Es wagnert in Leipzig: Eine kleine Kampfschrift und ein Plädoyer für den jungen Wagner in Leipzig

Die These ist nicht steil, aber gut: "Was in Bayreuth vollendet, war in Leipzig auf den Weg gebracht". Darauf baut der Germanist, Geograf und Pädagoge Harald Otto (Jahrgang 1941) sein kleines Handbuch auf, das zum großen Teil auch Streitschrift ist. Denn Otto ist auch bekennender Wagnerianer. Und das ist in Richard Wagners Geburtsstadt auch im Jahr 2012 noch eine kämpferische Position.
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Auch eine verletzte und verletzliche. Das kommt dazu. Ein Teil der Leipziger hatte schon immer so seine Probleme mit der wagnerschen Art, Musik zu machen, ein anderer war davon begeistert. Die Politik spielt ihre Rolle dabei – mal in ihrer Ablehnung, mal in ihrer Andienung an finstere Geister der Zeit. So wie Nietzsche wird auch Wagner heute noch in mancher Interpretation als Vorläufer der Hitlerei angezählt. Was auch daran liegt, dass sich ganze Historiker-Garden mit allem möglichen aus dem piefigen Nachlass des Herrn Hitler beschäftigen – die Entstehung des deutschen Faschismus aus dem größenwahnsinnigen Kaiserreich preußischer Provenienz aber möglichst meiden als Thema.

Was heißt das für Leipzig? – Zumindest ein in Teilen verklemmtes Verhältnis zu Wagner. Womit die Stadt nicht allein dasteht. Bayreuther Inszenierungen leiden darunter genauso wie der Eiertanz um den 200. Geburtstag Wagners, den so mancher Leipziger nur allzugern hinterm 200. Jahrestag der Völkerschlacht verstecken möchte. Was noch schlimmer ist.

Denn beides gehört zusammen. Auch wenn Otto diesen Aspekt seiner These nicht weiter ausbaut: Ohne den frühen Tod des Polizeiaktuarius Carl Friedrich Wagner – den kein geringerer als E.T.A. Hoffmann als einen kunstsinnigen und diskutierfreudigen Mann beschreibt – hätte auch das Leben des Richard Wagner anders ausgesehen. Sein Ersatzvater, der Schauspieler Eduard Geyer, der 1821 auch zu früh starb, und sein Onkel Adolf Wagner hätten natürlich trotzdem eine Rolle gespielt. Eine etwas andere. Und Wagners frühe Kindheit hätte sich sehr wahrscheinlich nicht im prekären Hin und Her zwischen Leipzig und Dresden, sondern sehr konsequent in Leipzig abgespielt. Möglicherweise auch mit weniger frustrierenden Erlebnissen an der Nikolaischule.
Das ist jetzt alles graue Theorie. Aber im 21. Jahrhundert braucht man auch seinen Enkeln nicht mehr zu erzählen, wie stark solche frühen Verwerfungen in der Kindheit ein Leben bestimmen. Obwohl so recht nicht klar wird, mit wem sich der auf dem Fockeberg sitzende Harald Otto da eigentlich so lehrerhaft unterhält. Es stört eigentlich nur, auch wenn man die Diskussionen und Ottos Frust über das moderne „Regietheater“ teilen kann. Leipzig hat auf seinen hochsubventionierten Bühnen in den letzten Jahren genug Humbug erlebt.

Weiterer Humbug wird im öffentlichen Raum Gestalt annehmen. Auch die Haltung Ottos zu Balkenhols seltsamen Wagner-Denkmal, das 2013 auf dem Klinger-Sockel am Dittrichring aufgestellt werden soll, kann man teilen. Denn tatsächlich stellt Otto ja noch eine zweite These auf: Wenn ein Irrtum der Grundstein für die moderne Wagner-Rezeption ist, dann ist der ganze draufgepackte Haufen falsch. Er bezieht sich dabei auf Goethe, den die Nazis übrigens genauso missbrauchten wie Wagner. So wie sie alles missbrauchten, was ihnen irgendwie dienlich schien für ihre obskure Selbstdarstellerei.

Und ganz bestimmt ist falsch, Wagner für Hitler in Geiselhaft zu nehmen. Doch genau das tut das eigenartige Wagner-Denkmal, das Balkenhol entworfen hat. Er hätte dem übermächtigen Schatten hinter der verduckten Kapellmeistergestalt nur noch die Kontur eines bramarbassierenden Hitler zu geben brauchen, und die Karikatur wäre perfekt gewesen.

Es steht so manches Kopf in der deutschen Geschichts-Aufarbeitung.
Und an Wagner wird das beispielhaft. Natürlich ist er kein leicht verdaulicher Geselle. Weder seine Musik noch seine großen mythischen Bögen sind auf einen simplen Nenner zu bringen. In vielen Teilen spiegeln sich darin die Ansprüche und Erwartungen seiner Kindheit und Jugend. Letztere war – Otto wiederholt es fast zu oft – eine von Revolutions-Träumen getragene. Wagner stand während der Märzrevolution in Dresden auf dem Kirchturm und beobachtete die anrückenden – preußischen – Truppen. Während der ebenfalls nach Dresden abgewanderte Robert Schumann sich hinterm Klavier versteckte.

