Christian von Aster und die Wahrheit über Sindbad: Die Wüsten Geschichten

Er liest auch schon mal zu Hochzeiten, Büroeinweihungen und in Kinosälen. Gernstens kommt er auch nach Leipzig. Am 31. August zum Beispiel liest er in der schwimmenden Kirche Vineta auf dem Störmthaler See. Und verraten hat er auch schon, was er da liest: die Wahrheit über Sindbad, Aladin und Co. - Die kann, wer will, auch vorher schon lesen und anhören.
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Bei Periplaneta in Berlin in der Edition Drachenfliege sind seine „Wüsten Geschichten“ jetzt erschienen. Acht Stück an der Zahl. Ob es ursprünglich tatsächlich einmal 1000 Geschichten waren, die in der indischen Vorlage standen, die der persischen Variante der 1001 Geschichten zugrunde lagen, wissen auch die Forscher nicht wirklich. Auch in den Handschriften, die in der arabischen Welt zirkulierten, differierte die Zusammenstellung der einzelnen Erzählungen beträchtlich. Und so sind auch die Übersetzungen, die ab dem 19. Jahrhundert in Europa entstanden, eher zufällige Sammlungen von Geschichten, die aber ahnen ließen, welcher Geschichtenschatz im Orient lebendig war.

Und einige Helden aus diesen Geschichten gehören heute zu den unverwüstlichen Standards der Weltliteratur und natürlich des Filmgeschäfts. Und genauso gern schnappen sich Autoren diese Gestalten und erzählen dann ein paar Geschichten, die so auch in keiner arabischen Handschrift zu finden sind. Christian von Aster tut es mit Lust und Augenzwinkern. Er bietet sich zwar gern mal als Märchenerzähler an, liebt auch das Phantastische, gibt auch gern zu, dass er nett sein kann, wenn er will.

Aber als Flachländer ist er gewohnt, die Dinge nüchtern und skeptisch zu betrachten. Für die Romantik und den seelischen Überschwang waren in der deutschen Literatur immer die Schwaben, Schweizer und Thüringer zuständig. Wer keine Berge vor der Haustür hat, sondern bestenfalls einen Treidelpfad, der nimmt auch die Erzählungen von den Heldentaten eines Sindbad nicht ohne Zweifel hin, der denkt sich sein Teil, fragt sich zum Beispiel wie von Aster, wer die Story eigentlich erzählt hat. Dass es Sindbad selber war, darf wohl bezweifelt werden. Immerhin erlebt er Abenteuer, die bekanntlich genauso ausufernd waren wie die des Odysseus, nur dass der Indische Ozean noch eine gewaltige Ecke größer und exotischer ist als die Inselwelt Griechenlands. Wer also erzählt die Geschichte?

Und – da kommt der skeptisch gewordene Bürger der modernen Welt durch: Wer hat sie bezahlt? Was natürlich die Frage nach sich zieht: Was stimmt noch an der Geschichte, wenn sie bezahlt wurde?Ganz heimlich ist von Aster ja auch ein Philosoph. Ein ernüchterter Philosoph. Wie bringt man Teppiche zum Fliegen? Auf jedem Basar sieht man doch welche fliegen. Aber wer kennt das Geheimnis? – „Miasmatisches Mirakelspiel“ heißt die Geschichte, die natürlich auch verrät, wie Teppiche zum Fliegen kommen. Sie spielt aber auch mit einer anderen alten menschlichen Kunst: der Kunst, wildfremde Leute, Touristen zum Beispiel, zu staunenden Eingeweihten eines ungemein spannenden Geheimnisses zu machen. Eine Kunst übrigens, von der Märchenerzählerei in Orient und Okzident seit Jahrtausenden lebt, egal, ob es die Märchenerzählerei für ein ordentliches Buch ist, für einen der obskuren Geheimdienste in der Welt oder eine dieser faszinierenden Wissenschaften, die ihr Geheimnis nur offenbaren, wenn der Adept das Geld überwiesen hat. 99 Prozent der Geschäftsmodelle im Internet funktionieren übrigens nach diesem Rezept.

Der Mensch möchte ja so gern glauben, dass man für 99 Euro das Paradies erleben kann.

Scheinbar, aber wirklich nur scheinbar erzählt von Aster davon nichts. Auch wenn sich eigentlich alle seine kleinen Geschichten aus der Wüste mit Entschleierungen beschäftigen. Auch der der märchenhaften Sheherazade mit ihren sieben Schleiern, oder acht … eigentlich sind’s neun.Der Leser erfährt, wie leicht man den Dschinn in die Flasche bekommt, wenn man weiß, was der Dschinn will. Es ist eine von den Geschichten, die von Aster in Reime gepackt hat. So kann er auch ein wenig Bänkelsänger sein, wenn er seine „Wüsten Geschichten“ vorträgt. Auch wenn er kein Bänkel dazu braucht, er könnte sich auch auf einen Teppich setzen und erzählen, wie man sich das von den Märchenerzählern des Orients so vorstellt, wenn die Leute, die den Mann gerade mit der Karawane aus Bagdad kommen sahen, nun alle brennend wissen wollen, ob das stimmt mit Sheik Hahouds Panter und was man da vom letzten Räuber Ali Babas gehört hat – und was ist aus den anderen 39 geworden? Man hört ja ständig irgendwas.

Und die Wahrheit ist: Es hat sich seit den Zeiten Aladins nichts geändert. Die meisten Leute vertrauen hingebungsvoll jedem Märchen, das ihnen einer auftischt. Sie wollen Märchen. Sie wollen aus berufenem Munde hören, dass da hinten, hinter der Wüste, alles richtig mächtig gewaltig und unvorstellbar ist. – Aber da die Leute, die zu Christian von Asters Märchenstunden auch schon mal über den See schippern, wissen, was sie an dem Burschen haben, richtet von Aster mit seiner Enthüllungsarbeit natürlich keinen Schaden an.

Die Leute, die wirklich noch an Märchen glauben, die lesen nicht, die hören auch nicht zu.

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Die Wüsten Geschichten
Christian von Aster; David C. Kery, periplaneta Verlag 2012, 13,50 Euro

Das hier sind acht kleine Geschichten für Leute, die so eine Ahnung davon haben, wie Märchen entstehen und wer dafür bezahlt. Anhören kann man sich das alles auch. Auf der beigelegten CD sind die Geschichten vom Autor eingelesen. Und wer von dem Burschen aus Seesen selbst erfahren will, was er von den heutigen Dieben hält, der kann am 31. August nach Vineta schippern. Bootsüberfahrt 17 Uhr, Lesungsbeginn 18 Uhr. Vorbestellung sinnvoll.

www.vonaster.de


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