Das Spannendste kommt ganz zum Schluss. Wolfgang Ratzmann weiß es ganz genau, auch wenn er die Leser erst einmal mitnimmt in die Erkundung eines alten, über 700 Seiten dicken Buches aus dem Jahr 1732, geschrieben vom Lockwitzer Pfarrer Christian Gerber: "Historie der Kirchen-Ceremonien in Sachsen". Natürlich gibt es in Ratzmanns Buch nicht den kompletten 700-Seiten-Wälzer, sondern nur ein paar Auszüge, die zeigen, um was für ein Material es geht.

Und das Material ist sogar in der kirchengeschichtlichen Forschung selten. Ein Thema, das für Ratzmann lange Zeit Arbeitsthema war als Professor für Praktische Theologie und Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Institutes an der Universität Leipzig, der er bis 2010 war. Denn über all das, was Pfarrer so tagaus, tagein tun, wird zwar immer wieder geschrieben. Es gibt Berge mit gedruckten Predigten. Es gibt die hochwissenschaftlichen Diskussionen im Gefolge der Reformation, was wirklich zum Gottesdienst gehört und was eher nur Zierrat ist, überflüssige Zutat aus der “papistischen Zeit”, wie es auch zu Gerbers Zeit noch hieß. Da waren einige der härteten Auseinandersetzung um orthodoxes Luthertum und diverse reformierte, reformistische oder gar krypto-calvinistische Spielarten noch frisch im Gedächtnis der Bürger. Sie hatten selbst die Landespolitik erschüttert und auch in Leipzig für heftige Umbrüche gesorgt.

Die Heftigkeit dieser Auseinandersetzungen hatte zwischen 1690 und 1731, als Gerber Pfarrer in Lockwitz bei Dresden war, schon nachgelassen und sich auf einen eher intellektuell geführten Streit zwischen orthodoxem Luthertum und der starken pietistischen Strömung verlagert. Zentrale Gestalt des sächsischen Pietismus war der Dresdner Oberhofprediger Philipp Jacob Spener, auf den sich Gerber mehrfach bezieht. Aber man darf auch nicht vergessen, dass Gerber just in der Zeit August des Starken lebte mit all ihren politischen Verwicklungen – samt der schwedischen Besetzung Sachsens. Und er lebte natürlich im Barock, dessen imposantestes Bauwerk in Dresden ja gerade (wieder)errichtet wurde: die Frauenkirche. Und in Leipzig kam der berühmteste Komponist des Barock ins Kantorenamt: Johann Sebastian Bach.Da wird das dicke Buch, das Gerber zu seinem Lebensende hin schrieb, natürlich interessant. Auch für Historiker. Denn hier spiegelt sich das ganz normale Verständnis der damaligen Pfarrer und Kirchgemeinden zu Gottesdienst und Kirchenmusik wider. Und eine Ausnahme war Gerber da bestimmt nicht, der in einigen Kapiteln deutliche Worte gegen den ausufernden Gebrauch von Musik in der Kirche findet. Er versteht sich in einer Tradition des lutherischen und damit des Wort-Gottesdienstes. Auch als moralischer Hirte seiner Herde. Und mit einem Augenzwinkern geht Ratzmann darauf ein, wie Gerber geradezu ausufernd wird, wenn er die (Feier-)Tage seiner Gemeinde in einen ganzen Reigen immer neuer Predigten verwandeln will. Hinter seinem (Wunsch-)Denken steckt wohl auch das strenge pietistische Ideal eines Menschen, der ganz und gar gottesfürchtig ist und eine wahre Freude daran hat, auf all die sündigen Freuden des Lebens zu verzichten, nur um sich auf harten Kirchenbänken vom Pfarrer immer wieder aufs Neue erbauen zu lassen.

Dass er damit wohl auch die Lebensrealität seiner Schäfchen verfehlte, das merkt Gerber eher beiläufig und als Kritik an, wenn er etwa die viel zu vielen Feste und Feiern, bei denen das Volk sich ausgelassen gibt, missbilligt. Aber Gerber macht eben auch etwas, was die wenigsten Seelsorger in Buchform getan haben: Er beschäftigt sich mit (fast) jedem Element seines Alltags. Und wer bislang glaubte, Pfarrer hätten ja wohl eigentlich nicht viel zu tun außer zu predigen, der merkt hier selbst in den sehr kurzen Ausschnitten, dass der Job eines bestallten Seelsorgers tatsächlich gefüllt ist mit allerlei Arbeit – von der Taufe über die Trauungen bis hin zu den Leichenpredigten und Begräbnissen. Da sind kirchliche Feiertage auszugestalten, Feste zu organisieren, werden Hauptgottesdienste wie Staatsakte durchorganisiert. Aber selbst um die Details kümmert sich Gerber – um Orgeln, Gesang, Fürbitten, Handauflegen, die richtige Ausgabe der Hostien, die Beichte, den heiligen Sonntag und die Kirchenausstattung. Penibel könnte man es nennen.

