Wer am Ende gewinnt, das entscheidet sich erst am heutigen Montag zwischen 19.35 Uhr und 23.00 Uhr live im Haus des Buches. Dort findet die Finalrunde für den MDR-Literaturwettbewerb 2013 statt. Sieben Finalisten lesen ihre Geschichten vor Publikum. Der Band mit den 27 ausgewählten Geschichten zum 2013er Wettbewerb liegt schon vor: "Risikoanalyse".

Die Geschichten der sieben Finalisten sind natürlich auch mit drin. Man wird sie ja heute Abend erleben: Ulrike Anna Bleier, Jan Fischer, Verena Güntner, Anja Kampmann, Ferdinand Schmalz, Tanja Schwarz und Peter Wawerzinek. – In den vergangenen Jahren erschien der Sammelband meist erst nach dem Finale. Es stand dann also schon immer mit drin, wer welchen Platz belegt hat. Man konnte “Aha! sagen oder “Soso.” Und sich dann fragen, ob man auch so entschieden hätte. Schon so wie die Jury entschieden hat, die aus 2.000 Einsendungen die sieben Finalisten ausgewählt hat. Nicht alle Einsendungen genügten der Vorgabe. Teilnehmen darf seit einiger Zeit ja nur noch, wer schon mal was veröffentlicht hat. Das dürfen auch Texte in Literaturzeitschriften sein oder eBooks. Die Art der Veröffentlichung sagt ja nichts aus über die Qualität des Stoffes.

Maximal 11.000 Zeichen, maximal 15 Minuten Lesezeit. Das ist der Rahmen. “Risikoanalyse” ist als Titel von einer Geschichte übernommen, die die Schriftstellerin Kathrin Schmidt eingesandt hat. Michael Hametner, der die 27 Geschichten für den Sammelband ausgesucht hat, hat vielleicht bewusst keine Geschichte zitiert, die im Finale gelesen wird.

Der MDR-Literaturwettbewerb ist einer der mittlerweile beliebtesten im Land. Zumindest, was die Menge der Einsendungen betrifft. Hametner erwähnt auch gern die Namen derjenigen, die hier schon mal gewonnen haben und dann auch mit eigenen Büchern Erfolg hatten. Was nicht zwingend ist. Und auch kein Qualitätskriterium.Der Titel “Risikoanalyse” passt trotzdem. Er trifft etwas Wesentliches, was fast alle Geschichten gemeinsam haben: Sie sind fast alle kleine Zustandsbeschreibungen einer relativ desolaten und einsamen Gesellschaft. Das ist nicht neu. Das hat auch schon diverse Vorgängerbände ausgezeichnet. Deutsche Autoren sind oft und gern so etwas wie Ärzte und Therapeuten. Sie kümmern sich gern um die Wunden und Verstörungen, versuchen die Mitmenschen zu fassen in ihrem Aus-der-Bahn-Geworfen-Sein. Deswegen kommen relativ viele Beziehungskrisen ins Bild, Menschen mit Behinderung, Menschen in prekären Situationen. Die meisten Texte sind wie Experimentalanordnungen. Der Autor zoomt sich heran und versucht zu ergründen, wie sowieso schon verunsicherte Menschen in besonderen Stresssituationen reagieren.

Meistens reagieren sie gar nicht. Die Situation löst sich nicht auf. Die Geschichte wird nicht zur Geschichte. Was geschieht, geschieht nur allegorisch.

Oder symptomatisch. Als kleiner, erhellender Knalleffekt. Wenn der letzte Satz dann dem Leser verrät, was er irgendwie schon ahnte: Die scheinbar so friedliche Situation löst sich in entlarvender Gewalt. Das ist dann irgendwie wie die Nachrichtensendung im Fernsehen, bei der der Nachrichtensprecher im Studio zum Kommentator auf der Straße blendet. Und der sagt dem Zuschauer dann, dass das alles sehr tragisch war und keiner damit rechnen konnte.

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Davon gibt es einige Geschichten. Es gibt auch wieder die üblichen Unarten, von denen einige Autoren glauben, sie würden ihren Text unverwechselbarer machen. Absatzlose Textblöcke etwa oder konsequente Kleinschreibung. Da hat der Leser mehr Arbeit beim Lesen – richtige Geschichten werden es trotzdem nicht. Solche, die sich aufbauen, verdichten, Schwung kriegen – und platzen. So können Geschichten sein. Wenn sie gut sind.

Aber deutsche Geschichtenschreiber sinnieren gern. Kriechen in ihre Helden hinein und lassen die Leser teilhaben am Selbstzermartern ihrer Helden. Als wenn das ginge. Eigentlich geht’s nicht. Weiß man als Leser meist auch. Man bekommt jedes Mal Kopfschmerzen davon, weil man Seite um Seite liest, was sich der Held da für Gedanken macht. Meistens nicht mal schöne. Und dann passiert nichts. Was natürlich auch eine Analyse sein kann. Eine typisch deutsche “Risikoanalyse”. Erst mal einordnen, wie groß die Gefahr ist, dass eine Handlung Folgen haben könnte. Und wenn ja – dann lieber nichts tun. Ausweichen, Kopfeinziehen, Wegducken. Das Ereignis nicht geschehen lassen. Die Hälfte der hier versammelten Geschichten handelt von Ereignissen, die sich nicht ereignen.

