In Soest kann man besichtigen, was alles auf eine Kuhhaut passt

Für alle LeserAm Ende verschlägt’s einen auch noch nach Soest. Das ist jetzt etwas frech formuliert. Aber wer mit Steffi Böttger auf Städtetour geht, der geht nicht nur mit einem „Alles prima!“-Gefühl auf Reisen. Der bekommt auch gleich noch gesagt, worüber sich die Städtereisende mächtig gewaltig geärgert hat. Ein Ärger, den die Leipziger ja nur zu gut nachempfinden können, wenn Steffi Böttger im malerischen Soest über einen hässlichen Kaufhaus-Klotz stolpert.
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Und das nach einem schon langen und schönen Spaziergang durch eine Stadt, die schon vor dem 1. Weltkrieg als malerisch und märchenhaft galt und dann mit den Bomben des 2. Weltkriegs fast verschwunden war. Erst wenn die Reisende diese architektonische Rückbesinnung einbaut, merkt man, dass die alliierten Bombenangriffe sehr wohl genau das Herz der Deutschen getroffen haben. Und das auch wollten, denn sie sahen ja nirgendwo, dass dieses von Nazis gleichgeschaltete Land auch nur daran dachte, den Krieg und das Morden zu beenden.

Man mag diese Taktik kritisieren. Aber selbst 70 Jahre später wissen die demokratischen Regierungen der Welt nicht wirklich, wie sie mit Ländern umgehen sollen, in denen diktatorische Regime herrschen, die auf fanatisierte Truppen zurückgreifen können und den Widerstandsgeist in der Bevölkerung mit brachialen Methoden ausgemerzt haben.

Trifft man sie, wenn man auch noch ihre schönsten Städte ins Visier nimmt?

Die Antwort lautet wohl: Nein. Was ja derzeit der syrische Herrscher am eigenen Land vormacht: Er hat ganz allein die schönsten Städte seines Landes dem Erdboden gleichgemacht. Und die Nachkriegszeit in Deutschland zeigt: Auch die Deutschen wussten sehr wohl zu trennen zwischen Kriegstaktik und Handlungszwang. Auch auf Soest regneten tausende Bomben hernieder und zerstörten 62 Prozent der Altstadt.

Was man aber nicht sieht, denn die Soester gingen gleich nach 1945 daran, alles möglichst originalgetreu wieder aufzubauen, etwas, was ja die Frankfurter jetzt mit 70-jähriger Verspätung nachgeholt haben. Die Identität einer Stadt hängt augenscheinlich doch aufs Engste mit dem gewachsenen Stadtbild zusammen. In Soest ist das wieder der stolze Fachwerkstil, den man auch in den Städten Niedersachsens und Sachsen-Anhalts findet.

Dazu noch sechs große Kirchen, von denen eine auch noch Dom genannt wird, eine andere Kathedrale. Und wer mit Steffi Böttger auch schon in anderen Stadtführern unterwegs war, weiß, dass sie gerade die Kirchen besonders gern besucht. Wobei sich in Soest die Geschichte der Kirchen aufs Engste mit der Geschichte des städtischen Stolzes verbindet.

Denn bis 1444 hatten hier eigentlich die Erzbischöfe von Köln das Sagen als Landesherren. Da hatte Soest aber schon 200 Jahre Ringen um mehr städtische Selbstständigkeit hinter sich. Eigentlich hat Soest seine Wurzeln ja sogar im 7. Jahrhundert. Aber ab dem 13. Jahrhundert meinten es die Soester richtig ernst und schrieben ihr Stadtrecht auf eine Kuhhaut.

Was den Weltenwanderer natürlich in Verwirrung stürzt. Ging der berühmte Spruch mit der Kuhhaut nicht auf die berühmte phönizische Prinzessin Dido zurück, die sich mit dem Trick mit der Kuhhaut ein riesiges Stück Land sicherte, auf dem dann das mächtige Karthago entstehen sollte?

Nein, klärt uns das Wiktionary auf: Es geht wirklich um alles, was auf eine Kuhhaut geschrieben werden kann. Nicht mehr und nicht weniger. Und das war seit Alters schon so. Eigentlich ein Spruch, der die emsigen Juristen und Paragraphenreiter daran erinnert, dass gute Regeln und Gesetze so kurz und knapp sind, dass sie auf eine Kuhhaut passen.

