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Singen zur Ehre Gottes: Ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte im Spiegel eines Ausnahme-Chores

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    Beinah wären es 14 geworden, wenn das Interview den 1913 geborenen Horst Günther nicht zu sehr angestrengt hätte. 14 ehemalige Thomaner, die aus ihrer Zeit in Chor, Alumnat und Schule erzählen und von den Thomaskantoren, die sie prägten. Beinah wäre also auch Thomaskantor Karl Straube noch mit ins Buch gerutscht, der den Thomanerchor von 1918 bis 1939 leitete.

    In „schwierigen Zeiten“, wie es so schön heißt. Das Los blieb ja auch seinen Nachfolgern Günther Ramin (1939 – 1956), Kurt Thomas (1957 – 1960), Erhard Mauersberger (1961 – 1972) und Hans-Joachim Rotzsch (1972 – 1991) nicht erspart, der dann 1991/1992 auch noch erlebte, wie das ist, wenn man das den neuen Entscheidungsträgern nicht erklären kann. Und es wäre ein schlechtes Buch geworden, wären diese brisanten Außen- und Innenverhältnisse des Chores nicht zur Sprache gekommen. Aber: Sie kommen zur Sprache.

    Auch weil Sabine Näher, freie Autorin und Musikjournalistin, die vor allem den Musikredaktionen der ARD zuarbeitet, ihre 13 Gesprächspartner, die ausführlich Rede und Antwort stehen, auch unverblümt nach ihren Erfahrungen mit Gesellschaft, Thomaskantoren und der Stimmung im Chor fragt. Und zwar alle gleichermaßen. Den heutigen Thomaskantor Georg Christoph Biller, der von 1965 bis 1974 selbst Thomaner war, genauso wie den heutigen Universitätsmusikdirektor David Timm, der von 1978 bis 1987 im Thomanerchor sang. Die beiden sind jetzt nur als die alphabetischen Grenzpunkte der Interviewreihe genannt. Doch die Männer, die Sabine Näher interviewt, können praktisch über die komplette Zeitepoche von den 1950er Jahren bis heute berichten.Einige von ihnen haben eine Musikerkarriere eingeschlagen – wie der Kammersänger Martin Petzold, der amarcord-Mitbegründer Daniel Knauft oder auch Sebastian Krumbiegel, der schon während seiner Thomanerzeit ein „enfant terrible“ war und dann mit den „Prinzen“ auf ganz anderem Gebiet Erfolge feierte. Dabei werden nicht einmal die meisten Thomaner Musiker. Viele schlagen ganz andere Karrieren ein, wurden zum Beispiel Arzt wie Michael Fuchs.

    Konsequent fragt Sabine Näher sie auch nach ihren Erfahrungen mit dem engen Zeitkorsett im Chor, dem streng geregelten Leben im Alumnat und der Selbstverwaltung, die bis heute praktiziert wird und bei der jedem Thomaner Verantwortung übertragen wird und die Älteren auch die Aufsicht über die Jüngeren ausüben.

    So ganz beiläufig erfährt man, dass es dieses System der Selbstverwaltung auch erst seit dem 19. Jahrhundert gibt. Da kann man durchaus fragen, ob es sich in heutigen Zeiten überlebt hat. Und die Antworten sind durchaus unterschiedlich. Die meisten Befragten aber wissen ihre Erfahrungen damit zu schätzen. Jeder Thomaner erlebt das Leben nach klaren Regeln und mit nach und nach steigender Verantwortung anders. Nicht jeder ist auch den Aufgaben der höheren Jahrgangsstufen gewachsen. Doch fast alle erzählen davon, dass gerade die Verantwortungsübernahme im komplexen Korpus des Chores und des Alumnatslebens ihnen wichtige Voraussetzungen fürs eigene Leben mitgegeben haben. Und so mancher fragt: Was sollte man denn als Alternative einführen? Das „laissez faire“ der sonst üblichen individualistischen Erziehung, die heute die Norm ist, kann es ja nicht sein.

    Natürlich wird so beiläufig auch der Elite-Gedanke diskutiert. Immerhin war die Mitgliedschaft im Thomanerchor in DDR-Zeiten für viele Kinder aus christlichen Elternhäusern die einzige Möglichkeit, das Abitur zu bekommen. Der Chor war – auch unter Rotzsch – noch immer eine Insel in einer Gesellschaft, in der es die Regel war, die Schere schon im Kopf zu haben. Unter Ramin, Thomas und Mauersberger konnte sich der Chor augenscheinlich auch noch viele Freiheiten leisten, die ab den 1970er Jahren durch immer stärkere Einflussnahme des Staates eingeschränkt wurden.

