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Forscher aus Leidenschaft: Ein buntes Puzzle herrlicher kleiner Schriften zur Verteidigung der menschlichen Vernunft

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    Es ist erstaunlich: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kämpfen wir nun wieder gegen ein Dunkelmännertum, das eigentlich in dieser Vernunftfeindlichkeit zuletzt im 17. Jahrhundert zu finden war. Es wird an Verschwörungstheorien und Astrologie geglaubt, an göttliche Pläne und heimliche Kräfte. Und umso mehr fällt ein Bursche auf, der seit Jahrzehnten mit Witz und Sarkasmus für die Benutzung des gesunden Menschenverstandes wirbt.

    Zum ersten Mal so richtig ins Hornissennest gestochen hat der englische Evolutionsbiologe Richard Dawkins ja bekanntlich 1976 mit der Veröffentlichung seine Buches „The Selfish Gene“, das in der deutschen Variante dann als „Das egoistische Gen“ erschien. Was natürlich all den Diskutanten, die nur das Wörtchen „egoistisch“ lasen, suggerierte, Dawkins würde die Gene geradezu personifizieren und den Egoismus zur neuen Triebkraft der Evolution erklären. Tatsächlich erzählte er mit seinem Buch sehr plastisch, wie die darwinistische Evolution tatsächlich vor sich geht – nämlich auf Basis der Gene, den Informationsträgern des Lebens.

    Hier entscheidet sich, welche Spezies überlebt, welche neuen Eigenschaften die Arten wettbewerbsfähiger machen. Hier findet die Selektion statt, die aus zahlreichen zufälligen Mutationen genau das macht, was wir als scheinbar zielgerichtete Evolution beobachten können. Mit Ergebnissen, die in ihrem Phänotyp so komplex und erstaunlich sind, dass hier die alten Kreationisten aus dem Bible Belt und dem Hinterwald glaubten und glauben, einhaken zu können: Was so komplex ist, das könne ja wohl nur von einem überirdischen Schöpfer erschaffen worden sein.

    Und Richard Dawkins erklärt und erklärt und scheut sich vor keiner Auseinandersetzung mit diesen Leuten, die einfach nicht verstehen wollen, dass eine durch niemanden gesteuerte Evolution des Lebens genau solche erfolgreichen und komplexen Organismen hervorbringen muss. Das Leben selbst sorgt dafür, dass die einzelnen Arten immer besser werden müssen – nicht nur, weil es im Kampf des Lebens ums Überleben geht.

    Um das Überleben des Individuums schon gar nicht. Sondern um eine immer bessere Anpassung an den Lebensraum, in dem alle Arten im permanenten Überlebenskampf stecken. Da geht es blutig zu. Der Kampf ums Überleben ist ein blutiger Kampf. Und es überleben nicht – wie es die falschen Interpretatoren des Darwinismus gern behaupten – die Stärksten.

    Dahin kommt man, wenn man immer nur selektiv liest. Bei Darwin geht es immer um „the survival of the fittest“, also das Überleben jener Individuen, die am besten an ihre konkrete Umwelt angepasst sind. Und wer besser angepasst ist, überlebt länger und kann deshalb seine Gene weitergeben. Dessen Gene werden zu den Gewinner-Genen.

    Natürlich kommt Dawkins immer wieder auf diese simplen Grundlagen zu sprechen, die aber augenscheinlich jeder Menge Menschen heute immer noch fremd sind. Und in den angelsächsischen Ländern stehen sie geradezu unter Beschuss, weil klerikale Fundamentalisten (mit jeder Menge finanzieller Unterstützung) fortwährend darum kämpfen, den Darwinismus als bloße Meinung zu diskreditieren.

    Und nicht nur den Darwinismus. Deswegen hat ja Dawkins weit über seinen Fachbereich hinaus Aufmerksamkeit bekommen. Denn all die Vorstöße der Kreationisten und ihrer Glaubensbrüder zielen ja darauf, wissenschaftliches Denken insgesamt zu diskreditieren, es regelrecht zu einer Art „anderer Glaubenslehre“ zu machen.

    Als würden Wissenschaftler das, was sie über unsere Welt herausfinden, einfach so als Meinung in die Welt posaunen und genauso wenig mit Fakten und Belegen begründen wie die Glaubenslehren der ganzen Religionen. Denn Dawkins streitet sich ja nicht nur mit den christlichen Fundamentalisten. Er hält die anderen Fundamentalisten in ihrer offensiven Vernunft- und Wissenschaftsfeindlichkeit für genauso schlimm und gefährlich. Wenn nicht gar für gefährlicher.