Der Religionsforscher aber ist glücklich, denn er hat mit diesem dicken Buch einen authentischen Blick in die Zeremonien des frühen 18. Jahrhunderts, kann vergleichen, sieht Manches, was heute Usus ist, in seiner Keimform. Er sieht aber auch, wie mühsam auch Gerbers Zeitgenossen noch damit beschäftigt waren, altes “papistisches” Brauchtum abzuschaffen (was ja auch Luther zum Teil noch billigte, weil er wusste, dass Menschen solche Krücken oft brauchen, um den Weg ins Neue zu finden). Teilweise sind solche – aus Gerbers Sicht – völlig überflüssigen Feste auch heute noch nicht ganz verschwunden.
Aber in seiner peniblen Auseinandersetzung mit den Zeremonien seines Amtes macht Gerber etwas, was den heutigen Religionsforscher auf ganz andere Weise verblüfft. Denn die Religionsforschung ist ja auch nicht mehr so orthodox wie noch vor 100 Jahren. Parallel zur zunehmend bewusster gestalteten Ökumene in den deutschen Kirchen haben sich auch die Theologen der Welt und den Welt-Religionen geöffnet und haben begonnen, sich mit den eigentlichen Grundlagen zu beschäftigen. Und mit der Frage: Was eigentlich ist Gottesdienst? Was passiert da?

Eine nicht ganz unwichtige Erkenntnis war dabei, dass auch christliche (und auch protestantische) Gottesdienste vor allem Rituale sind. Was sie nicht nur mit anderen Religionen vergleichbar macht, sondern auch das Verbindungselement zur gesamten menschlichen Gesellschaft ist, die genauso durchwachsen ist von “regelgeleiteten sozialen Handlungen”, also Ritualen. Selbst Gerber sah es schon so: Wer wirklich gläubig ist, braucht kein Ritual, um seine Beziehung zu Gott herzustellen. Für Viele aber ist das Ritual das Hilfsmittel, mit dem sie diese Beziehung herstellen können. Sie brauchen das Ritual, um sich als Teil einer religiösen Gemeinschaft zu empfinden. Und wieder andere brauchen das Ritual nicht einmal, um ihren Glauben an Gott zu (er-)leben, sondern ihre Verbundenheit mit der (sozialen) Gemeinschaft.

Wahrscheinlich hätte Gerber gestaunt, wie sehr die Fragen, mit denen er sich beschäftigte, tatsächlich in ganz moderne Fragen münden. Die – und die aktuelle Krise der katholischen Kirche zeigt es ja – auch die Frage stellen: Wie sehr kann eine Kirche in alten (und falschen) Ritualen erstarren und dabei den Kontakt zum Leben der Gemeindemitglieder verlieren? Und welche Rolle kann Kirche als sinnstiftendes Element im Leben der heutigen Menschen (noch oder wieder) spielen? Muss sie sich dafür ändern und alte Rituale (und Vorurteile) entweder über Bord schmeißen oder völlig umwandeln? Oder braucht es die Kirche gar nicht mehr, weil die Menschen mit anderen Ritualen glücklicher werden?

Ratzmann verweist wohl mit Recht auf die Rolle der Kirchen in der DDR, die sich auch wieder dem gesellschaftlichen Diskurs öffneten und damit zu Keimzellen der Friedlichen Revolution wurden, ohne dass die Akteure sich daran stießen, das ausgerechnet (geweihter) Kirchenraum zum gesellschaftlichen Schutzraum wurde. Denn wo, wenn nicht im gemeinsamen Raum einer (Stadt-)Gemeinde müssen auch gesellschaftliche Diskurse ihren Platz finden? Brauchen nicht alle Menschen solche Schutz-Räume und solche – auch ritualisierten – Begegnungen, egal ob sie Friedensgebet oder Montagsdemonstration heißen?

Ratzmann kommentiert es natürlich aus der Sicht des Theologen und betont die wichtige Rolle des gemeinsamen Rituals im Gottesdienst. Aber er kritisiert auch das, was Gerber (noch) nicht sehen wollte oder konnte: seine Trennung des Gemeindelebens in ein innerliches und ein äußerliches. Sein Buch muss gespickt sein mit Spitzen gegen die “Äußerlichkeiten”, die er für “Zugeständnisse an Glaubensschwache” hält. Aber was hätte er im Jahr 2014 gesagt, würde er sehen, wie wichtig einer Mehrzahl der Menschen gerade die Äußerlichkeiten sind? Und wie sehr sie damit erst recht aus dem Gleichgewicht sind, weil es an (innerlichen) Gemeinsamkeiten fehlt?

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Evangelische Gottesdienstkultur im Barockzeitalter
Wolfgang Ratzmann (Hrsg.), Sax-Verlag 2014, 24,80 Euro

Und das alles, nachdem der Leser sich erst einmal durch 15 Kapitel gearbeitet hat, in die Ratzmann kenntnisreich einführt, so dass auch der Laie einen Begriff bekommt vom reichhaltigen Zeremonium eines Dorfpfarrers in Sachsen. Danach gibt es eine jeweils überschaubare Auswahl von Texten aus Gerbers “Ceremonien”-Buch. Da die Kapitel thematisch gegliedert sind, kann man sich auch herauspicken, was einen gerade interessiert. Oder man springt gleich in Ratzmanns ausführlichen Schlusstext, in dem er darauf eingeht, wie wichtig nun ausgerechnet Zeremonien und Rituale eben nicht nur für die Kirche sind, sondern fürs gesamte menschliche Zusammenleben.

Die Buchpräsentation für “Evangelische Gottesdienstkultur im Barockzeitalter” findet am 13. März um 17 Uhr im großen Gemeindesaal der Nikolaikirchgemeinde in der Ritterstraße 5 statt.

www.sax-verlag.de

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