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Neu aufgelegt bei Voland & Quist: Volker Strübings „Das Paradies am Rande der Stadt“

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    Wenn ein Verlag gut ist, dann hält er seine Autoren nicht nur, dann bekommt er auch ihre Titel aus früheren Verlagsverträgen ins Programm. Und so gibt es den 2005 im Münchner yedermann Verlag erschienenen Roman von Volker Strübing "Das Paradies am Rande der Stadt" jetzt in einer neuen Auflage bei Voland & Quist. Um den yedermann Verlag ist es seit 2009 sehr still geworden.

    „Der yedermann Verlag wurde im Jahr 2000 von Sebastian Myrus und Oliver Brauer gegründet. Über die Jahre entstand ein anspruchsvolles Belletristik- und Lyrik-Profil“, heißt es noch lakonisch auf der Website. Aber das ist das Problem gerade engagierter junger Verlage: Ein anspruchsvolles Profil braucht oft einen reichen Papa oder ein flankierendes Feld lukrativer Verkaufserfolge. Und Verkaufserfolge sind eher selten – naja – anspruchsvoll. Da kann man die Eiertänze um Thilo Sarrazins zusammengestoppeltes Ich-sag-mal-was-Buch genauso nennen wie die lüsternen Ergüsse von „Shades of grey“ oder „Feuchtgebiete“, über die sich selbst scheinbar ernsthafte Rezensenten ausgelassen haben.Das Gute, Anregende, Tiefgründige, Kluge in der deutschen Literaturlandschaft geht dabei regelmäßig unter. Die Bestsellerlisten sagen nichts aus über das, was wirklich spannend ist an der aktuellen Literaturszene.

    Und gewissermaßen ist es auch tragisch, dass Verlage wie Heyne ihre Arbeit etwa in Bereichen der SF derart eingeengt haben, dass solche Titel nicht ganz selbstverständlich dort erscheinen. Was wieder mit den Verkaufszahlen zu tun hat. Kluge und ironische SF verkauft sich nicht ganz so massenhaft wie die von Stanislaw Lem so eindrucksvoll kritisierte Schlagetot-SF, die den alten platten Western im Weltall fortschreibt – nur halt „mit anderen Mitteln“ (Carl von Clausewitz). Wer diesen ganzen Saga-„Müll“ noch verdauen kann, muss einen eisernen Magen haben.

    Volker Strübing, 1971 in Sondershausen geboren, in Sachsen-Anhalt und Berlin-Marzahn aufgewachsen, ist in einer anderen Literaturwelt aufgewachsen. Und Stanislaw Lem gehörte dazu. Nicht nur der „Golem“ hat es aus einem der berühmten Lem-Romane in diesen ersten Strübing-Roman geschafft, auch der Name „Eden“, den Strübings gewaltige Menschen-Beglückungs-Maschine des 21. Jahrhunderts trägt, stammt ja vom Titel eines Lem-Romans. Von der Grundidee ganz zu schweigen. Denn anders als die ganzen Vielschreiber der Western-SF hat sich Lem Buch um Buch mit den eigentlich faszinierenden Fragen des aufkommenden Computerzeitalters beschäftigt, mit der Allmacht und Ohnmacht kybernetischer Systeme, mit dem Wechselspiel von Markt und Maschine, dem Ausgeliefertsein der Menschen an die sie immer mehr dominierende Technik. Auch mit der Frage: Was passiert eigentlich, wenn die Riesen-Computer einen solchen Grad an Selbstorganisation erreichen, dass sie zu handelnden Akteuren werden? Werden sie zu eigenständigen Individuen – bei Lem in mehreren Golem-Generationen thematisiert. Und was richten sie mit den Menschen an?

