Am Mittwoch, 18. April, wurde das neue Bach-Kabinett im Alten Rathaus eröffnet. Und zu der Gelegenheit wurde auch gleich noch das neue Heft in der Reihe „Thema.M“ vorgestellt, die Nr. 19 mittlerweile. M steht natürlich für Museum. Und wenn zu jedem Paukenschlag auch Geld da wäre, könnte die informative Reihe noch viel schneller wachsen.

Zuletzt gab es in der Reihe 2017 das Heft „Luther im Disput“ zum neu eröffneten Luther-Reformations-Raum. Davor klaffte ein riesiges Loch, hatte es 2014 zuletzt das Heft zu Leipziger Denkmälern gegeben. Die Reihe macht sichtbar, dass Leipzigs Stadtgeschichtliches Museum eben nicht nur ein Stadtmuseum ist oder ein Ort, an dem manchmal nette Ausstellungen stattfinden. Es ist auch ein Ort der Forschung. Und die vergangenen 20, 30 Jahre waren eine Zeit etlicher neuer Erkenntnisse, die sich auch in den Ausstellungsräumen im Alten Rathaus so nach und nach niederschlagen.

Und das am Mittwoch wieder feierlich präsentierte Bach-Porträt von Elias Gottlob Haussmann aus dem Jahr 1746 ist eben nicht nur der Stolz des Hauses, sondern war auch lange Jahre das Sorgenkind. Mit Hilfe der Hieronymus-Lotter-Gesellschaft wurde die fachkundige Untersuchung und Konservierung dieses arg geschundenen Bildes möglich. Denn dass es in einem deutlich schlechteren Zustand ist als das zweite Haussmann-Bild von 1748, hat mit seiner nicht immer einfachen Dauerpräsenz in Leipzig zu tun. Denn während das (etwas steifere) Bild von 1748 in Privatbesitz war und damit auch pfleglichst behandelt wurde, wurde das Bild von 1746, dem Johann Sebastian Bach tatsächlich Modell saß, von Thomaskantor August Eberhard Müller 1809 der Thomasschule vermacht, wo das Bild 100 Jahre lang öffentlich hing und oft genug auch Opfer von Schülerstreichen wurde.

Was dann zum Beginn der langen Leidens- und Restaurierversuch-Geschichte wurde.

In diesem Heft erzählen vor allem die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des Museums Kerstin Sieblist und Ulrike Dura die 270 Jahre alte Geschichte des Bildes, die es natürlich in sich hat. Denn schon die Entstehung des Ölporträts war etwas Besonderes und für die Bach-Gemeinde mit lauter Rätseln verbunden – beginnend mit dem Rätsel-Kanon, den Bach in der Hand hält, bis hin zur Frage, warum das Bild überhaupt gemalt wurde. Denn auch für Thomaskantoren war es im 18. Jahrhundert nicht üblich, beim berühmtesten Porträtmaler der Stadt ein solches Ölbildnis zu beauftragen. Das war eher etwas für Adlige und für Amtspersonen. Und noch bis 1913 ging man von einem völlig anderen Erstellungsdatum aus. Erst die – nach heutigem Verständnis – nicht wirklich schonende Restaurierung von 1913 brachte damals das richtige Entstehungsjahr ans Tageslicht.

Damit rückte die Mizlersche Gesellschaft in den Fokus, die die Anfertigung so eines repräsentativen Ölbildes als Aufnahmebedingung stellte – auch wenn es augenscheinlich nie eine Mizlersche Bildergalerie gab. Aber so funktionierten Ölporträts damals auch nicht, kann Ulrike Dura erzählen. Sie waren viel wichtiger als Vorlage für Kupferstiche, mit denen die Bildnisse berühmter Menschen per Druck vervielfältigt werden konnten. Erst so lernten die Zeitgenossen die Berühmtheiten ihrer Zeit überhaupt „von Angesicht zu Angesicht“ kennen. Und es war eine Zeit, mit der die Persönlichkeit eine neue Rolle zu spielen begann.

Davon erzählen ja auch die Haussmannschen Porträts im Allgemeinen und das Bach-Porträt im Besonderen: Hier schauen einen die stolzen Bürger eines neuen Bildungszeitalters an. Freilich noch nicht ahnend, was für einen Kult um Persönlichkeit und Individualismus unser Zeitalter dominieren würde, wo ungebildete Bildschirmsternchen den Sekundenruhm einer eitlen Welt einfangen und Bach den meisten Wohlstandsbürgern längst viel zu anspruchsvoll, komplex und anstrengend ist.

Ist Bach aber nun etwas nur noch für Kenner? Man kann zumindest eine Menge lernen mit diesem Mann und seinem Bild, das 2016 erstmals so richtig auf die Untersuchungsbank erfahrener Restauratoren gelegt wurde. Dabei entstand eine 80 Seiten dicke regelrechte Krankenakte des Bildes mit allen Schäden und missglückten Versuchen, das Bild zu reparieren. Die beiden Restauratoren Sybille Reschke und Rüdiger Beck hatten das strapazierte Bild damals eingehend untersucht. Die Empfehlung lautete hernach halt nicht, das Bild zu restaurieren und damit also den Farbglanz von 1746 künstlich wiederherzustellen. Das Bild sollte möglichst in seiner Originalsubstanz erhalten bleiben. Nur die modernsten Möglichkeiten einer richtigen Konservierung wurden empfohlen – was dann 2017 auch so geschah. Ulrike Dura berichtet im Heft recht ausführlich davon.

Und viele Detailaufnahmen machen auch sichtbar, was die Restauratoren 2016 vorfanden – und warum das Bild so konturlos wirkte. Rüdiger Beck konnte viele dieser sichtbaren Schäden im Farbauftrag mindern. Dura erzählt, wie er es gemacht hat und wie ihm dabei auch gelang, dem Bild wieder viel von seiner Detailfülle zurückzugeben. Ganz im Auftrag des Museums, das vom Original unbedingt so viel original erhalten haben wollte wie möglich. Deswegen auch der Kabinettstitel „Der wahre Bach“. Auch wenn es hier um das wirklich authentische Bild geht, das Haussmann 1746 malte und für das der Thomaskantor Modell saß. Mit einem leichten Lächeln in den Mundwinkeln, das man heute wieder sieht.

Dr. Volker Rodekamp (Hrsg.) „Der wahre Bach. Das Porträt im Alten Rathaus“, Stadtgeschichtliches Museum, Leipzig 2018.

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