    Und auch unter Thomaskantor Rotzsch erlebten die Sängerknaben durchaus unterschiedliche Zeiten. Und gerade Biller und Petzoldt erzählen von ihrer eigenen Rebellion, als der Druck von außen, den Chor von seiner christlichen Gebundenheit zu lösen, gerade bei den Thomanern auf heftigsten Widerstand stieß. Nicht ohne Grund lässt Sabine Näher anklingen, dass jetzt eigentlich so langsam der Zeitpunkt gekommen wäre, diese Entwicklung wissenschaftlich auszuarbeiten. Alles nur auf Hans-Joachim Rotzschs Stasi-Zuarbeit zu reduzieren und seinen tragischen Abgang 1992 ohne den notwendigen Hintergrund stehen zu lassen, zeugt zumindest auch von einer heutigen Scheuklappen-Mentalität.

    Und die Frage stellen sich natürlich alle Thomaner, die die Zeit mit Rotzsch erlebt haben – ist der teils als väterlich und sorgend erlebte Kantor ein Widerspruch zu dem Mann, der regelmäßig mit der Stasi sprach? Oder war eine andere Rolle gar nicht denkbar? So mancher Zeitzeuge ist sich sicher, dass die Auslandsreisen des Chores, an denen in der Regel alle Thomaner teilnehmen konnten außer jene, die gerade im Stimmbruch waren, ihren Preis hatten. Und besonders deutlich wird auch im Beitrag zu David Timm, dass sich gerade in den 1980er Jahren der Druck auf den Chor deutlich verstärkte.Hat Rotzsch seine Thomaner durch sein Handeln geschützt? Oder hätte er das Amt in dieser Zeit gar nicht behalten, wenn er nicht mit den „Männern in den Mänteln“ gesprochen hätte? Immerhin hatte ja die SED-Regierung frühzeitig begonnen, den berühmten Chor auch für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Als singenden Botschafter zum Beispiel.

    Natürlich gibt es am Ende keine klare Antwort. Man liest ja die Erinnerungen von 13 selbstbewussten und auch eigensinnigen Persönlichkeiten. Was sich augenscheinlich mit der „gemeinsamen Prägung“ durchaus verträgt. Christoph Rueger findet dafür wohl das treffendste Bild: „Es gibt kein besseres Modell für Demokratie als die Polyphonie.“ Denn natürlich müssen sich in Chor und Alumnat alle zusammenraufen, jeder hat seinen Stimmpart und seine Rolle. Und der faszinierende Klang des Chores kommt dann zustande, wenn alle auf der Höhe sind und wissen, wann sie einsetzen müssen.

    Dass dazu auch ein begnadeter Kantor gehört, der mit den Jungen unterschiedlichster Altersstufen umgehen kann, das beweist aktuell eben auch Georg Christoph Biller, der seinen Thomassern auch die religiösen Hintergründe der Musik vermittelt, was gerade all jene wichtig finden, die nach der Thomanerzeit eigene Musikerkarrieren eingeschlagen haben. Was sich seit 1990 nicht geändert hat, ist das starke atheistische Element unter den Thomanern. Die Kinder aus christlichen Elternhäusern überwiegen nicht mehr. Und trotzdem funktioniert es – wohl auch, weil das Christliche in der Musik Johann Sebastian Bachs unablösbarer Bestandteil seiner Kompositionen ist. Wer in den Motetten und Passionen singt, der singt „zur Ehre Gottes“, die bei Bach eben auch eine unbändige Freude am (christlichen) Leben auf Erden ist.

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    Singen zur Ehre Gottes
    Sabine Näher, Evangelische Verlagsanstalt 2012, 16,80 Euro

    Wer acht Jahre lang in diesem Chor aufwächst, der bekommt auch eine Menge sozialer Kompetenz mit, die Fähigkeit zu Organisieren und Verantwortung zu übernehmen. Und das auf eine Art und Weise, die sich von den üblichen Elite-Schulen auf Erden deutlich unterscheidet. Der Chor hat zwar deutlich weniger Bewerbungen als in der Vergangenheit – doch die Jungen, die sich bewerben, die treibt augenscheinlich der Wunsch, genau in diesem Chor dabei zu sein.

    Der Verlag hat sogar einen schmalen Goldstreifen um sein Buch gelegt. Man lernt was draus, lernt 13 1/2 eindrucksvolle Persönlichkeiten kennen, erfährt eine Menge über das Leben in Chor und Alumnat und weiß am Ende, dass es auch in großen Zeitenumbrüchen niemals nur einfache Antworten gibt.

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