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Wasserfest: Ein Leipzig-Krimi mit Algen, Ostseewasser und Schatten aus ferner Vergangenheit

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    Bisher war der Leipziger Autor Frank Kreisler vor allem als Kinder- und Jugendbuchautor und als Herausgeber von Sagenbüchern aktiv. Jetzt hat sich der 1962 in Rostock geborene Leipziger auch mal an einem Leipzig-Krimi versucht und bereichert die Welt der Leipziger Krimi-Kommissare um einen neuen Ermittler: Heiner Trotzenburg.

    Leipzig-Krimi steht drauf. Und die Sache geschieht auch in Leipzig. Mitten im Sommer, zu einem der großen Feste dieser Leipziger Saison: dem Wasserfest. Mitten im bunten Bootsreigen zum Auftakt des Festes taucht eine Leiche auf, bunt geflaggt wie ein Segelboot, mit Propellerantrieb – das Fest ist zu Ende. Die Polizei hat zu tun. Die Wasserstadt ist auf einmal Schauplatz einer raumgreifenden Ermittlung, in der Heiner Trotzenburg und seine Kollegen alle Hände voll zu tun haben. Trotzenburg ist ein Rauhbein, aber auch ein typischer Zeitgenosse: geradezu besessen von seiner Arbeit als Kriminalpolizist. Für ein Familienleben hat er gar keine Zeit. Irgendwann vor 20 Jahren hat er sich scheiden lassen, weil das mit der Partnerschaft gar nicht ging. Damals wechselte er auch nach Leipzig. Und es ist nicht die einzige Geschichte, die der Mann von der Ostseeküste weit hinter sich gelassen hat.Bald aber muss er merken, dass der Tote eine Botschaft an ihn selbst war. Und ein zweiter Toter macht ihm endgültig klar, dass es hier jemand auf ihn abgesehen hat. Jemand, von dem er nur vermuten kann, dass er in seiner eigenen Vor-Geschichte eine Rolle spielt, einer Vor-Geschichte, von der er glaubte, sie sei abgeschlossen.

    Aber das ist sie für so Manchen nicht, der das seinerzeit verschwundene Land mit Wunden und tiefen Verletzungen erlebte. Die Politik kann bei so etwas zur Tagesordnung übergehen, muss sie auch, denn die Entwicklung der Welt bleibt ja nicht stehen. Aber in einem Menschenleben wirkt Vieles, was als Gewalt, staatlicher Übergriff, Verfolgung, Vertreibung, Repression erlebt wird, ein Leben lang nach. Jede gewaltsame Veränderung der Welt hinterlässt solche Spuren: traumatisierte Menschen. Und eher selten lässt die Zeit Gras drüber wachsen und die Wunden verheilen.

    Und Trotzenburg merkt bald, dass er es mit so einer Persönlichkeit zu tun hat. Auch wenn er nicht weiß, warum nun er selbst im Mittelpunkt der Geschehnisse steht. Die durchaus etwas Mystisches bekommen, denn dass eine giftige Meeresalge und unübersehbare Spuren von salzhaltigem Wasser deutliche Fingerzeige sind, da braucht er nicht lange, um es zu begreifen. Aber warum taucht das jetzt auf?

    Als Kriminalkommissar ist er ein zuweilen unwirscher Vorgesetzter, hinter dessen Kaltschnäuzigkeit man auch ein freundlicheres Wesen vermuten könnte. Doch wenn er sich in einen Fall verbeißt, drückt er auf Tempo. Das gibt auch dem Roman Geschwindigkeit. Mit sicherer Nase erfasst er, wo die nächsten Spuren zu finden sind. Da gibt es kein Zögern, nicht die aus manchem Krimi so bekannte Qual der Ermittler, wenn sie partout kein deutbares Täterprofil erkennen können.

    Aber da alles auf Trotzenburg gemünzt ist, bekommt die Sache schnell ihren Lauf. Und am Ende ist nur noch die Frage: Wo wird Trotzenburg seinem Verfolger begegnen? Und was wird geschehen? Denn merklich verschieben sich mitten im Fluss der Geschichte auch die Gewichte.
    Aus einem Krimi (mit durchaus artistischen Szenen) wird nach und nach die Geschichte einer Abrechnung, bei der Trotzenburg einen Gegner von Format hat, der ihm immer wieder entwischt. Genauer: eine Gegnerin, was die Sache natürlich noch verkompliziert. Erst recht, als ihm klar wird, dass es nicht wirklich um Fakten geht, sondern um die bohrende Sehnsucht nach Ausgleich und Gerechtigkeit.

    Da hilft ihm gar nicht, dass er sich nicht-schuldig weiß. Er ist das Wild. Und am Ende hat er im Showdown nicht wirklich die besten Karten. Zumindest nicht in der eigenen Manteltasche. Denn er hat Glück im Unglück: Seine Mitarbeiter fühlen sich zwar oft genug von ihm überfahren, aber sie sind sensibel und professionell und merken bald, in welche Gefahr sich ihr Chef da begibt.

    Eine durchaus anspruchsvolle Konstellation, in der Frank Kreisler noch versucht eins draufzusetzen. Trotzenburg bekommt ein bisschen Seemannsgarn zu hören, das durchaus einen realen Kern haben könnte. Und ein bisschen wie Seemannsgarn liest sich dann auch das Finale in der Nähe von Kühlungsborn, dem deutlichen Knick an der Ostseeküste, wo einst die Grenzüberwachung besonders scharf war, weil von hier viele DDR-Bürger die Flucht übers Meer versuchten. Hier hatte auch Trotzenburg in seinem früheren Leben jenes traumatische Ereignis, das ihn nicht wirklich losgelassen hat.

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    Wasserfest
    Frank Kreisler, fhl Verlag Leipzig 2013, 12,00 Euro

    Der etwas materialreiche Aufwand, den der Autor hier treibt, um einen filmreifen Abspann zu schaffen, überdeckt diese eigentlich so wichtige Tragik, die den Polizisten mit der Täterin verbindet: Beide kommen sie von der alten Geschichte nicht los. Und wo der eine glaubte, fliehen und ein völlig anderes Leben ohne die Geister der Vergangenheit leben zu können, hat die andere sich nie von der Sehnsucht nach Vergeltung lösen können.

    Doch auflösbar scheint das Dilemma nicht. Zumindest nicht mit Trotzenburgs Versuch, Versöhnung zu erlangen.

    Tatsächlich geht es ihm mit seinem ganz persönlichen Fall am Ende so wie den meisten Ermittlern: Man kann zwar eine Tat rekonstruieren, einen Sinn ergeben muss das Ganze dann noch lange nicht. Denn da, wo der Mensch zutiefst traumatisiert ist, gelten ja andere Regeln. Und nichts gelingt Polizisten weniger als dies: Die Welt (wieder) in Ordnung zu bringen.

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