Was geschah eigentlich danach? Nach der Kreuzigung, der Wiederauferstehung und der Himmelfahrt Christi? - Darüber schweigt die Bibel. Der Bibelleser erfährt nicht, wie Petrus nach Rom kam und erster Bischof der christlichen Kirche wurde. Das Meiste, was eigentlich zur Gründung der römischen Kirche erzählt werden müsste, ist nirgendwo archiviert. Für Autoren wie Hermann Multhaupt natürlich ein gefundenes Fressen.

Er kann die Geschichte praktisch ohne Zwänge erzählen. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich eines Themas aus der christlichen Legendenwelt annimmt. Er hat schon über Hildegard von Bingen geschrieben, über irische Mönche, Elisabeth von Thüringen. Solche Romane schreibt der 77-Jährige quasi am laufenden Band. Er gehört zu den Nimmermüden, denen die Lust nicht ausgeht, alten, lieb gewonnenen Geschichten eine Hülle, eine Farbe, eine packende Handlung zu verleihen. Was natürlich Folgen hat. Gerade dann, wenn über die handelnde Personage zwar viele Legenden im Umlauf sind, aber wesentliche biografische Daten fehlen.

Eine Zwickmühle für jeden Autor. Es gibt dann die, die sich erst einmal mit tausend Fragen in die Archive begeben und so lange wühlen, bis sich das Bild der historischen Gestalt so weit verdichtet hat, dass es sich der echten historischen Persönlichkeit so weit annähert, wie es nur möglich wird. Das kann dann eine dicke, hinreißende Biographie werden oder so etwas, was Robert Harris in seinen beiden Cicero-Romanen “Imperium” und “Titan” angestellt hat.

Die Folge ist aber, dass solche Bücher etwas Zeit brauchen.Hermann Multhaupt macht es anders: Er schnappt sich, was er im Laufe seines langen Autorenlebens so alles gesammelt hat an Informationen und erfindet dazu eine mögliche Geschichte. In diesem Fall eine um die elf überlebenden Apostel und ihren Versuch, nach der Himmelfahrt Christi nicht nur wieder zu sich zu finden, sondern auch jene Kirche zu schaffen, die sie im Auftrag Christi aufbauen sollen. Aber wie macht man das? Simon Petrus fühlt sich zwar heillos überfordert, ist er doch nach wie vor nur ein einfacher Fischer vom See Genezareth. Aber auch wenn der Heilige Geist sich noch nicht gezeigt hat, hat er doch irgendwie schon einen Wink aus der Zukunft bekommen, wie man so etwas organisiert – mit Workshop und Protokoll und Definition von Leitlinien.

Multhaupt hat sichtlich seinen Spaß daran, den modernen Workshop-Klimbim, der auch längst ganze Kirchgemeinden in Aufregung versetzt, in die Zeit des Pontius Pilatus zu verlegen – mit allem Zoff, der dazu gehört: Jüngern, die sich nicht ans Protokoll halten, die nicht zum Thema reden, abschweifen oder gar den Sitzungsleiter angreifen. Es geht recht derb und heftig zu in diesem Geburtsstadium einer Kirche, die später selbst aus weher Erfahrung stöhnt über ihre erstarrte Hierarchie, die Bürokratisierung und das leidige Sitzungswesen.

Der Leser weiß da zwar nicht so recht, wohin Multhaupt eigentlich will. Will er sich jetzt über die Nöte der heutigen Kirche lustig machen? Oder will er Spannung aufbauen mit einer Geschichte, die sichtlich nicht zu den dramatischen und niederdrückenden Ereignissen um die Kreuzigung Jesu Christi passt? (Dafür umso besser zu einem Film, dessen Figuren man dabei die ganze Zeit vor Augen hat: “Das Leben des Brian” der Monty Pythons.)

