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Jutta Pillats Gedichte übers Lebenlernen nach der Zeit des kalten Schweigens

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    Der Titel hat etwas für sich, auch wenn Jutta Pillat nun nicht wirklich die Dichterin ist, der das Beschreiben kalter Zeiten und Zustände liegt. Dazu ist sie zu warmherzig, liebt das Leben zu sehr und schaut auch die Menschen, denen sie begegnet, mit viel zu neugierigem Blick an. Und sie neigt auch nicht dazu, aufzugeben und zu barmen.

    Aber kurz umreißt sie zumindest im Klappentext, warum sie dieser Gedichtauswahl ausgerechnet diesen Titel gab: Denn sie selbst und die Menschen, die sie im Gedicht porträtiert, kommen fast alle aus der Nachkriegszeit, waren dort Kind und wuchsen dann in eine Folgezeit hinein, die bestimmt war „von der Kühle und den Stereotypen gesellschaftlicher Reden und Begriffswelten“. Den Begriff „Osten“ benutzt sie nicht. Auch der ist ja ein Stereotyp. Aber wer vorher schon aufmerksam war und hinterher nicht aufhörte, sensibel seine Zeit und sein Leben zu erkunden, der merkte spätestens in den heute als so dissonant empfundenen 1990er Jahren, dass die Zeit davor eine Zeit wie im Eisfach gewesen war. Man lebte scheinbar geborgen und umsorgt. Doch es war eine Geborgenheit gebremster Gefühle, unterdrückter Visionen und Emotionen. Mit gutem Grund entwickelte dafür der Hallenser Psychologe Hans-Joachim Maaz den Begriff „Gefühlsstau“.

    Jutta Pillat bringt das auf die Formel: „Lange lag brach, was ans Licht wollte: Nach dem Aushalten von Kälte die Suche einer möglichen Wärme.“

    Und sie selbst machte sich auf die Suche. Suchte Welt, suchte Wahlverwandte (auch tief in der Geschichte – so wie Johanna von Orleans), suchte die Spuren ihres Wirkens, suchte die emotionalen Tiefen ihrer eigenen Herkunft, suchte aber auch die Liebe und eine neue Heimat am Rhein – was zeitweise gut ging. Aber sie macht es nicht zum Drama. Und sie macht damit eigentlich dichterisch vor, was gesellschaftlich augenscheinlich völlig daneben ging, weil lauter Männer eiligst zu den Steuerrädern des dümpelnden Ostens griffen, die sich mit ihren psychischen Verkrampfungen und aufgestauten Gefühlen nie beschäftigt hatten.

    Ob die Steuermänner im Westen besser sind – daran kann man zweifeln. Narzissmus ist ja auch nicht gerade das Ergebnis eines ehrlichen Umgangs mit den eigenen Gefühlen.

    Aber für die heimischen Gefühlslandschaften heißt das tatsächlich: Gefühlsarbeit ist Kärrnerarbeit. Man muss Geduld haben, auch Trösten gehört dazu, aber auch jede Menge Vorsicht. Denn weggeschlossene Gefühle sind explosiv. Das erfährt man nicht nur auf Sachsens Straßen. Das erleben die heimkehrenden Kinder auch, wenn sie mit Geschwistern oder Eltern reden. Gerade bei den Eltern hört man dann die Zündschnur knistern, die Abwehr hochfahren und das, was eben noch wie wohlige elterliche Zuneigung aussah, sich in fürchterlichen Zorn verwandelt. Denn auch das haben die Kinder des Ostens gelernt – wie schnell man in die Rolle des schwarzen Schafes gerät, wenn man die verschlossenen Gefühle anrührt.

    Aber alle Warnungen von Hans-Joachim Maaz haben ja nichts genutzt. Wir haben alle immer so weitergemacht und einen gefühllosen Mann nach dem anderen in die Ämter gewählt, die eigentlich von Sensiblen und Zuhörenden besetzt sein sollten.

    Aber wo lernt man das?

    Die heimischen Lyriker zumindest können für sich sagen: Es ist ihr Handwerk. Die besten Gedichte sind genau die, mit denen sie das Verschlossene berühren, den Menschen da begreifen, wo er Mensch ist und nicht Rolle.

    Und deshalb gibt es natürlich einige Lyriker unter den Menschen, die Jutta Pillat würdigend bedichtet, nebst Malerinnen und Malern. Denn der Sinn für die Welt entsteht in dem Moment, in dem man sich berühren lässt – nicht rühren, das ist ein altes Verständnis von Dichtung, das immer am Wesentlichen vorbeiging: Die Dinge intensiv zu sehen, zu fühlen und zu erleben. Und dann das Wagnis einzugehen, diese intensive Begegnung mit der Wirklichkeit in Worte zu fassen. Das hört nie auf. So, wie auch das immer Neue im Leben nie aufhört. Aber das wissen wohl wirklich nur die Lebendigen, die gelernt und geübt haben, ihren Gefühlen zu begegnen. Diesen Unberechenbarkeiten, die einem die Momente zum Erlebnis machen, selbst wenn wir uns keine Hänge hinunterstürzen und „an Grenzen gehen“.

