Es ist eines dieser Bücher von Voland & Quist, die einfach auf den ersten Blick nicht verraten, was wirklich drinsteckt. Und eine Entdeckung ist dieses Buch. So wie die Autorin eine Entdeckung ist – Journalistin in München, wo sie für das „Jetzt“-Magazin der Süddeutschen Zeitung schreibt. Aber wie betitelt man ein Buch, in dem es nur um eins geht: Geschwister, Geschwister, Geschwister!?

Nadja Schlüter macht etwas, was die meisten Leute, die „irgendwas mit Literatur“ betreiben, strikt vermeiden, weil sie den großen Trampelpfaden folgen, wo schon alle Anderen unterwegs sind. 99 Prozent aller Beziehungsbücher beschäftigen sich mit Liebe und all dem Kram, den die meisten Leute dabei für wichtig halten, meistens lauter blödsinnige Variationen von Romeo und Julia.

Aber die große Liebe macht im Beziehungsleben der Menschen nur einen kleinen Bruchteil aus. Über 99 Prozent unserer Beziehungen aber schreibt niemand. Als wenn wir alle Scheuklappen aufhätten oder mit Denkverboten herumliefen.

Oder – und das drängt sich beim Lesen dieser zehn Geschichten geradezu auf – es stecken viel zu viele Emotionen darin, viel zu viele innere Verstrickungen, über die wir gar nicht so richtig nachdenken wollen. Es könnte als Ergebnis dabei herauskommen, dass Brüderchen und Schwesterchen in unserem Leben eine viel größere Rolle spielen, als wir uns das selbst unterm Weihnachtsbaum eingestehen wollen, viel intensivere Beziehungen uns miteinander verbinden als mit Freunden, Lebenspartnern und Eltern. Denn den ganzen ersten Teil des Lebens, den erlebt man in der Regel mit seinen Geschwistern. Mit ihnen gemeinsam ist man Testobjekt für elterliche Erziehungsversuche, erlebt die ersten Dramen des Lebens – miteinander, gegeneinander. Mit niemandem lernt man die wichtigsten sozialen Crashkurse so intensiv wie mit den Geschwistern. Sie sind die direkten Konkurrenten um Liebe und Anerkennung. Und oft gehen sie einem so richtig auf den Wecker, weil sie so anhänglich sind, so vertraut, dass man schreien möchte.

Aber es hat wirklich noch niemand so aufmerksam und intensiv darüber geschrieben, wie aufwühlend das Leben mit Brüdern und Schwestern ist. Und wie vielfältig. Nadja Schlüter hat zwar zehn verschiedene Konstellationen beschrieben und sich dabei jedes Mal in eins der Geschwisterteile hineinversetzt, um aus dessen oder deren Perspektive die vielen feinen Verunsicherungen im Geschwistersein zu beschreiben. Aber es sind nicht wirklich nur Gedankenexperimente. Eher scheint die junge Autorin erstens im eigenen Leben sehr genau hingeschaut und sich eingefühlt zu haben  – und zweitens scheint sie auch wachen Auges beobachtet zu haben, wie die Menschen in ihrem Umfeld auf der brüderlich-schwesterlichen Ebene miteinander umgehen.

Es kommen auch ein paar Beispiele geschwisterlichen Versagens und tiefer Verwundung vor. Was aber auch nicht überrascht. Denn Familie ist zwar ein intensiver Kommunikationsraum. Aber in den meisten Familien wird schlecht kommuniziert, weil es die Hauptakteure nie richtig gelernt haben, nie wirklich rausgekommen sind aus ihrem emotionalen Kokon.

Wobei Nadja Schlüters Generation (Geburtsjahrgang 1986) ja schon eine gesegnete ist. Diese Generation hatte es schon mit Eltern zu tun, die gelernt haben, ihre Gefühle zu zeigen und mit ihren Kindern freier über die nicht ganz so einfachen Dinge des Lebens zu reden. Deren Eltern gehörten noch zu jener „Darüber redet man nicht“-Generation nach dem Kriege. Wobei folgerichtig auch das Generationenproblem in einer Geschichte zur Sprache kommt.

