„Rettet die Wirtschaft … vor sich selbst!“ – Ein vehementes Plädoyer für ein Ende des neoklassischen Einheitsbreis an deutschen Wirtschaftslehrstühlen

Für alle LeserWer wissen will, warum die Menschen in den westlichen Gesellschaften randalieren und die Demokratie infrage stellen in der wilden Hoffnung, der alte Nationalismus und arrogante Führer könnten den Laden wieder in Ordnung bringen, der muss sich mit der regierenden Denkweise über Wirtschaft auseinandersetzen. Denn falsches Wirtschaftsdenken zerfrisst unsere Gesellschaft. Und Christian Mayer nimmt den falschen Glauben mit Vehemenz auseinander.

Der 35-Jährige ist Wirtschaftspädagoge und Germanist. Und er ist – wie alle, die irgendwas mit Wirtschaft studiert haben – durch die ökonomische Zahlen- und Knochenmühle gegangen, die an deutschen Hochschulen als Wirtschaftstheorie vermittelt wird. Eine Schinderei mit Formeln und geschlossenen Modellen, die die Wirtschaft und den Markt wie eine Idealspielfläche allwissender Entscheider betrachten, die immer rational handeln, immer über alle relevanten Informationen verfügen und aus purem Eigennutz in ihrem gemeinsamen Handeln am Ende das bestmögliche Ergebnis für alle erreichen.

Man könnte es einen platten Adam-Smithionismus nennen. Denn im Gegensatz zu den meisten Professoren auf den Wirtschaftslehrstühlen hat Christian Mayer auch Adam Smith gelesen, den ganzen. Nicht nur den „Wohlstand der Nationen“ von 1776, auf den sich alle beziehen und aus dem das Bild mit der unsichtbaren Hand stammt, sondern auch das Werk, das der schottische Professor für Logik und Moralphilosophie 17 Jahre vorher veröffentlichte und auf das er sich auch im „Wohlstand“ immer wieder bezieht: „The Theory of Moral Sentiments“, die „Theorie der ethischen Gefühle“. Denn Adam Smith wusste noch, dass es „den Markt“ an sich nicht gibt. Und das kommt auch im „Wohlstand“ zur Sprache – nur haben es die Klassiker der heute dominierenden ökonomischen Schule komplett herausredigiert aus ihren Modellen, mit denen die Wirtschaftsstudenten vom ersten Semester an traktiert werden. Die landen in einer Formelwelt, die alle ökonomischen Beziehungen in simple Kurven packt, die nichts mehr mit dem realen Menschen zu tun haben.

Sie verwandeln sich in dieser Formelwelt in einen primitiven Homo Oeconomicus, der keine Leidenschaften kennt, keine Liebe, keine Moral, und der inbrünstig davon überzeugt ist, dass immer mehr nicht nur besser ist, sondern die einzige Möglichkeit, die Wirtschaft im Gang zu halten und den Wohlstand der Gesellschaft zu bewahren.

Ein Irrsinn. Denn dieser Irrsinn zerstört unsere Welt. Denn wenn ein solcher Wachstumsglaube Grundlage unseres wirtschaftlichen Denkens ist, dann ist die Zerstörung all unserer Ressourcen und Lebensgrundlagen zwangsläufig die Folge. Dann können wir nicht innehalten und aufhören, die Welt in einen Müllberg zu verwandeln. Dann müssen wir immer so weitermachen, bis wir den ganzen Planeten Erde in eine Wüste verwandelt haben. Innerhalb dieses Modells ist eine andere Wirtschaftsweise gar nicht denkbar.

Und das Schlimme daran ist: Es ist ein falsches Modell. All die Experten, die immer wieder mit Bart und ohne Bart in den großen Medien zu Wort kommen, die uns unsere Wirtschaft erklären und Wachstumsraten berechnen, versuchen immerfort, dieses platte, auf Formeln reduzierte neoklassische Wirtschaftsmodell als Richtmaß für die Wirklichkeit vorzugeben. Und jedes Mal liegen sie falsch. Aber Regierungen und Nationen richten sich nach den Weissagungen dieser Leute, richten ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik danach aus. Und halten nicht einmal inne, wenn dieses irre Wachstumsdenken seine fatalen Folgen zeigt. Sie kommen nicht raus aus dieser Blase. Was auch daran liegt, dass 90 Prozent aller Wirtschaftslehrstühle mit den Denkern dieser Schule besetzt sind. Doch längst lassen sich die Studierenden diesen Unfug nicht mehr gefallen. Denn spätestens wenn sie versuchen, das Gelernte auf die Wirklichkeit anzuwenden, merken sie, dass die Wirklichkeit in diesen Modellen nicht vorkommt. Sie wurde ausgemerzt.