    Denn das Eigentliche schlummert überall, kann uns überall passieren. An einer stürmischen Bucht im Süden, beim Anblick einer ertrunkenen Frau an der Küste des Mittelmeers, beim Beobachten von Kormoranen am Strand, beim Anblick des Rheins, den die sächsische Dichterin gern wie die Elbe betrachten möchte.

    Jutta Pillats Kunst ist das Umschreiben, das Annähern und Versuchen-zu-Greifen. So, wie unsereins manchmal lange nach den richtigen Worten sucht, um etwas, was uns beeindruckt, auf den Punkt zu bringen. Manchmal gibt es diesen Punkt nicht. Oder das passende Wort. Dann muss ein Bild helfen, eine beharrliche Beschreibung dessen, was so sehr danach schreit, jetzt eingefangen zu werden: diesen Moment Leben zu fassen. Hab ich dich! Ab ins Album! – Wenn das nur so einfach wäre. Gelegenheitsdichter wissen das. Gelegenheitsfotografen auch. Später fragt man sich beim Blättern im Album verzweifelt: Warum hab ich das eigentlich damals für so wichtig gehalten?

    Das zumindest sollte man zu packen versuchen, wenn man Gedichte schreibt. Und zwar so plastisch, dass jeder Leser, egal, wann und wo er das liest, ein Bild vor sich hat. Was in gewisser Weise natürlich die Berührbarkeit der Lesenden voraussetzt: Lassen sie das noch zu? Haben sie noch lauter Erwartungen an das Leben oder sind sie schon satt und können nicht mehr mitfühlen? Auch das scheinbar Vergangene?

    „ich schütte nach vertaner zeit // mein schweigen aus / so nach und nach und will mich lösen / von einem lügenberg“. („Erwachende Steinfrau“)

    Mancher wagt das nie und kommt nicht aus seinem Schutzpanzer. Und sorgt damit für neue Erstarrungen und Verletzungen, schleppt alte Märchen durch sein Leben. Nur die Wenigsten wagen die Wiederbegegnung wie der alte Mann in „Die Geschichte von einem Vertriebenen“, der erst loskommt von der „verlorenen Heimat“, nachdem er sie wieder besucht hat. Vergangenheit schimmert oft so golden, als wäre dort das Paradies verschlossen. Aber so wird einer zum Untoten, wenn er nicht wagt, sich der Wirklichkeit auszusetzen. Mit allen Sinnen. Und auch auf die Gefahr hin, verletzt zu werden. Was dann in „Porträt vom Tanz der Toten“ eine weitere Wendung nimmt, denn dass sich ganze Gesellschaften die Berührung mit den eigenen Verletzungen und Gefühlen untersagen, das sorgt für eine gefährliche Ruhe: „bedrohliche Einsamkeit“.

    Auf einmal wird die innige Berührung zur Sünde – weil verboten, untersagt. Da kommt gar noch der Papst ins Spiel: „selbst der papst sprach von sünde. / diese lust! ach tod, wer alles sehnt sich nach dir? / wie sehr bist du am leben?“

    Man merkt: Da hat sie es schon mit einer Gegenwart zu tun, die sich die Intensität des Lebens (Sünde!) verkneift und auch den Tod gern aus der Welt schaffen möchte. Vorher nicht leben und dann nicht sterben wollen? Was ist das für ein Lebensideal?

    Das dieser Dichterin, die in diesem Fall wieder ein Bild des von ihr geachteten Hallenser Künstlers Uwe Pfeifer betrachtet, ganz bestimmt nicht.

    Tatsächlich erzählt ihr Gedichtband nicht von der Kälte, die im Titel beschworen ist, sondern vom Auftauen danach und der intensiven Neugier auf ein selbstgelebtes Leben. Egal, wo. Wichtig ist nur, dass man tatsächlich dabei ist und die fremden Flüsse befährt mit aller Neugier, auch wenn es in diesem Fall nur der Rhein ist: „hinzugewachsene Heimat“. Manchmal klappt es nicht. Aber die „phänomenale Aussicht“, die sollte man sich nicht versagen. Sonst hat man am Ende wirklich ein Problem und alles verpasst. Wirklich alles, was wichtig ist.

    Jutta Pillat die aus der kälte kommen, Chiliverlag, Verlag 2017, 8,90 Euro.

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