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Wenn Axel Helbig Autorinnen und Autoren nach den Untergründen ihres Schreibens fragt

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    Es gibt Bücher, die wünscht man sich etwas handlicher, vielleicht auch im festen Einband, weil man ein ganzes Weilchen dran liest. Weil Stoff drin steht, den man nicht wegblättert wie die üblichen heiß gestrickten Romane vom Stapel. Interviews zum Beispiel, wie diese. Gar noch über ein so spezielles Handwerk wie das Schreiben. Und man muss etwas langsamer lesen, sonst verpasst man die schönsten Stellen.

    Axel Helbig ist Herausgeber, Literaturkritiker, Essayist. In Dresden gibt er die Zeitschrift für Literatur und Kunst „Ostragehege“ heraus. Dort sind die meisten der in diesem Band gesammelten Interviews auch zum ersten Mal erschienen, zwischen 2008 und 2013. Also hübsch hintereinander, mit genügend zeitlichem Abstand, den Helbig auch braucht. Denn er macht etwas, was im heutigen Literaturfeuilleton fast gar nicht mehr passiert: Er liest die Bücher der Leute, die er interviewt. Beim einen sind’s sieben Bücher, beim anderen vier, beim nächsten schon fast ein Lebenswerk, wenn man gleich mal den ersten Interviewten, Wulf Kirsten, bedenkt, bei anderen sind es gleich mal ein Dutzend Bücher – wie bei der Autorenfamilie Olga Martynowa, Oleg und Daniel Jurjew.

    In seinen Interviews konfrontiert Helbig die Autoren dann mit Zitaten aus den Büchern, aus Rezensionen und anderen Interviews, versucht mit ihnen ihren Antrieb zum Schreiben zu ergründen, ihre Anfänge und ihre Schwierigkeiten mit Stoff, Sprache, Form. Ganz schrecklich theoretisch auf den ersten Blick. Aber welcher Berufszweig lässt sich überhaupt so tief in die Werkstatt schauen?

    Und welcher Berufszweig hat eigentlich so große Nähe zu unserem Denken und Fühlen? Zumindest dann, wenn Autor und Autorin es wirklich ernst meinen mit dem „Schreiben“. Oder sollte man SCHREIBEN schreiben, damit es keiner mit dem Runterreißen von Romanen nach dem üblichen Strickmuster verwechselt? Was natürlich nicht bedeutet, dass begnadete Romanautoren aus dem Thriller-Genre nicht auch die Fähigkeit besitzen können, das wirklich Menschliche, all unsere Nöte, Verirrungen, Erstarrungen, Manipulationen zu erfassen. Aber: Die sind selten. Seltener als Diamanten.

    Und sie kommen bei Helbig nicht vor. Er widmet sich den interessanten Autoren aus dem Land, die dann und wann in die Nähe handelsüblicher Dichterpreise gelangen, dann und wann das Feuilleton verwirren, aber in der Regel von Kritikern kaum mehr gründlich gelesen und auch nicht verstanden werden. Auch weil sie sich mit Themen beschäftigen, die das Menschsein in seiner ganzen Kompliziertheit erfassen. Und aus ganz persönlicher Perspektive. Und sie wissen auch, wie Sprache funktioniert. Und das geht deutlich hinaus über das, was der normale Mediennutzer überhaupt mitbekommt. Mitbekommen tut er’s schon – aber nicht bewusst. Meist merkt er gar nicht, wie sehr mit Sprache manipuliert wird oder welche Subtexte mitfließen oder welche Geschichten hinter den Geschichten miterzählt werden.

    Gibt es überhaupt Bösewichte?

    Und damit ist nicht das maskierte Schreiben gemeint, das in der DDR einige Autoren so interessant machte. Das würde auch nicht mehr funktionieren, weil es die offizielle Zensur und die selbstherrlichen Funktionäre nicht mehr gibt. Ein Thema, auf das der Dresdner Autor Jens Wonneberger eingeht, der noch in den 1980er Jahren seine schriftstellerische Laufbahn begann. Helbig fällt in seinen Büchern auf, dass es bei ihm keine Bösewichte gibt. Er äußert das – und es tauchen dann jene kleinen Perlen im Interview auf, die den ganzen Sammelband zu einer kleinen Fundgrube machen. Aber man muss die Interviews eben auch lesen, um drüber zu stolpern. Denn Helbig tastet sich ja vor, versucht auch herauszufinden, inwieweit die Autoren selbst wissen, wie weit sie in die Tiefe gehen. Manche wissen es nicht wirklich, auch das ist schön zu erfahren. Und mehrere gehen im Gespräch darauf ein, wie ihnen während des Schreibprozesses ihre Figuren oder die Geschichte selbst das Heft des Handelns aus der Hand nehmen und sich quasi selber weiterschreiben. Der Schreibprozess verselbständigt sich.