Denn sie stört. Sie stört vor allem diejenigen, die von dieser Art Wachstumsdenken profitieren. Denn von diesem „Wachstum“ profitieren ja nicht alle. Dass Wohlstand im Westen für alle da ist, entpuppt sich für immer mehr Menschen als Illusion. Als blanke Lüge. Längst ist in allen Staaten des Westens sichtbar, dass ganze Bevölkerungsgruppen von der Wohlstandsentwicklung abgekoppelt sind. Und zwar längst nicht mehr nur die Armen und gesellschaftlich Prekarisierten, die erleben, wie es sich mit „Hartz IV“, Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern lebt. Längst hat die Zerstörung des Wohlstands auch die Mittelschicht erreicht. Sie schmilzt überall – in den USA, in England, in Deutschland. Und die Panik hat längst um sich gegriffen.

Wo aber bleibt das ganze Geld? Wo bleibt der versprochene Wohlstand? Was passiert mit einer Gesellschaft, in der selbst 2 Prozent „Wirtschaftswachstum“ nicht mehr ausreichen, für alle den Wohlstand zu sichern?

Genau das, was wir seit ein paar Jahren beobachten. Auch in Sachsen.

Die Lüge im Heilsversprechen ist offensichtlich. Es wird zwar immer mehr Reichtum erzeugt. Aber der kommt bei den meisten nicht mehr an. Denn er wird umverteilt. Er fließt jenen zu, die eh schon über das große Geld verfügen. Denn sie profitieren von etwas, was in antiken Gesellschaften aus gutem Grund verboten war, was ihnen aber den Überschuss, den reiche Gesellschaften wie unsere produzieren, immerfort zufließen lässt: dem Zinseszins. Auf den Christian Mayer auch eingeht. Mit Verve. Und das ist gut so.

Sein Buch ist eine Streitschrift – aber gleichzeitig auch so etwas wie ein Lehrbuch. Ein Lehrbuch für alle, die gemerkt haben, wie verlogen und weltfremd all das ist, was an deutschen Ökonomielehrstühlen zumeist unterrichtet wird. Die mit dem Widerspruch nicht mehr leben wollen, dass die gelernte Wirtschaftstheorie nichts mehr mit der erlebten Wirklichkeit zu tun hat, dass die Formeln nie aufgehen, wenn man ihnen wirklich reale Daten zugrunde legt.

Aber diese Theorie sitzt – zumindest mit ihren schlimmsten Plattitüden – längst in den Köpfen unserer Politiker. Sie sind darin gefangen, was selbst die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Bundestags erleben musste, die am Ende daran scheiterte, dass die meisten Kommissions-Mitglieder aus ihrem Glaubensgebäude nicht ausbrechen konnten.

Denn der Neoklassizismus ist ein Glaubensgebäude. Worte wie Wachstum und Fortschritt werden darin wie ein Mantra gebetet. Es ist – als Neoliberalismus – die Religion unserer Zeit. Und sie hat ihre Glaubenskongregation, die sich niemals zu fein ist, mit geharnischten Predigten und fundamentalen Forderungen in die politischen Entscheidungsfindungen unserer Gesellschaft einzugreifen. Denn dahinter stehen gut finanzierte Thinktanks und Missionshäuser wie die INSM, wo man sehr genau beobachtet, ob Regierungskoalitionen „auf Kurs“ bleiben – oder gar Programme auflegen, die vom Glauben abfallen.