Und trotzdem sind das keine philosophierenden Geschichten, die irgendwie im Gefühlsmulch wabern. Jede einzelne Geschichte ist mit Fingerspitzengefühl organisiert und auf eine Pointe hin geschrieben, die nicht immer zufriedenstellt, aber zumeist überrascht, weil sie so irdisch ist, so geschwisterlich. Denn konfliktfrei sind diese geschwisterlichen Beziehungen nie – gerade weil man eben auch dann kommuniziert, wenn eigentlich gar nichts gesagt wird. Und genau für diese stumme und dafür umso wirksamere Kommunikation hat Schlüter einen sehr feinen Sinn. Wer es in seiner Kindheit noch nicht gelernt hat oder es sich nie eingestehen wollte, der lernt hier, wie viel die Menschen, die einen nun wirklich von ganz klein auf kennen, mitkriegen – auch dann, wenn man sich hinter Schweigen verbarrikadiert oder Coolness. Und gerade die phantasievollste Geschichte („Match“) zeigt, dass es ganz und gar nicht auf die Gene ankommt, das gemeinsame Blut (auch wenn die Zwillingsgeschichte „Einer hätte gereicht“ etwas anderes vermuten lässt), sondern um die Vertrautheit, die zwischen Kindern entsteht, die miteinander aufwachsen.

Das kann auch schiefgehen, wenn die Vertrautheit zu groß wird und in Abhängigkeiten umschlägt. Auch davon hat Nadja Schlüter ein paar Beispiele zu erzählen, die vor allem um ein Thema kreisen, das auch Liebespaare oft vergessen: Wie bewahrt man sich in dem überbordenden Anspruch auf Liebe und Geborgenheit seine eigene Souveränität? Denn gerade Geschwister stellen durch ihre Gegenwart ja jegliche Souveränität infrage. Oft mit diesen selten ausgesprochenen Erwartungen, dass Geschwister jederzeit bedingungslos füreinander da sein sollten – und einander auch nicht wehtun sollten. Zumindest nicht, wenn sie Mädchen und Frauen sind. „Die Schweiz“ ist so eine Geschichte, in der auch die Heldin lernt, dass es ohne Grenzenziehen und Erwartungen äußern zwischen Geschwistern nicht geht.

Und stets hängt die Frage im Raum: Und die Eltern?

Die erweisen sich oft genug – wie in „Zahnräder“ – als durchaus kritisch zu betrachtende Vor-Bilder, die sich am Ende gar nicht als Vorbilder bewähren, sondern sich als selbst bedürftige Wesen zeigen, die über das Emotionale in ihrem Leben nicht reden können. Man ahnt schon: Eigentlich kann diese Autorin sich auch das Thema Eltern mal vorknöpfen, das ja genauso verzwickt ist wie das Leben von Geschwistern, genauso gespickt mit emotionalen Fallen, Kommunikationsdesastern und nie ausgesprochenen Erwartungen.

Diese Autorin beobachtet die Wirklichkeit mit sehr offenem Blick. Und zwar jene Wirklichkeit, über die meist nicht geredet und geschrieben wird. Weil es nämlich ans Eingemachte geht, die Gefühlswelten, die uns ein Leben lang begleiten und vor denen wir meistens hektisch davonlaufen und uns in andere, fiktive Welten flüchten. Denn eines ist unserer Gesellschaft wirklich abhandengekommen: Der ehrliche Blick auf unsere wirklichen zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir überspielen das mit jeder Menge Schauspielerei und die scheinbar flippigen Geschichten über die ach so lächerlichen „Familienbande“ sind Legion.

Aber gerade diese zehn Geschichten zeigen, wie sehr es sich lohnt, diese scheinbar so komplizierten familiären Verstrickungen ganz und gar nicht lächerlich zu machen. Sie prägen uns fürs Leben. Und Geschwister gehören zu den Menschen, die uns oft besser kennen als wir uns selbst. Was manchmal belastend ist. Man möchte ja auch mal was Eigenes werden. Deswegen lässt man sich meist auf ein Nachdenken über diese Vertrautheit gar nicht mehr ein – schon gar nicht in unseren ach so coolen Zeiten. Zwischenmenschliches? Hochemotionales? Ab in den Kühlschrank, oder?

Oder lernen wir, wieder aufmerksam zu sein für die uns vertrautesten Menschen? Könnte spannend sein. Und nicht immer kalkulierbar. Das Leben ist nun mal kein Pingpongspiel. Aber aufregend, gerade da, wo wir so tun, als sei das ganz und gar nicht wichtig.

Nadja Schlüter Einer hätte gereicht, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2017, 18 Euro.

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