    Scheinbar, muss man sagen. Denn natürlich berichten gerade diese Autoren auch davon, wieviel Zeit und Mühe sie in die Vorbereitung ihrer Texte stecken, wieviel Material sie oft ansammeln, regelrechte Archive anlegen, die sie dann während des Schreibens versuchen zu „vergessen“, wie sie aber auch lange und sorgfälig nach der richtigen Sprache für die Geschichte, den richtigen Figuren und der nötigen Konzentration suchen. Denn Schreiben ist – das wird ein paar Mal zitiert – zuallererst die Fähigkeit, sich richtig konzentrieren zu können. Also auch: in der Lage sein, sich im Arbeitsprozess komplett aus den Störgeräuschen der Welt auszuklinken.

    Die Tür zum Verborgenen

    Übrigens ein Vorgang, den Ulrike Draesner ganz beiläufig aus beiden Perspektiven beschreibt, aus der der Autorin, die eben „kurz mal nicht da ist“ für all die anderen Rollen, die frau so im Leben ausfüllen muss, und aus der Sicht der Leserin, die beim Lesen merkt, wie sich die Tür zum Verborgenen auftut. Sie spricht von den „leuchtenden Momenten“ als Leserin (und die wirklichen Leser wissen, was das bedeutet), „ich entdecke etwas, ich sehe etwas in einem Text, es ist eine Tür. Und wenn ich das zweite Mal hinschaue, hat die Tür eine Klinke. Ich öffne sie und trete über den Text in einen zweiten Raum, der zu diesem Text gehört. Und in diesem zweiten Raum gibt es wieder Türen. Und ich weiß nicht, wohin mich das führt.“

    Und da Helbig ein erfahrener Leser ist, weiß er, dass die richtigen Dichter darüber reden können. Manche sehr bewusst, weil sie beim Erlernen ihres Handwerks Schreiben auch gelernt haben, wie Sprache manipuliert und missbraucht werden kann. Denn Geschichtenerzählen ist nicht nur in der Literatur zu finden. Menschliche Gesellschaft ist nur über das möglich, was die oberflächlichen Literaturkritiker so gern „das Narrativ“ nennen. Aber nicht nur Dichter erfinden Geschichten, um Leser zu erreichen. Journalisten tun es, Wissenschaftler tun es, Nachbarn tun es, Familien tun es. Und wie sehr Politiker zum Geschichtenerfinder werden, wenn es ihrer Partei oder ihren Spendern nutzt, das benennt der aus Rumänien stammende Catalin Dorian Florescu. Wer so nicht nur Länder-, sondern auch Sprachgrenzen überschreitet, der wird auch hellsichtiger für die scheinbaren Selbstverständlichkeiten – und die Lügen und Selbsttäuschungen der jeweils anderen Gesellschaft.

    Wer die großen Lügen verbreiten kann, hat die Macht

    Wer die Macht hat, anderen seine Geschichten aufzudrücken, der verändert die Welt. Manchmal in einem katastrophalen Sinne. Florescu erwähnt den zentralen Aspekt seines Romans „Der blinde Masseur“: „Erzählungen sind gefährlich. Wer erzählt, hat Macht.“

    Florescu: „Wer die Definitionsmacht hat – z.B. ein Georg Bush -, wer Erzählungen in die Welt setzen kann – wie die Geschichte von der ‚Achse des Bösen‘ -, der hat Macht. Der zwingt den anderen zu Reaktionen. Der modelliert die Welt, indem man das Bewusstsein mit bestimmten Inhalten infiziert.“

    Nicht die einzige Erzählung, die in der jüngsten Zeit die Welt infiziert hat und Menschen manipuliert, verängstigt, verwirrt. Die Panik ist allüberall zu greifen – und dabei standen am Anfang lauter Lügen und erfundene Geschichten.

