Deutsche Inventuren: Ein Poesiealbum mit 29 erstaunlichen Zwischenbilanzen

Am 20. Dezember jährt sich der Todestag des Lyrikers Günther Eich zum 40. Mal. Für Ralph Grüneberger - der sich mit Eich schon ein paar Mal essayistisch beschäftigt hat - war es Anlass genug, ein Gedicht von Günther Eich zum Thema des neuen "Poesiealbum neu" zu machen. "Inventur" heißt es. Was kommt dabei heraus, wenn Dichter Inventur machen? Wer erwartet hätte, es würde so eine Art Sammlung der Besitzstände werden, ein buntes schillerndes Bild der Dinge, die man als denkender Mensch so um sich braucht, der wird es nicht finden.
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Keine Kunstsammlung, die Dichter in der Regel sowieso nicht haben, keine Kosmetikgalerie der Düfte und Farben, nicht mal eine Vorratskammer, in der sich die (Über-)Lebensmittel aus dem Supermarkt stapeln.

Schon bei Eich hatte die Inventur nicht den Charakter einer kaufmännischen Bestandsaufnahme. Er schickte keine emsigen Helferlein in den Nachfesttrubel, um die Marmeladengläser, Käsepackungen und Joghurtbecher zu zählen. In der Registrierung dessen, was der Erzähler an Rudimentärem am Leib trägt, kommt ein Lebenszustand zum Vorschein, in dem sich das Jahrhundert und die Armut spiegeln. Es ist ein Gedicht mit einer großen Spannweite, so groß, dass der Titel schon fast sarkastisch klingt. Denn hier rechnet keiner ab, hier macht keiner eine Verrechnungsbilanz auf. Hier ist einer, der gelernt hat, mit dem Allernotwendigsten auszukommen. Und der auch weiß, wie wertvoll das Allernotwendigste tatsächlich ist – das Blechgeschirr, ein Paar warme Socken, die Bleistiftmine, das Notizbuch, der Zwirn …

Es ist die festgeschriebene Erinnerung an Zeiten, die noch gar nicht so weit zurückliegen, und in denen viele Einwohner dieses Landstrichs mit so wenig auskommen mussten. Und mit so viel. Und in der das Wegwerfen, wie es sich in den letzten 60 Jahren als scheinbar normaler Konsumstandard in Deutschland etabliert hat, nicht das Normale war. Schuhe brachte man zum Schuster, wenn sie kaputt gingen, Kleider wurden gewendet, Möbel vererbt …Ein Wissen, das auch die älteren Dichter in dieser Auswahl teilen. Es ist nicht nur Nostalgie, wenn sie die Dinge aufzählen, mit denen sie ihr Leben verbrachten und verbringen. Oft genug ist es die Schilderung ihres Arbeitsortes, des Zimmers, das für sie Schreib- und Lebensort ist. Und zuweilen chaotisches Stapelgedächtnis – wie bei Kurt Drawert.

Die Grenzen sind fließend. Denn zur Bestandsaufnahme gezwungen wird man zumeist dann, wenn der Haushalt der Eltern aufzulösen ist. Auch das ein relativ modernes Phänomen. Denn in Zeiten, in denen Hausrat vererbt wurde und in der Familie blieb, musste nichts aufgelöst werden, musste niemand entscheiden, was auf den Sperrmüll kommt, was auf den Wohltätigkeitsbasar und was in die Kleidersammlung. Aber dieses Ausräumen der Wohnung zwingt auch immer zur eigenen Bilanz: Was bleibt?