    Die schönen Asimov-Regeln für Roboter hat Lem schon frühzeitig über Bord geworfen. Aber die Frage immer neu gestellt: Welchen Grad an Moral kann eine kybernetische Umgebung eigentlich annehmen? Und wie schutzlos wird der Mensch, wenn anonyme Großkonzerne den kybernetischen Umgebungen ihre Regeln auferlegen? Der Konzern „Eden“ in Strübings Fall. Und wer 2005 noch glaubte, wir seien noch nicht mitten drin in der Entwicklung, der darf heute an die seltsamen Verfahrensweisen von Internet-Giganten wie Google, Microsoft, Amazon oder Facebook denken. Nicht die Nutzer machen die Regeln – sie haben die Regeln zu akzeptieren. Auch wenn das bedeutet, dass sie weder einen Persönlichkeitsschutz noch eine Privatsphäre behalten.Strübings Roman erinnert wohl zu recht auch an die Romane der „Idoru“-Trilogie von William Gibson. Auch da haben internationale Konzernkonglomerate die Macht über alle gesellschaftlichen Strukturen übernommen. Übrigens kein wirklich fern liegender Schluss, wenn Regierungen und Lobbygruppen mit stetem Druck dafür Sorgen, dass Stück um Stück der gesellschaftlichen Grundlagen und Strukturen privatisiert werden. Bei Wasser, Strom, Straßen, Sicherheitsdiensten, Polizei- und Militäraufgaben ist man längst dabei. Aber konsequent weiter gedacht, heißt es auch, dass es nichts gibt, was man nicht privatisieren könnte. Irgendjemand wird damit immer Geld verdienen können – sei es mit den Daten der Bürger, ihrer privaten Kommunikation, dem Fehlen funktionierender Bildungseinrichtungen usw.

    Bei Strübing fließt das alles stringent ineinander. Man trifft seine Lieblingsgestalten Kloß und Spinne wieder, die versuchen, in einer Welt abseits der heruntergekommenen Großstadt („Schlammstadt“) Berlin zu überleben. Man lernt Theo kennen, Spross einer eigentlich noch gut betuchten Familie, die es sich leisten konnte, ihre Kinder genetisch optimieren zu lassen – auch wenn es für beide Kinder je nur die halbe Optimierung war – die Tochter bekam die Schönheit und blieb dafür eher durchschnittlich dumm, der Sohn bekam die Intelligenz – dafür die so frustrierende Gestalt eines mageren Pubertierenden. Am Ende ist er dennoch scheinbar der Held, der der kleinen kämpferischen Gruppe, die die Riesen-Beglückungs-Maschine „Eden“ knacken will, den Zugang verschafft – an seiner Seite eine augenscheinlich verstörte Eva.

    Doch was sich – in einer durchaus anarchischen Umgebung – aufschaukelt zu einem scheinbaren Angriff auf „Eden“ und den allmächtigen Supercomputer, endet konsequenterweise nicht in einem gewaltigen Hollywood-Showdown und im funkenden Triumph des muskelbepackten Helden.

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    Das Paradies am Rande der Stadt
    Volker Strübing, Verlag Voland & Quist 2013, 14,90 Euro

    Klingt jetzt alles recht fantastisch, ist es auch irgendwie, irrlichternd zwischen einer gnadenlosen Utopie, die die üblichen Sehnsüchte in einem süßlichen Paradies enden sieht, und einer Dystopie, die so unmöglich nicht scheint, wenn man den „Kräften des Marktes“ nur die Macht überlässt. Strübing zeigt hier, dass er auch das fesselnde Erzählen meisterhaft beherrscht. Selbst das Augenzwinkern vergisst er nicht. Wer seine Lesebühnen-Standards kennt, findet sie hier wieder. Das gibt der Geschichte eine farbige Leichtigkeit, die die eigentlich bittere Gesellschaftskritik unter der Handlung stellenweise kaschiert. Nicht immer. Zum Glück. Wer flache Action will, ist bei Strübing falsch. Der wünscht sich eine Menge mehr von seinen Leserinnen und Lesern. Humor natürlich, die Fähigkeit zum Lachen und zum Entsetztsein. Das Buch liest sich 2013 wahrscheinlich noch viel aktueller als 2005.

    www.yedermann.de

    Volker Strübing bei Voland & Quist: www.voland-quist.de/autor/?131/Volker+Str%C3%BCbing

    Website von Volker Strübing: www.schnipselfriedhof.de

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