Leipziger Synagogalchor: 50 Jahre in Bildern, Zahlen und Würdigungen

Das Besondere am Leipziger Jubiläum ist gar nicht einmal das Jubiläum, auch wenn 50 Jahre für einen Chor ein schöner Meilenstein sind. Das muss man erst einmal schaffen. Aber der Leipziger Synagogalchor war schon 1962, als Werner Sander ihn gründete, etwas Besonderes. Denn von den einst in Leipzig lebenden Juden hatte kaum einer das Nazi-Reich überlebt. Und wer überlebt hatte, war in der Regel geflüchtet.
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Die wenigsten kehrten zurück. Die Gemeinde war winzig. Ab 1950 war Werner Sander Kantor der Leipziger und der Dresdener Synagoge. Schon als Junge war er Mitglied im Synagogalchor seiner Geburtsstadt Breslau (Wroclaw) gewesen. Im „Leipziger Oratorienchor“ hatte Sander sangesfreudige Gemeindemitglieder versammelt. Auch Nichtjuden, wie Kurt Grünhagen betont, der dieses Buch zum Jubiläum zusammengestellt hat. Die Gründung des Synagogalchors 1962 war ein doppeltes Experiment – bei dem Sander nicht nur vorhatte, die von ihm geretteten Synagogen-Musiken wieder zur Aufführung zu bringen, sondern das auch mit nichtjüdischen Chormitgliedern in einem echten, professionell arbeitenden Kammerorchester.

Für tragende Partien wurden auch echte Profi-Sänger engagiert – wie der an der Oper Leipzig angestellte Kammersänger Helmut Klotz, der den Chor 1972 nach dem Tod von Werner Sander auf Bitten von Helmut Aris, Präsident des Verbandes jüdischer Gemeinden in der DDR, übernahm. Wohl ohne absehen zu können, dass er den Chor 40 Jahre leiten würde. Getan hat er das freilich mit dem selben künstlerischen Anspruch wie Sander. Unübersehbar nahm auch die Zahl der Konzerte und Konzertreisen zu, seit Klotz den Chor leitete. Früh schon verstand sich die Sängergemeinschaft auch als Botschafter für Frieden, Versöhnung und Verständigung.Der Chor sang regelmäßig zum 9. November, dem Gedenken an die Pogromnacht von 1938. Die erste Chorreise nach Polen war 1983, dort sorgte er für eine ähnliche ergreifende Überraschung wie 1993, als er erstmals nach Israel reiste. Dort verblüffte er schon allein durch die schlichte Tatsache, dass ein nichtjüdischer Chor aus Deutschland mit höchstem Anspruchsniveau jüdische Musik pflegte.

Und pflegt. Bis heute. Die Broschüre mit vielen Foto-, Brief- und Musikdokumenten hat Kurt Grünhagen, selbst Mitglied des Chores als Tenor, für das Jubiläumskonzert im April zusammengestellt. Hier findet sich nicht nur die Geschichte des Chores in knapper Form dargestellt, hier findet sich auch eine Übersicht über die Reisen und die verschiedenen Tonträger-Einspielungen, es finden sich die Ehrungen und eine Übersicht über das mittlerweile sehr umfangreiche Repertoire. Man findet auch etliche Dankschreiben und Presseartikel drin, die nachvollziehen lassen, wie der Chor über die Jahre an Aufmerksamkeit und Beliebtheit gewann.

Und Grünhagen lässt auch die kleine Botschaft an den Nachfolger von Helmut Klotz nicht aus, der 2012 das Amt des Chorleiters abgab. Das Halten des Niveaus wird nicht leicht. Nachfolger als Dirigent wurde Ludwig Böhme. Aber wann nimmt man schon einmal solche Herausforderungen an und will das Niveau nicht halten? Erst dann macht doch die Arbeit mit so einer Gemeinschaft Sinn und Freude.

Die reich bebilderte Broschüre ist ein Meilenstein, ein sinnvoller Punkt, an dem sich ein Blick über das Erreichte lohnte und an dem alle Beteiligten stolz sein konnten auf das, was sie geleistet haben. An Musik und an Verständigung. Da können Politiker noch so viel miteinander palavern und „Beschlüsse ratifizieren“ – die wirkliche Begegnung passiert immer auf menschlicher Ebene, in der Achtung der Kultur des jeweils anderen, dem Einander-näher-Kommen ohne Pomp und großes Geschwafel. Manchmal einfach in so einer Musik, die einst in den Synagogen in Deutschland zu Hause war. Bis ein paar Größenwahnsinnige anfingen, Bücher, Synagogen und Menschen zu verbrennen.

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Leipziger Synagogalchor
Kurt Grünhagen, Leipziger Uni-Verlag 2012, 19,00 Euro

Was der Leipziger Synagogalchor über die 50 Jahre geleistet hat, ist auch echte Trauerarbeit – die eine einstige DDR-Regierung so nie leisten wollte. Und dennoch begriff man am Ende den Wert dessen, was die Leipziger Sängerinnen und Sänger da leisteten. Und verlieh dafür sogar noch paar Orden. Aber es gibt eben auch Orden aus dieser Zeit, die wurden zu Recht verliehen. Es gibt so einiges, auf das die Leipziger stolz sein können – der Synagogalchor gehört dazu.


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