in Berlin überschattet ist.

    Das ist der erste der beiden Sommer, den Utz Rachowski, 1954 in Plauen geboren, aus der Sicht des Kindes erzählt, dem die Welt der Erwachsenen noch weitgehend verschlossen ist. Ein blauer Schmetterling ist ihm wichtiger als die immer gleichen Gespräche der Alten über den Krieg. Der Schmetterling auch als Bild der Freiheit. Ein Lebensbild.

    Der zweite Sommer ist der August 1968, als jene Truppen durch Reichenbach im Vogtland rollen, die dem Prager Frühling ein Ende setzen werden. Mitten in der Panzerkolonne der Bruder des Jungen auf seinem Motorrad, der die Panzer auszubremsen versucht. „Der letzte Tag der Kindheit“ heißt die Geschichte, erschienen erstmals 1987, sieben Jahre nach der Ausbürgerung. Vorhergegangen war dem die Verhaftung in Leipzig, wo Rachowski Medizin studierte, – wegen „staatsfeindlicher Hetze“. Er hatte Texte von verfemten DDR-Autoren vervielfältigt – Wolf Biermann, Jürgen Fuchs, Reiner Kunze. Dafür wurde er zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt. Das hat ihn geprägt. Und bestätigt in seinem Protest gegen ein verschlossenes und bevormundendes Land. Es hat ihn nicht verbittert, wie so viele andere. Auch wenn er trotzdem nie in den Olymp der Bestseller-Autoren aufstieg. Denn er schreibt nicht gefällig, nur bildhaft. Sehr poetisch, nachdenklich. Man könnte sich einen ganzen Geschichtenband mit solchen kurzen Texten vorstellen. Geschichten aus dem Grenzland. Geschichten vom Widerspruch.Dies hier ist eher ein Sammelband, der den Kreis öffnet. In den drei Essays beschäftigt der Autor sich freilich auch mit seinem Leben, versucht es zu verorten in den größeren Geschichten des Landes. „Pseudonym und Fallbeil“ zum Beispiel beschäftigt sich mit Erich Ohser, in den 1920er Jahren einer der besten Freunde von Erich Kästner, manchem heute noch bekannt als begabter Zeichner unter dem nicht freiwillig gewählten Pseudonym e. o. plauen. Von ihm stammen die Geschichten von „Vater und Sohn“, die auch Rachowskis Vater seiner Familie im abgedunkelten Wohnzimmer zeigt. Es ist natürlich eine doppelte und dreifache Vater-Sohn-Geschichte, denn die Beziehung zu seinem eigenen Vater, der einst als Feldwebel der Waffen-SS auf einem Panzer kurz vor Moskau stand, bleibt für den Autor zeitlebens skeptisch-distanziert. Besonders kritisch für ihn: der stramme Wechsel des NS-Soldaten zum Kader in der nächsten Funktionspartei.

    Auch Ohsers Rollenwechsel wird thematisiert – vom genialen Karikaturisten, der von den Nazis Berufsverbot bekommt – zum dienstbaren Zeichner in Goebbels Diensten. Was ihn nicht davor bewahrte, in die Mühlen der NS-Justiz zu geraten. Ohser nahm sich da das Leben. Die Rückblende bleibt also unscharf. Und kritisch. So, wie Rachowski all jene kritisch beäugt, die glaubten, in der „inneren Emigration“ auch noch menschlich und widerständig sein zu können. Er glaubt nicht, dass das geht. Er hat es ja in der nächsten Diktatur selbst erlebt. Wie leicht man schon mit simplen Dingen in die Mühlen der Wächter geriet.

    Nachher, nach dem Fall der Mauer, hat er seine Akten studieren können. Und mehr Stoff darin gefunden, als ein Schriftsteller verarbeiten kann. Und er hat – nach seiner Rückkehr in den Osten – auch die alten Jugendfreunde wieder gesucht. Und in ihnen oft genug die lächelnden Rühmann-Typen wiedergefunden, die scheinbar unversehrt alles überstanden haben. Und sich nun wieder wählen ließen als Repräsentanten der neuen Demokratie. Doch was sie einst einte, ist ihnen abhanden gekommen. Da herrscht eine große Leere.

    Das beschäftigt Rachowski, der in seiner Spurensuche zu Reiner Kunze auch die Taten des Geehrten nachfragt und sein Menschsein. Und Menschbleiben. Bis zu jener sprechenden Szene in einer Fernsehreportage, in der sich Kunze weigert, nun auch noch mit dem Filmteam auf die Burg Hoheneck zu steigen, in der DDR ein berüchtigtes Frauengefängnis. Kunze reichte es an der Stelle schon.In der „Calwer Unschärfe-Relation“ spürt er Hesse nach, dessen Geschichten ihm einst Mut machten, den eigenen Weg zu gehen. Auch wenn er zu den frühen Werken selbst mittlerweile auf Distanz ist. Das Credo des gealterten Schriftstellers, der auch im Schreiben authentischer sein will, ist ihm jetzt näher.

    Und wer nach den fünf Texten noch nicht nachdenklich geworden ist, der wird mit Walter Schmitz nachdenklich. Der hat für das Buch selbst einen langen Essay geschrieben. Über Utz Rachowski und seine Erfahrungen „in drei deutschen Staaten“. Denn so einer passt ja nicht einfach deshalb, weil er nun die Grenzen überschritten hat. Auch der Westen hatte seine Deutungsmuster. Und seine Verkaufstresen. „Den Osten verlassen hieß eben nicht im Westen ankommen“, schreibt Schmitz. „Die ehemalige DDR wird zum Reich zwischen den Zeiten.“ Und weil Rachowski eben auch vor dem aktuell florierenden Literaturbetrieb keinen Bückling macht, bleibt er auch nach 1990 auf kritischer Distanz. Schreibt – wie in „Red‘ mir nicht von Minnigerode“ – auch über jene jungen Leute, die unverschuldet in die Fänge der Häscher gerieten. Und weil sie nicht einmal ein literarisches Werk hinterließ, noch viel schneller vergessen sind als etwa die Büchners.

    Doch auch sie gehören zum widerständigen Menschsein. Ohne diese Unerschütterlichen würden Regime nicht erschüttert, würden Zeiten sich nicht ändern. Meistens fordern sie nur das Simpelste ein: das Recht auf freies Leben und Denken. Das ist in starren Regimen eigentlich immer zu viel. Und jeder muss sich da die Frage stellen irgendwann, wieviel er hinnimmt ohne Protest, wie früh er aufsteht und sagt: Mit mir nicht.

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    Beide Sommer
    Utz Rachowski, Leipziger Literaturverlag 2011, 14,95 Euro

    Verständlich, dass Rachowski auch jene Autoren vertraut sind, die auch den kritischen Autoren in der DDR als Gegenentwurf zur staatlichen Erbepflege galten: Kleist, Büchner, Heine. Die ewigen Sucher nach ihrer eigenen Wahrheit. Denn was im 19. Jahrhundert galt, gilt für die folgenden genauso: Wo findet man sich selbst im Widerspruch zu den Normen und Erwartungen der Gegenwart? Und wie bleibt man sich treu? – Einfach macht sich Rachowski die Sache nicht. Aber er nimmt den Leser mit dabei. Und man weiß nach dem Lesen zumindest, warum die Antworten niemals einfach sind. Und warum gerade das das Spannende daran ist.

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