    Autoren wie Florescu besitzen das Handwerkszeug, die gesellschaftlichen Narrative wenigstens zu begreifen und zu durchschauen. Denn oft sind es eben nichts anderes als gut vermarktete Lügen. So ganz nebenbei kommt er auch auf die Lügen unserer Konsumgesellschaft zu sprechen, in der neue  Krankheiten wie Burnout, ADHS usw. regelrecht zu grassieren scheinen. Aber kann man die mit Pharmaka bekämpfen? Kann man Lebenslügen mit Medikamenten unter der Decke halten? – Florescu: „Von Burnout sind in der modernen Welt alle betroffen, das ist ein Vorgang, bei dem sich der Körper wehrt gegen diese Beschleunigung und den Stress in der modernen Welt.“

    Die Realität ist gefährlich

    Eine Welt, die mit ihren so genannten „social media“ auch alles tut, echte menschliche Kontakte zu verringern. Ein Phänomen, das Florescu besonders bei Besuchen in Rumänien frappierte. „Wenn man in diese Realität eintritt, dann kann das gefährlich werden. Sich Menschen auszusetzen ist auch ein Risiko. Es erfordert Reaktionen, es erfordert Schnelligkeit, Geistesgegenwart. Man hat Gefühle, man wird durcheinander  gebracht durch Menschen. Man wird ausgenutzt, man wird manipuliert. Aber es ist allemal besser als die hoch ritualisierte virtuelle Welt der Konsumgesellschaft. Es ist allemal besser als die Welt der eigenen vier Wände, wo man mit der Außenwelt nur noch per Chat und Internet kommuniziert.“

    Wo man dann in der Regel oft nicht mal weiß, mit wem man da spricht oder schreibt.

    Natürlich hat sich Axel Helbig für seine Interviews Autorinnen und Autoren ausgesucht, von deren Büchern her er schon ahnen konnte, dass sie über dieses intensive Verhältnis der Schriftsteller zum eigenen Schreiben, zu sich selbst und ihrer Welt erzählen können, die auch wissen, wie menschliche Gesellschaft überall aus Narrativen und Ritualen besteht. Denn Menschen brauchen ja so etwas wie eine belastbare Geschichte für ihre Existenz, ihren Lebensweg. Worauf Wonneberger in einer diese schönen Perlen im Interview eingeht. Denn seine Figuren werden von Lesern oft als böse interpretiert, auch wenn sie es aus der Perspektive des Autors nicht sind, der sehr wohl weiß, dass der Mensch im Leben immer auf einem sehr schmalen Grat wandelt. „Und der eigentlich in jede Richtung kippen kann. Täglich. Er kann der Bösewicht werden oder er kann etwas Gutes tun. Das ist völlig von den jeweiligen Umständen abhängig. Ich glaube schon, dass jeder Mensch alle Eigenschaften in sich trägt. Das Pendel kann in jede Richtung ausschlagen, je nachdem wie die Umstände sind.“

    Das muss man sich erst mal eingestehen.

    Es ist eine von vielen versteckten Perlen in diesem Band. Bei vielen Passagen merkt man, dass es vielleicht doch gut wäre, die erwähnten Bücher zu lesen. Aber die Interviews bieten in der Regel doppelten Stoff: Sie nehmen beim Lesen mit in die Welt der Autoren und ein bisschen auch in ihre oft faszinierenden Einsichten aus der Schreiberei. Und sie erhellen den Weg, den die Befragten zurückgelegt haben, bis sie begannen, ihre Bücher zu schreiben, IHRE Bücher, muss man sagen. Denn erst dann passiert das, was Ulrike Draesner erwähnt hat. Erst dann öffnen sich die Türen. Mancher sucht lange nach dieser Tür. Mancher tut sich schwer damit, sie jeden Tag aufs Neue zu öffnen.

    Aber die Interviews zeigen auch, wieviel davon auch in der heutigen deutschen Literatur zu finden ist. Sie laden regelrecht ein dazu, selbst loszugehen und sich die Begegnungen mit den Geschichten zu suchen. Die Perlen in den Antworten der Autorinnen und Autoren gibt es quasi gratis obendrauf. Aber man findet sie nur, wenn man mit offenen Sinnen liest.

    Axel Helbig „Der eigene Ton 2. Gespräche mit Dichtern, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2014, 29,95 Euro

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