Was wird bleiben? – Das fragt sich in diesem Band auch so mancher, der just über die 50 ist. Da fängt man an, eine Summe zu bilden, das eigene Leben zu wichten. Zurückzuschauen sowieso, denn die übermütige Zeit der Kindheit, als der Tod nur eine Sache anderer Leute war und man selbst die ganze Unendlichkeit vor sich hatte, die ist lange vorbei. Auch der Rausch der Jugend, als man das eigene Leben noch mit vollen Händen packen konnte, Fehler machte mit Lust am Ausprobieren, ist vorbei.Irgendwann merkt man, dass man in diesem Rausch Wegmarken passiert hat und Entscheidungen gefällt hat, die dann das Leben des Erwachsenen bestimmen. Das kann niederschmetternd sein. Wer wünscht sich da nicht, noch einmal alle Möglichkeiten zu haben? – Das kann aber auch beruhigend sein. Denn was man hat, hat man. Kinder, Geliebte, Freunde, Erinnerungen, Erlebnisse, Erfahrungen.

Und wenn’s gut kommt, eine Überraschung, wie sie in Joanna Lisiaks „Zusammengerechnet“ auf einmal zu Tage kommt: „Mit dir habe ich nicht gerechnet. / So gar nicht wirklich …“ Vielleicht das Schönste, was einem als Lebenskunst möglich ist: Sich überraschen zu lassen. Auch von sich selbst. Was natürlich etwas als Voraussetzung hat, was sich nicht jeder bewahrt: heitere Gelassenheit. Und die Fähigkeit, sich selbst nicht so bitter ernst zu nehmen. In zwei Gedichten taucht tatsächlich ganz flapsig die Wendung auf: „nicht alle Tassen im Schrank“.

Es ist keine Überraschung, dass Dichter mit dem Sparkassen-Werbespruch „Mein Haus! Mein Boot! Mein Auto!“ nichts anfangen können. Boote mieten sie im besten Fall mal für eine subversive Stauseelesung. Ihnen ist dieses hingeknallte „Mein!“ auch ziemlich egal. Da sie sich – wenn sie gut sind – ein Leben lang mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftigen, werden sie auch die Werbezeitschrift einer Sachsen Bank nicht mal aus Neugier in die Hand nehmen und versuchen, „Geld & Glück“ in irgendeine Balance zu bekommen. Gar noch unter der Fragestellung: „Gewinne entnehmen oder reinvestieren?“

Wer solche Texte für ein Kundenmagazin „Werte“ schreibt, hat’s nicht verstanden. Und ziemlich sicher ist: Auch unsere Gesellschaft wäre eine andere, wenn nicht die falschen Werte stets als die richtigen verkauft würden. – Erstaunlich natürlich, dass kaum ein Gedicht eine politische Bilanz aufmacht. Gilt nicht für das große Ganze auch, was für das einzelne kleine Leben gilt? So, wie es Roland Bärwinkel aufmacht, so simpel in „Rechnung“. Wertanlagen kommen darin nicht vor. Aber Menschen. Und in diesem Fall: die Freunde, die er verlor auf seinem Lebensweg – den einen an Prostatakrebs, einen an den Alkohol, eine an Tabletten und eine trügerische Ehe …

Das sind dann wirklich die Bilanzen, die das Leben aufmacht, die wirklichen Verluste. Und Gewinne. Denn natürlich kann man all die Menschen und Begegnungen, die einem nahe kommen und nah sein wollen, als Plus hinschreiben. Ins Gedicht natürlich. Das kann man nicht einfach zählen und abschreiben wie eine „Investition“. Denn das ist Teil dessen, was man so Leben nennt. Und wer nun am Ende des Jahres das Gefühl hat, dass da irgendwas fehlt, weil ihm keiner was gibt, der ahnt vielleicht, dass das Bekommen etwas mit dem Geben zu tun hat, dass die wirklichen Reichtümer die sind, die jeder selbst uneigennützig verteilt.

Das muss gar nicht der prahlerische Truthahn von Ebeneezer Scrooge sein. Es hat wirklich nichts mit Geld zu tun.

Ralph Grüneberger (Hrsg.), Poesiealbum neu: „Deutsche Inventuren. Gedichte“, Edition Kunst und Dichtung, Leipzig 2012, 4,80 Euro


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