Auch das ist eine Zeit-Kritik: Die Kritik an einem Land, das schreckerstarrt in die Tatenlosigkeit verfallen ist. Das spüren auch Autoren. Vielleicht noch eher und deutlicher als alle anderen. Wer sich rührt, aus dem Raster fällt, gegen die einvernehmlichen Regeln verstößt, bekommt Probleme. Manchmal solche aggressiver Art. Denn wenn die Angst eine Gesellschaft lähmt, dass jede Veränderung und alles Fremde eine Gefahr sind, dann entlädt sich diese Angst in Aggression. Sie ist latent immer da, diese verpresste Aggression. Bei Stefan Vidovic in “Ed-Pack” kommt das zum Ausbruch. Es ist eine von den Zeigefinger-Geschichten. Aber es ist eine Geschichte.Geschichten können auch offen sein. Da handelt einer so sinnvoll, wie es ihm sein verwirrter Kopf eingibt. Aber er handelt. So eine Geschichte hat Philip Meinhold geschrieben: “Dinge im Rückspiegel können näher sein …”. – Er hätte sie auch “Mein Vater” nennen können. Es ist eine Geschichte, wie sie jeder erleben kann in einer zusehends alternden Gesellschaft. Ohne Zeigefinger. Einfach so hinerzählt. Aber treffend. Wie man sieht, sind weder Meinhold noch Vidovic im Finale gelandet. Was auch daran liegen kann, dass unsereins andere Ansprüche an eine kurze Geschichte hat als die jeweiligen Jurys. Jurys arbeiten immer nach Mehrheitsprinzipien. Das kann Nachteile haben.

Es gibt noch eine Geschichte in diesem Buch, in der die ganze weggedrückte Aggression brodelt, ohne dass sie ausgesprochen wird: Markus Sehls “Intro”. Wie tief die Angst sitzt, merkt der Leser erst ganz am Schluss. Die Angst ist mittlerweile latent in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Die Angst, zu versagen, nicht zu genügen, die Erwartungen nicht zu erfüllen, im Stich gelassen zu werden. Leistungsgesellschaft nennen das die Leute, die die Welt in eine einzige große Gladiatorenarena der verbissenen Wettbewerbe verwandeln wollen. Auch das merken die Autorinnen und Autoren ganz direkt. Ist ja nicht so, dass die Meisten von ihren Büchern leben können. Gut gar – in Saus und Braus wie die paar Bestseller-Millionäre.

Die Meisten leben knapp. Und wissen, was es für einen freien Kreativen heißt, wenn ein Projekt scheitert. Oder gar die Schaffenskraft versagt. Oder einfach das normale Leben zuschlägt. Das Leben der meisten Schreibenden ist ein Balanceakt am Abgrund. Ein bisschen so wie bei Tanja Schwarz in “Cover Me”. Wo der Leser auch merkt, wie der prekäre Zustand im Job ohne Polsterung durchschlägt in den kleinen, sensiblen Familienalltag. Es gibt keine Schutzwände zwischen dem nervenzerreibenden Kampf um Erfolg und dem Verständnis für das eigene Kind, das natürlich merkt, dass da irgendwo die Panik lauert.

Und das stört natürlich auch das Selbstwertgefühl. Da treten zwar alle gern auf wie die Könige, die vor lauter Ego nicht laufen können, aber eigentlich ist von diesem Ego nicht mehr viel da. Und man freut sich über jede Brotkrume der Liebe, die abfällt in dieser Welt. Victoria Zuckerfeld hat so eine kleine, schmerzliche Liebe-Dame-Bube-Geschichte beigetragen.

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Risikoanalyse
Michael Hametner, Poetenladen 2013, 11,80 Euro

So gesehen sind die 27 Geschichten wieder so ein schmerzlich beklemmender Blick in die Tiefen einer Gesellschaft, die ihre Erstarrung mit buntem Firlefanz zuhängt. Da und dort bricht das Verleugnete durch – als Aggression, als Panik, als Flucht. Aber die Fluchtgeschichten waren in früheren Anthologien aus dem MDR-Literaturwettbewerb stärker vertreten. Diesmal sind es mehr die Geschichten der allgegenwärtigen Panik.

Die 18. MDR-Literaturnacht ist am Montag, 6. Mai, von 19.35 Uhr bis 23.00 Uhr live im Haus des Buches in Leipzig zu erleben.

Wahlweise auch auf MDR Figaro: www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/Literaturwettbewerb100.html

www.poetenladen-der-verlag.de

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