Die Rückkehr des Wassermannzeitalters: Jorge auf der Suche nach der Weltenformel

Wie viele Bücher über den Versuch einer Selbstfindung wurden hier eigentlich schon besprochen? 10, 50, 100? - Es ist, als meldeten sich nun die Kinder der 68er zu Wort und haben nun die selben Träume, den selben Groll und die selben Ausbruchsvisionen. Und die selben Bücher gelesen - Carlos Castaneda natürlich. Und unumgänglich und immer wieder: "On the Road" und alles andere von Jack Kerouac.
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Es ist, als käme die westliche Gesellschaft nach einem großen Umweg wieder zurück ins Wassermannzeitalter. All die großen Lösungsansätze der letzten Jahrzehnte haben sich als Fehler erwiesen. Der Mensch ist so ratlos wie zuvor – und entdeckt in den esoterischen Selbstfindungen der Eltern oder gar schon Großeltern eine Fluchtmöglichkeit aus dem nur noch als sinnlos zu interpretierenden Dilemma. Die Esoterik-Regale in den Buchhandlungen platzen aus den Nähten.

Selbst große Autoren der jüngeren Weltliteratur scheinen auf dem Sonnenweg zu sein – wie Paulo Coelho, den T. C. Wilde gleich mehrfach erwähnt in diesem Buch, in dem er seinen Helden Jorge auf die Suche nach sich selbst schickt. Dabei bereist der Leadgitarrist der erfolgreichen Band „The Emirates“ das „Medizinrad“, das ihn fast um die ganze Welt führt – an alle möglichen Orte, die in der modernen Esoterik- und Schamanenliteratur immer wieder eine Rolle spielen: den Amazonas-Urwald, den eisigen Norden Alaskas, das okkulte Indien mit seinen Buddhas und Hippie-Kommunen, Afrika mit seinen geheimnisvollen Medizinmännern, und auch den europäischen Norden – im Norden Finnlands erlebt Jorge seinen Sonnentanz.

Der Autor verspricht nicht nur am Ende des Buches, dass er sich mit dieser Art Leben selbst identifiziert – er scheint es auch so zu leben: 1967 in Hessen geboren, ausgebildeter Lehrer, aber dann doch lieber Aussteiger, einer, der wie sein Buchheld auch mal eine Auszeit nimmt, um auf die Suche nach sich selbst zu gehen. Die Auszeit für dieses Buch hat er sich augenscheinlich irgendwo in der Stille Brandenburgs genommen.
Es kommen viele skurrile Gestalten drin vor. Eine Aussteigergruppe, die mit ihren Jeeps durch Afrika gondelt und die Freiheit genießt, nirgendwo wirklich zu Hause zu sein, diverse Schamanen, ein Dämon, ein Engel, zwei besoffene Russen, ein hilfsbereiter finnischer Tankwart usw.

Gäb’s die Klassiker in New-Age-Regal nicht, man fände sich in einer bezaubernd fremden Welt wieder. Aber seit Leute wie Jack Kerouac ernsthaft über die Möglichkeiten nachgedacht haben, aus einer fremdbestimmten und genormten Lebenswelt auszubrechen und irgendwo in diesem ganzen Schlamassel sich selbst zu finden, ist das nicht mehr wirklich neu. Und nicht nur das immer wieder neu aufgelegte „On the Road“ sollte man lesen, auch wenn es das Drama dieser Sinnsuche bis heute am intensivsten zeigt. Noch viel intensiver schildert Kerouac seine Rastlosigkeit und die Suche nach einem tieferen Sinn in dem Erzählungsband „Gammler, Zen und hohe Berge“. Und wer sich das schon zugemutet hat, der hat ziemlich sicher daneben auch die Illuminaten-Trilogie von Robert Anton Wilson stehen, in der man dann eigentlich alles findet, was in der New-Age-Bewegung und allen esoterischen Folgewellen eine Rolle gespielt hat.

Denn ohne ihr Gegenstück – das dunkle Reich der Verschwörungen – hat auch das sonnige Hippie-Zeitalter nicht auskommen können. Manchmal sind es irdische Verschwörungen, manchmal kosmische Mächte, die in das Schicksal der Sonnenkinder hineinpfuschen. Bei T. C. Wilde sind es „Die Grauen“, eine finstere Verschwörertruppe aus dem Weltall, die verhindern will, dass die Sirianer und Orionleute in den Besitz der Weltformel gelangen, die ausgerechnet ein gerade auf Sinnsuche durch die Welt reisender Musiker namens Jorge besitzen soll.

Womit man dann auch noch die unübersehbare Nähe zur bislang besten Persiflage auf die große Sinnsuche der Beat-Generation hat: Douglas Adams‘ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Und die ist – das wissen alle, die es auch nur einmal versucht haben, es ähnlich zu machen – kaum zu toppen.

Womit man bei einem Grundproblem ist, um das Autoren im späten New-Age-Zeitalter nicht herum kommen: Die Klassiker sind schon geschrieben. Und die Erzählmuster sind teilweise so stark, dass sie alle Erzählversuche, die ihnen folgen, zwangsweise ins selbe Schema pressen.

Was freilich nichts daran ändert, dass es wieder eine Menge Menschen gibt, die sich mit den Entwicklungen unserer modernen Gesellschaften nicht mehr arrangieren können oder wollen oder beides, die nach neuen (oder alten) Wegen suchen, sich wieder eins mit sich, der Welt und ihrer Liebe zu fühlen. Was natürlich die Suche nach Menschen voraussetzt, mit denen sich das machen lässt. Manche versuchen es mit Drogen – aber das funktioniert auch nach der 100. Erzählung nicht. Noch nicht ein einziger Drogen-Begeisterter hat es geschafft, auch nur ansatzweise etwas aus seinem tollen Rauschzustand zu erzählen, das man mit klarem Kopf nicht auch erleben könnte. Sinnvoller sowieso.

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Der Medizinradkrieger
T. C. Wilde, Einbuch Buch- und Literaturverlag 2012, 12,90 Euro

Was natürlich keineswegs überflüssig macht, nach Alternativen zur ihrerseits selbst vom Rausch besessenen Gesellschaft zu suchen (oder was sind Konsumwahn, Raserei, Arbeitswut und Gier anderes als Räusche? Ersatzbefriedigungen für ein nicht gelebtes eigenes Leben?). So betrachtet, ist die New-Age-Bewegung fester Bestandteil einer Welt, die den Rausch als tägliches Ritual installiert hat.

Ist die Ausflucht also gar keine? Das bleibt eine offene Frage. Die Traumprinzessin bekommt er natürlich am Ende. Aber unsereins denkt dann immer gleich an Tucholsky und die schöne Frage: Was kommt eigentlich nach dem Happyend?

http://einbuch-verlag.de


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