Ein neues Jahrbuch für Freunde Pratajevs und der Russian Doctors: Jeder Schluck ist ein guter Schluck

Zehn Jahre sind sie nun "im Dienste Pratajevs": The Russian Doctors alias Holger Makarios Olay und Frank Pichelstein Bröker. Sie füllen die Clubs, sind fleißig und legen aller Nase lang eine neue CD vor. Die nächste ist die zur zehnjährigen Tour: "Wiege Deinen Rumpf!" - Und so nebenbei betreiben sie eine eigene kleine feine Gesellschaft: die Pratajev-Gesellschaft. Und die hat sich natürlich der Erforschung von Leben, Werk und Nachtruhm des weiland weltberühmten sowjetischen Landdichters Pratajev gewidmet.
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Sie tut es nicht nur ausgiebig mit gutem Wodka. Mittlerweile ist eine ganze Pratajev-Bibliothek entstanden, die sich der ausgiebigen Spurensuche ausgewiesener Pratajev-Forscher und diverser seiner Zeit- und Lebensgenossen widmet. Darunter ein Pratajev-Lesebuch, ein Lexikon und ein Liederbuch (das natürlich die Songs der Russian Doctors enthält). Und seit sieben Jahren erscheint ein handliches Buch als Jahrbuch der Pratajev-Gesellschaft – jedes ein kleines Sammelsurium der neuesten Forschungsergebnisse.

Auch die Nummer 7 ist eines. Hinten auf dem Umschlag kuschelt eine Katze mit dem Pratajev-Liederbuch, vorn räkelt sich Helga Bauer (nicht zu verwechseln mit Helga Brauer) mit grün-gelben Gummistiefeln. Sie war einst eine der vielen Geliebten des Dichters, dessen Verse denen des sächsischen Heimatbarden Arthur Schramm zuweilen verdächtig ähnlich sind. Aber was erwartet man anderes von einem Dichter, der zeitlebens nichts anderes suchte als den volkstümlichen Ton, den direkten Vers auf das elementare Erlebnis? – Dass Frauen, Alkohol, Katzen, Ratten und Kröten drin vorkommen, liegt in der Natur der Sache. Der Rest ist Legende.So wie das Leben eines Dichters Legende sein kann, der irgendwann in sibirischen Zeiten lebte (1950er Jahre), irgendwo in der russischen Pampa, geliebt von den einfachen Leuten, für die seine Lyrik Ausdruck des schönen simplen Lebens auf Erden war. Verehrt geradezu. So dass jeder Fetzen Erinnerung, jeder ihm auch nur vage zuschreibbare Vers mit andächtiger Verehrung aufbewahrt wird. Und wenn die Pratajev-Forscher auf Exkursion gehen in die Taiga, nach Finnland oder gar ins ferne Bulgarien, erfahren sie nicht nur erstaunliche Legenden über diesen Dichter – sie stoßen auch immer wieder auf Relikte, die das Wirken Pratajevs bezeugen. Irgendwo findet sich immer irgendwie sein Kürzel. Auch wenn die Forschung dann grübelt, ob es echt ist, eine Fälschung oder ein Zeichen der Verehrung durch seine Nachahmer.

Russisch kommt dem Leser so einiges vor, was in dieser Ausgabe zu finden ist. Bis hin zum Umgang mit Katzen und Kröten. Rezepte findet man auch drin. Aber das Nachahmen ist wohl nicht wirklich angeraten, wenn man nicht gerade einen Kanonenofen als Magen besitzt.

Natürlich ist auch dieser Band eine kleine, freche Persiflage auf so manches, was von ernsthaften Literaten oft so als Hommage auf real existierende Flaggschiffe der hohen Literatur veröffentlicht wird. Wenn die beiden Herausgeber mal einen Roman in dieser Serie planen, wäre „Mutmaßungen über P.“ gar kein schlechter Arbeitstitel.

Für die Leser ist es sehr unterhaltsam. Denn da sich die Autoren nicht an eine strikt lineare Biografie halten müssen, die wohl über einen stets absenten Pratajev wohl auch fast unmöglich wäre, kommen die Funde so ins Buch, wie sie kommen. Mal ein paar wilde Tagebucheinträge von Helga Bauer (die auf der Bank am Bach auf die Rückkehr des Unbeständigen wartet), mal als Anekdote über das märchenhafte Leben des Volksdichters, mal als etwas alkoholisierter Forschungsbericht, mal als ernsthafte Erörterung über die Güte der Pratajev-Fälschungen. Natürlich ist auch die Kulisse eher ein schönes Stück aus dem russischen Märchenbuch. Aber auch das gehört dazu. Ein gut gegorenes Stück Zeitlosigkeit und die verhaltene Sehnsucht nach einem Leben ohne Grenzen und Verbote. Und der Spaß am verbalen Klamauk kommt auch nicht zu kurz.

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Haus aus Stein Nr. 7
Frank Bröker; Makarios Oley, Reiffer Verlag 2013, 9,90 Euro

Und wenn man die Bilder vom Publikum der Russian Doctors so sieht auf deren Website, sieht man regelrecht die Verzweiflung in den Gesichtern der Gäste, die nun eigentlich endlich die Wahrheit über diesen unvergleichlichen Dichter Pratajev hätten erfahren wollen.

Und dann bekommen sie doch nur wieder so eine Ahnung, dass es manche dichterischen Landschaften tatsächlich nur auf Landkarten gibt, die es nur bei seltsamen Antiquaren gibt, die einen zu einem Schluck Selbstgebrannten einladen, wenn man nach Pratajev fragt.

www.therussiandoctors.de


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