Was den Soestern nicht ganz gelungen ist. Sie brachten ihr Stadtrecht zwar 1226 in lateinischer Sprache auf einer ordentlich beschnittenen Kuhhaut unter, die in Soest heute noch mit Stolz aufbewahrt wird. Aber in den nächsten Jahren zeigte sich, dass man doch noch ein paar wichtige Sachen vergessen hatte und beschrieb 1281 eine zweite Kuhhaut, die auch noch bewahrt wird. Da kann Leipzig nur neidisch werden. Auch weil das Soester Stadtrecht über die „Mutterrolle“ in der Hanse dann auch noch zum Vorbild für das Lübecker Stadtrecht wurde, das dann im Gefolge von hunderten Städten übernommen wurde.

Nein, Leipzig gehört nicht dazu. Das Lübecker Recht übernahmen vor allem die norddeutschen Städte. Leipzig übernahm das ebenso berühmte Magdeburger Recht.

Macht aber nix. Der rebellische Geist ähnelte sich. Die Leipziger begehrten ja bekanntlich vor 800 Jahren ebenso gegen die Wettiner Vorherrschaft auf – und scheiterten mit ihrem Wunsch, Freie Reichsstadt zu werden. Die Soester hielten länger durch und gewannen am Ende die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Bischof von Köln. Was ihnen aber – so sieht es jedenfalls Steffi Böttger – gar nicht gut bekam.

Denn der Kölner Schutz hatte bis dahin auch den Reichtum von Soest geschützt. Das gewährten die neu gewählten Herren, die Herzöge von Kleve, nicht. Der wirtschaftliche Abstieg der Salz- und Handelsstadt begann. Und ab 1609 sehen wir dann Soest auch noch verstrickt in die Kleveschen Händel, die dann zu einem der Auslöser des Dreißigjährigen Krieges wurden. Logische Folge: mehrfache Zerstörung der Stadt.

Wirklich wieder zum Blühen kam Soest dann ab 1713, als die Brandenburger/Preußen hier endgültig die Oberhand behielten.

In diesem Stadtführer zu Soest erzählt das Steffi Böttger erstaunlich ausführlich. Das hat sie wohl in ihrem Leipziger Bürgerstolz berührt. Aber der Stadtstolz ist ja in Soest auch zu besichtigen – im eindrucksvollen Rathaus genauso wie am Osthofentor (dem letzten von einst zehn Stadttoren), den Wallanlagen und dem Burghofmuseum, wo man die Kopien der oben erwähnten Kuhhäute sehen kann.

Man begegnet auch Ferdinand Freiligrath („Trotz alledem“) wieder, den wir jüngst erst in Detmold herumstromern sahen. In Soest lernte er sieben Jahre lang das Kaufmannsgewerbe, wurde dann aber doch lieber herumstromernder Dichter.

Aber eine andere Nähe fällt auf und kann mit dem Museum Wilhelm Morgner auch besichtigt werden. Morgner gehört zu den eindrucksvollen deutschen Expressionisten und in die Nähe zu Otto Modersohn, der 1865 in Soest geboren wurde – und damit auch zum Künstlerkreis von Worpswede.

Aber der 1891 geborene Morgner fiel schon 1917 bei Langemark in Westflandern, nicht gerade in der „Schlacht bei Langemarck“, die war schon 1914. Wikipedia erzählt die Tragik noch ein bisschen deutlicher: „Mitte Mai (nach einer Verletzung, d.Red.) wurde er nach Flandern versetzt. Er starb bei Kampfhandlungen bei Langemarck, als er sich der Gefangennahme durch britische Soldaten widersetzte.“

In dem Museumskubus gleich hinter dem Dom St. Patrokli ist sein Werk zu bewundern. St. Patroklus ist der Stadtheilige, nachdem die Soester dem Kölner Bischof das Regiment entzogen haben.

Und natürlich gibt es kleine Schönheiten am Wegesrand, die Steffi Böttger dem Wanderer ans Herz legt – das Museum der belgischen Streitkräfte zu Beispiel. Denn Soest war zweimal von belgischen Truppen besetzt, nach dem 1. Weltkrieg genauso wie nach dem 2. Und an die 1.300 französischen Gefangenen im 2. Weltkrieg erinnert die reich ausgemalte Französische Kapelle. Und in der Kirche St. Maria zur Wiese kann man das Westfälische Abendmahl besichtigen, das nicht das übliche sehr karge mit nur Brot und Wein ist, sondern an westfälische Schlemmerlust erinnert mit Bier, Schinken und Schweinskopf.

Kein Wunder also, wenn man am Wegesrand auch entsprechend gastliche Lokalitäten mit westfälischer Schlemmerlust findet. Natürlich in anmutigen Fachwerkhäusern, denen man nicht ansieht, ob sie den 2. Weltkrieg glücklich überstanden haben oder hernach in alter Schönheit einfach wieder aufgebaut wurden.

Steffi Böttger Soest an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2018, 5 Euro.

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