Und Wagner stand nicht ohne Ursache da oben. Er stand in engstem Kontakt mit dem, was man damals Junges Deutschland nannte. Mit Heinrich Laube und Heinrich Heine war er bekannt.

Was fehlt bis heute? – Ein ordentliches Buch dieser „Feuerköpfe“ aus dem Vormärz – auch über ihre Karrieren nach der niedergeschlagenen Revolution von 1848/1849. Zumindest im Stadtgeschichtlichen Museum kann man nun wieder den berühmten „Verbrechertisch“ sehen, an dem die einst zu Festungshaft Verurteilten sich danach trafen. Einige wurden brav und bieder, andere wurden zum Chamäleon und versuchten sich anzupassen. Wagner floh rechtzeitig in die Schweiz – auch weil ihm geholfen wurde. Und zwar insbesondere durch seine Leipziger Familie. Denn seine Schwestern haben in gut betuchte Familien eingeheiratet – die Brockhaus-Familie zum Beispiel.

Und da auf einmal sieht man Wagner durch die Friedrichsstadt laufen, von Haus zu Haus – hier kannte man den Burschen, lud ihn ein. Auch wenn man seine Vorstellungen von Musik nicht immer teilte und ihm immer wieder mit Geldspritzen aushelfen musste. Otto beleuchtet die bis heute wahrscheinlich völlig unterschätzten Rollen von Mutter Johanna und Schwester Rosalia, deren Grabmale auf den Alten Johannisfriedhof zu sehen sind. Genauso wie die Grabmale der Familie Brockhaus, die eben auch Wagners Familie war.

Otto macht gleich anfangs auch einen Ausflug in die Geschichte der Wagner-Familie. Und orakelt in seinem Text ein bisschen über die Bedeutung der Landschaft und der Familie, aus der einer kommt. Das ist stellenweise ein bisschen deftig. Erst recht, wenn bei der Spurensuche deutlich wird, wie prägend Herkunft im 18. und 19. Jahrhundert tatsächlich noch war. Man wechselte nicht einfach den Stand und den Beruf, wie das heute so üblich ist (wenn’s möglich ist).

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Nach Dresden ging Wagner 1842 – nach einigen vergeblichen Versuchen, irgendwo als Kapellmeister unterzukommen. Bis dahin hat sein Leben selbst erstaunliche Parallelen mit dem eines gewissen E.T.A. Hoffmann. Aber auch mit dem Robert Schumanns. Da hat einer Talent – aber die Jobs, auf denen man damit zumindest seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, sind rar gesät. Und dass Wagner Talent hatte (wenn auch keine systematische Bildung), bestätigen mehrere Zeitgenossen.

Und Wagner wollte noch dazu mit eigenen Werken wirksam werden, Werken, die nicht einfach nur schöne Fabeln und Legenden oder italienische Opernfröhlichkeit verbreiteten, sondern so etwas wie eine Botschaft. Irgendwo zwischen Marx und Antike angesiedelt, ein gewaltiges Spiel mit Mythen, Allegorien und ihrer tieferen Bedeutung. Darüber kann man streiten. Und gute Regisseure arbeiten mit diesem Stoff so, dass den Zuhörern Raum für eigene Interpretationen bleibt. Das kann man bombastisch finden oder viel zu überladen mit Bedeutung.

Aber es wird Wagner nicht gerecht, ihn damit einfach den Nazis zuzuschieben. Die haben ihn einfach nicht verdient. Verstanden sowieso nicht.

Und Otto hat recht, wenn er schreibt, dass Wagner keinen Krieg verkündet, sondern ein Reich des Friedens.

Und recht hat er damit, Wagner in seiner Zeit leben und streben zu lassen. Das 19. Jahrhundert war nicht so simpel gestrickt, wie es heutige oder gestrige Lehrbücher gern erzählen. Und greifbar wird dieses wilde Leben erst, wenn man die Menschen kennenlernt, die zu Wagners Leben gehören. Und es sind gerade in seiner Leipziger Zeit erstaunlich viele, die für die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Stadt wichtig waren. Und im Grunde könnte man innerhalb der Leipziger Notenspur eine eigene Wagner-Spur legen. Hi n und her durch dieses Viertel, das um 1830 im Osten der Stadt entstand und anfangs Friedrichsstadt genannt wurde, bevor daraus ab Mitte des 19. Jahrhunderts das Grafische Viertel wurde, eben mit jenem Hause Brockhaus in der Mitte, das mit Wagner verwandt war.

Natürlich wäre eine solche kleine Stadtkarte in diesem Buch schön gewesen. Und das mit dem „wagnern“ im Titel stimmt so ja auch nicht. Das ist eher Presse-Slang. Ein simples „Wagners Leipzig“ hätte die Sache viel besser auf den Punkt gebracht. Denn auch das ist bis heute völlig unterbelichtet, dieses Kapitel des Frühmärz in Leipzig, in dem die wichtigsten Weichen gestellt wurden für das Entstehen der modernen Großstadt.

Harald Otto „Es wagnert in Leipzig“, Pro Leipzig, Leipzig 2012, 14 Euro

www.proleipzig.eu


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