Längst gibt es eine deutschlandweite Bewegung junger Ökonomen, die das Spiel nicht mehr mitspielen wollen, die wieder eine Wirtschaftslehre fordert, die die ganze Vielfalt der Wirtschaft aufnimmt. Es fällt sogar das Wort politische Ökonomie. Oller Marx lässt grüßen. Denn das war ja sein Heureka, als er sich mit dem beschäftigte, was schon zu seiner Zeit von Smith und Riccardo übrig geblieben war: dass Wirtschaft nun einmal etwas ist, was der Mensch sich selbst geschaffen hat (übrigens genau wie das Geld, zu dem Christian Mayer auch eine Menge zu schreiben hat). Und was Menschen schaffen, können sie auch ändern. Und es ist – nicht einmal in seiner Ur-Form (die ja bei Smith gern zitiert wird) – etwas Reines, Modellhaftes. Der Markt ist keine saubere Spielwiese irgendwo jenseits unseres maladen Daseins. Oder gar etwas, was über allem schwebt und nach dem sich alles zu richten hat.

Das gefällt zwar den hochbezahlten Thinktanks und den Profiteuren dieser Religion. Aber es ist falsch. Was Mayer mehrfach betont. Muss man ja, wenn die meisten Menschen gelernt haben, etwas völlig anderes zu glauben. Die Wirtschaft ist – hoppla – Teil unserer Gesellschaft. Sie ist eingebettet. Und es gibt kein Instrument, das sie herauslösen kann aus Kultur, Politik, Ethik. Nein, nicht mal aus der Ethik. Auch dumme Manager handeln ethisch – und gern auch kriminell und asozial, wenn man an die Bankenkrise denkt und das, was danach geschah – und nicht geschah. Es waren die Völker und Nationen, die den Milliardenschaden dieser politisch geduldeten Zockerei bezahlt haben und bezahlen.

Und immer weiter bezahlen, weil zum Mantra der Neoliberalen auch gehört, dass man Schulden nicht erlassen darf (selbst das Judentum kannte noch den regelmäßigen Schuldenerlass, weil man damals noch ganz genau wusste, wo Menschen landen, die arm sind und keine Chance haben, sich einen sichernden Reichtum zu erwerben – in Schuldensklaverei. Da stecken heute nämlich viele der zu Recht empörten Bürger der westlichen Nationen wieder. Und sie kommen nicht raus. Denn das Prinzip, dass Schuldenerlass – oder Schuldenschnitte – des Teufels sind, ist einer der obersten Glaubensgrundsätze dieser Religion.)

Mayer schildert das sehr anschaulich an einem sehr schönen Witz über Griechenland. Der aber eben kein Witz ist, sondern ein lebendiges Bild vom Geld. Denn Geld funktioniert nur, wenn es fließt, von einer Hand in die andere geht und nicht, wenn es in riesigen Aktienfonds gebunkert wird oder für die zu Milliardenforderungen angewachsenen Zinseszinsen verplempert wird, die Banken und Kreditgeber fordern. Und das augenscheinlich mit mehr juristischem Rückhalt, als die Malocher im Land ihre kargen Löhne und Sozialleistungen durchsetzen können.

Logisch, dass Mayer auch darauf eingeht, dass Geld Macht verleiht. Viel Geld logischerweise viel Macht. Die westlichen Staaten stehen seit rund 35 Jahren unter einem enormen Druck, den die immer reicher werdenden Riesenkonzerne und Riesenbanken ausüben. Sie schreiben Gesetze, bezahlen Wahlkämpfe, drücken ihre Meinung in den Medien durch oder gründen gleich selbst riesige Medienimperien, in denen sie Meinung machen können. Und sie entsenden ihre Leute in die Regierungen. Trumps Kloppertruppe der Superreichen ist das beste Beispiel dafür.

Und sie drücken ihre Sichtweisen auch im Bildungssystem durch. Was Mayer dazu bringt, auch den unsäglichen und unaufhörlichen Versuch der Konzernbosse zu kritisieren, das Fach „Wirtschaft“ in den Schulen durchzudrücken. Weil ja die Schüler scheinbar keine Ahnung von Wirtschaft haben.

