Auf der Grenze zwischen Traum und Kindheit: Kleine schwebende Geschichten über Liebe, Teufel und das Beinah

Es sind verträumte Geschichten, die Linni Lind erzählt. Geschichten zwischen Traum und Wachsein, ein bisschen surreal, ein bisschen märchenhaft. Eher kleine Prosastücke als ausgewachsene Geschichten, dicht an der Grenze zum Gedicht. Kleine Botschaften aus der stillen Provinz. Dinge, die man am besten kurz vor Sonnenuntergang liest. Wenn einem so ein bisschen versonnen zumute ist.

Auch wenn einen die Dinge des Alltags eben noch aufgeregt haben. Die ganzen Veitstänze von hörigen Politikern, von Wirtschaftsbossen und Radikal-Sanierern. Welche Macht geben wir der Wirtschaft, heißt es in einer Geschichte – und es folgt ein fast schwebender Ausflug in die griechische Mythologie und zu den Tränen der vierzehnfachen Mutter Niobe, Tochter des Tantalos, deren Kinder von neidischen Mitgöttern getötet werden. Die griechische Mythologie ist ja voller solcher grausamen Erzählungen, deren Hintergründe tief in der Geschichte verschwinden.

Manche Geschichten sind Kindheitsgeschichten, wobei nie recht klar ist – sind es die eigenen, selbst erlebten aus Zeiten, als die Frage nach dem Jetzt („Wann ist endlich Jetzt?“) durchaus unfassbar war und nicht zu begreifen. Geschichten über Jungen, die voller Phantasie sind und nicht stillsitzen können, wenn in der Schule Aufmerksamkeit gefragt ist – der Kopf hört ja nicht auf, an Astronauten zu denken, wenn der Lehrer unbedingt volle Konzentration verlangt. Es gibt diese Kinder ja. Sie fallen auf, weil sie mit ihren Gedanken immer woanders sind, herumzappeln, abschweifen. Moderne Pharmafirmen haben daraus ein Krankheitsbild gemacht: AD(H)S.

Aufpassen soll Waldemar, der eben doch gerade entdeckt hat, dass sein Name eine Botschaft ist aus Wald und Mar. Und Mar ist Märchen und Erzählung. Das weiß man doch. Und wenn man es weiß, bleibt ein Bindestrich zwischen Wald und Mar. Wird Waldemar zum Strich-Jungen. Die Sprache hilft bei der Flucht.
Und ist das – ein paar Jährchen älter, ein anderer Waldemar, dem Elternhaus entflüchtet und voller Träume von Liebe? Der die Begegnung mit einer sommersprossigen Schönen in der U-Bahn schon fast fertig malt zu einer richtigen Begegnung. Doch dann entfleucht er doch wieder mit verschlossenem Lächeln in die Einsamkeit seiner Studentenbude, wo ihm der Computer verkündet, dass kein Mensch weit und breit jetzt eine Botschaft für ihn hat.

Linni Lind tastet sich vor in die grauen Übergänge unseres Wachseins, die Räume unserer Zweifel und Ungewissheiten. Natürlich sind das unfassbare Räume. In denen alles Sehnsucht ist und nichts Erfüllung. In „Der Wunsch“ wird das gar zu einer einzigen langen Bilderfolge in Schwarz und Weiß, in der die Liebessehnsucht zwischen Tag und Nacht und Mittagshitze schwelt – mit Verheißung und fast rührenden Begegnungen in diesem Beinahe, das alles möglich erscheinen lässt. Sie könnte kommen, sie könnten sich in die Augen sehen … Gedankenspiele.

Manchmal durch ein flüchtiges Notat aus der Wirklichkeit geerdet. Wie in „Tödliche Höhe“, wo die Beschreibung des Auftritts eines Hochseiltänzers sich verknüpft mit dem Hang der Menschen, mit anderen in die selbe Richtung zu laufen, wenn es alle tun. Angelockt vom Spektakulären, auch wenn es die Explosion einer Atombombe ist. Nicht nur Jungen tauchen auf in diesen Zwischenweltgeschichten. Auch Mädchen. Sie haben ja dieselbe Phantasie und können sich noch in den Hasen einfühlen, der vor ihnen auf dem Teller liegt. Sie haben ihn erstarren sehen im Sprung, als der Schuss aus der Flinte des Vaters ihn traf. Kann man sich in einen Hasen verwandeln? Oder in einen Vogel?

Und wer ist eigentlich der Typ an der Seite des Dr. Faustus? Was tut der Teufel? Was kann er und warum ist er so bescheiden, und will nur eine Seele? – Manche Dinge werden recht seltsam, wenn man sie aus kindlicher Perspektive betrachtet. Da hat man eigentlich nicht die Angst, dass einen der Teufel holt, sondern eher, dass die Dinge sich auflösen, hinter den Dingen eine andere Welt auftaucht, in der alles noch viel mysteriöser ist.

Autorin und Illustratorin ist Linni Lind. Sie lebt tief im Hessischen, was garantiert kein Zufall ist. Das ist die Landschaft, in der die Helfer der Grimms die meisten Märchen gesammelt haben. Auch Rainer Lind, der Maler, kommt vor in der letzten Geschichte, die eher wieder so eine versonnene Betrachtung ist über das, was man in einem Rorschachtest alles so entdecken kann, wenn man sich die kindliche Phantasie noch bewahrt hat. Aber wir sind ja alle erwachsen. Und wer erwachsen ist, erzählt keine Märchen mehr, nicht wahr?

www.linnilind.de

Linni Lind: „Meine Liebesinsel“, Einbuch Buch- und Literaturverlag Leipzig, 2013, 14,90 Euro


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Blaumeise bei der Fütterung. Foto: NABU / Rita Priemer

Foto: NABU / Rita Priemer

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