Was ist mit dem finsteren Sanhedrin und den grausamen Hohepriestern? Wo ist die drückende Last der römischen Besetzung? Das kommt dann zwar alles nach und nach in die Handlung, aber aus dem von Angst bedrückten Jerusalem des Neuen Testaments ist eine kleine, fast provinzielle Stadt geworden, in der selbst die Mächtigen eher auf Provinzmaß geschrumpft scheinen. Pontius Pilatus steht sichtlich unterm Pantoffel seiner Frau und sorgt sich um seinen Nachruf, wo er doch an diesem Justizirrtum nicht schuld sein will. Kannte das alte Rom überhaupt so ein Wort wie Justizirrtum? Schon gar, wenn es um das grausame Walten eines vom Kaiser eingesetzten Präfekten geht? Dass Pontius Pilatus in der Provinz Judäa besonders grausam waltete, ist historisch belegt. Nur die Bibel versucht den Mann in einem besseren Licht dastehen zu lassen, was ja wieder mit der Entstehung der Bibel zu tun hat, mit der eine neue römische Staatsreligion begründet wurde.Deswegen tauchen in den späteren Heiligenlegenden auch erstaunlich viele römische Offiziere auf. In diesem Roman hier gleich zwei, einer davon Hauptmann Longinus, der Jesus am Kreuz den Lanzenstich beibrachte und dabei seine Erleuchtung hatte. Das ist der zweite Spagat, den Multhaupt versucht: Die Überzeugungskraft der Botschaft Jesu nach seinem Tod plastisch zu machen, indem nun gleich mehrere Personen auf einmal von der christlichen Botschaft begeistert sind. Selbst der finstere Räuber Barrabas hat noch was wieder gut zu machen. Denn der berühmte Joseph von Arimathäa, der sein Grab für den Leichnam von Jesus Christus zur Verfügung stellte, ist eingekerkert. Sehr zum Entsetzen der Jünger, die nun alles tun, um ihn zu befreien. Eine echte Räuberpistole à la Dumas, wie sie so auch in der apokryphen Acta Pilati nicht erzählt wird.

Das könnte eine ganze Romanhandlung tragen. Aber Joseph ist schneller im fernen England als die Polizei von Jerusalem überhaupt reagieren kann. Irgendwie will Multhaupt immer noch mehr erzählen. Nicht nur die drei Marien spielen mit, auch die schreckliche Schwiegermutter von Simon Petrus, der Jüngling von Naim, der quasi ein zweites Mal aufersteht, Lazarus und der Pharisäer Nikodemus. Selbst Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, erlebt eine Liebesgeschichte. Und eigentlich könnte das ganze Warten auch mit einer Enttäuschung enden, wenn die Frauen die streitsüchtigen Apostel nicht daran erinnern würden, dass zu einer ordentlichen Kirchenveranstaltung auch ein ordentliches Gebet gehört.

Womit dann der Heilige Geist am Ende doch noch kommt.

Es ist wieder eines jener unverwechselbaren Multhaupt-Bücher, die sich nicht scheuen, die alten Legenden neu zu erzählen und mit zahlreichen Zitaten aus der moderneren Romankunst anzureichern. Auch ein bisschen von der Legende um den Heiligen Gral darf mit einfließen. Das Genre wird dadurch schillernd, aber der Begriff Historische Fantasy fasst es wohl am besten, was Hermann Multhaupt hier mit den elf Aposteln versucht.

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Die Apostel
Hermann Multhaupt, St. Benno Verlag 2014, 9,95 Euro

Ein echter Fantasy-Erzähler würde jetzt erst so richtig loslegen und die Lebensgeschichten der Apostel erzählen, auch die jenes kurz erwähnten Paulus, der so gern der dreizehnte Apostel gewesen wäre und dem Neuen Testament am Ende seinen Stempel aufdrückte. Erst recht die des Petrus, der sich in diesem Buch mehrfach sträubt, in das schreckliche Rom fahren zu sollen. Wo doch alle Welt weiß, dass er am Ende doch hin musste. Zumindest, wenn man sich auf die üblichen Legenden verlässt.

Aber ein Fantasy-Autor darf das. Fantasy lebt von Mythen und Legenden. Und nicht nur die Bibel, auch alle für apokryph erklärten Schriften sind voller solcher Legenden. Die einander oft genug auch widersprechen, was den Stoff noch spannender macht. Es wird nicht das letzte Fantasy-Buch sein über ein Thema, das bis heute ganze bayerische Gemeinden in Atem hält, wenn wieder Zeit ist für große Passionsspiele.

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