Mit dem Vorstoß – der auch im armen Sachsen immer wieder vorgebracht wird – wird aber genau das zerstört, was eigentlich das Denken über Wirtschaft ausmachen sollte: Das Wissen um Zusammenhänge – soziale, ethische, politische, ökologische. Und das Wissen um etwas, was die Priester des „reinen Unternehmertums“ gern weglassen: Das Wissen darum, dass der Mensch Schöpfer seine Seins ist. Der Ausflug in die Geschichte zeigt nämlich auch, dass das Entstehen unserer Zivilisation und unseres Staates aufs Engste mit der Entwicklung unserer Wirtschaftsweise zusammenhängt. Mayer wird konsequent: Ohne Staat ist arbeitsteiliges Wirtschaften unmöglich.

Umso unmöglicher ist, dass die „Wirtschaftsexperten“ des Landes den Staat nicht nur herausoperiert haben aus ihren Modellen, sondern sein Eingreifen gar zum Teufelswerk erklären. Dabei ist der Staat schon immer das Regulativ für menschliches Wirtschaften gewesen. Und er hat all den großkotzigen Bankern, Managern und Marktgläubigen den Hintern gerettet, wenn sie das System in die Krise geritten haben. Keine einzige Krise der vergangenen 150 Jahre hat „der Markt“ gelöst. Immer waren es Staaten und kluge Politiker (wie John Maynard Keynes), die den Laden wieder in Ordnung gebracht und die Scherben aufgeräumt haben. Dass irgendein überbezahlter Manager oder einer der superreichen Gierhälse das bewerkstelligt hätte, wurde bis heute nicht gehört. Diese Leute sind so mit Geldscheffeln beschäftigt, dass sie für die Sorgen der Bürger nicht eine Minute Zeit haben. Im Gegenteil: Sie hören nicht mal dann auf, wenn sie gerade wieder einen großen Sauhaufen hinterlassen haben. Sie suchen sich neue Spielwiesen, auf denen sie ihrer Gier frönen und sich den Reichtum der Welt aneignen können.

Deswegen klingt das „neoklassische Universum“ so frappierend im Titel: Es ist kein Universum. Es ist eine mörderisch kleine Gedankenzelle, in der wir uns selbst eingesperrt haben, eine Denkwelt, die alles aussperrt, was den eigentlichen Reichtum und die Handlungsmöglichkeiten unserer Gesellschaft ausmachen. Ein Denk„universum“, das unsere immer wieder gewählten „alternativlosen“ Politiker regelrecht unfähig macht, überhaupt noch Visionen für eine Zukunft zu entwickeln, in der die Gier der Superreichen uns nicht diktiert, wohin es gehen soll.

Einer der vielen Sätze im Buch, die Mayer zu Recht fett hat drucken lassen, lautet: „Der Zinseszins hat nun die unangenehme Folge, dass rein mathematisch das Vermögen von der einen Seite immer schneller auf eine andere Seite, also immer schneller von unten nach oben transferiert wird.“

Ein Satz, der nicht nur zusammenfasst, warum in allen, wirklich allen Experimenten zur Spieltheorie aus einem Gleichgewicht (alle haben dasselbe Geld und dieselben Chancen) immer wieder ein Prozess entsteht, in dem am Ende ein einziger alles gewinnt und die anderen alle dumm in die Röhre gucken.

Ein Satz, der aber auch über etwas anderes nachdenken lässt, nämlich den beharrlichen Zugriff der neoliberalen Denker auf unsere Schulen und ihre massiven Marketingaktionen, immer mehr elektronisches Spielzeug in die Schulen zu drücken. Mit dem man auch „rechnen“ kann. Nur Rechnen lernt man damit nicht. Denn Menschen, die rechnen können, sind in einer neoliberalen Welt höchst unerwünscht. Selberdenker sowieso.

Mayers wichtigste Botschaft: „Die Welt der Ökonomie ist viel farbenfroher und multiperspektivischer, als es an den Universitäten gelehrt wird. Heute braucht es mehrere ‚Sprachen‘, um der zunehmenden Komplexität der Welt gerecht zu werden.“

Christian Mayer Rettet die Wirtschaft … vor sich selbst!, Büchner Verlag, Marburg 2018, 18 Euro.

Ein Buch über die Erfolgsgeschichte der kapitalistischen Wachstumsidee und ein vermeidbar katastrophales Ende

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