    Denn wer Wissenschaft zu einem reinen Glaubensakt erklärt, der bringt nicht nur Beliebigkeit in die Welt. Der zündelt auch – denn anders als wissenschaftliche Theorien, die fortwährend mit Fakten und Experimenten untermauert werden müssen, schafft Glauben Feindschaften. Er grenzt aus. Er behauptet seine einmalige Ansicht von dem, was man über die Welt denken darf, für die einzig richtige. Und da sich das nie beweisen lässt, sondern bestenfalls in uralten Büchern steht, entsteht damit ein ziemlich seltsames und vor allem aggressives gesellschaftliches Klima.

    Erst recht, wenn diese Religionen auch noch behaupten, die einzigen Wahrer der richtigen Moral zu sein. Ein Punkt, an dem Dawkins sehr sarkastisch werden kann. Er zählt dann gern mal alle Blutbäder auf, die von Regionen aller Art in der Menschheitsgeschichte angerichtet wurden – und werden. Und zwar immer mit dem finsteren Vorwurf der Häresie: Wer nicht die einzig wahre Religion akzeptiere, der sei ein vernichtenswerter Un-Gläubiger.

    Was nicht nur Dawkins die Hutschnur platzen lässt – meist sehr elegant, freundlich und beharrlich. Der Band hier ist keine Streitschrift in dem Sinn, sondern eine Sammlung von Briefen, Reden, Aufsätzen und Vorträgen, gut die Hälfte davon noch nicht veröffentlicht. Sie zeigen den öffentlichen Streiter für die Sache der Vernunft. Und er streitet ja nicht nur. Er erklärt es immer wieder, wie wissenschaftliches Denken funktioniert.

    Wer sich umschaut – auch im heutigen tiefzerrissenen Deutschland – der sieht, dass die meisten Menschen, auch welche mit Doktortitel und hohem Amt, entweder vergessen haben, wie wissenschaftliches Denken funktioniert. Oder nie wirklich gelernt haben, weil sie die Lehrsätze im Schulbuch auswendig gelernt haben wie Gebete und Glaubenssätze. Und wahr ist nun einmal: Die meisten Lehrpläne sind genau so aufgebaut. Das wissenschaftliche Denken wird nur rudimentär vermittelt und ausgebildet. Oft nicht einmal erwähnt.

    Obwohl es die wertvollste Errungenschaft der Aufklärung ist, die es systematisiert und praktikabel gemacht hat. Aber genau deshalb gibt es von den heutigen Fundamentalisten eben immer auch diese immer neuen, bösen Seitenhiebe gegen die Aufklärung. Meist werden ihr alle Unwuchten und schlimmen Erscheinungen der Gegenwart untergejubelt. Nicht falsches menschliches Denken und Handeln sei dann schuld – sondern: Aufklärung.

    Die Sache wird völlig auf den Kopf gestellt. Aber wer ein bisschen nachhakt merkt schnell, dass dahinter immer wieder dieselben Akteure aus der Welt des religiösen Fundamentalismus, der Verschwörungstheorien und dessen stecken, was wir heute so falsch Populismus nennen. Es geht nie ums Volk dabei, sondern um Emotionen, um den gepredigten Glauben, es käme nur auf Gefühle an und Meinungen. Und jeder könne irgendetwas meinen, das sei dann schon ein qualifizierter Beitrag zur politischen Debatte.

    Über Politik sagt Dawkins nicht allzu viel. Aber mit seinen Bezügen auf das amerikanische Wahlergebnis von 2016 und die Brexit-Abstimmung macht er recht deutlich, was er von diesen Scharlatanen der Meinungsbildung hält: Er hält sie für eine fatale Gefahr. Denn sie zerstören in ihrem durchaus religiösen Eifer auch all das, was Generationen mit Vernunft und sehr viel Mühe aufgebaut haben.

    Und deshalb wüten sie auch so gegen eine freie Presse, schreien „Lügenpresse“, wollen Religion unbedingt als Schulfach haben, kürzen die naturwissenschaftliche Stundentafel und wiederholen ihre Behauptungen immer wieder, bis es zu den Ohren hinausläuft. Denn beweisen ist nicht so ihr Ding. Sie lieben Fakenews und „alternative facts“, womit sich Donald Trump ja nur zu deutlich als Feind jeglicher Vernunft geoutet hat.

    Da und dort lässt Dawkins durchaus seinen Wunsch durchblicken, wir mögen doch eigentlich mehr Politiker bekommen, die wissen, wie man sich seines Gehirns bedient, um aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) herauszukommen. Aber augenscheinlich sind einige westliche Wahlgesetze so falsch gestrickt, dass sie Leute bevorteilen, die auf der Klaviatur der irrationalen Gefühle am besten spielen können. So von der Seite könnte man noch hinzufügen, dass die modernen Medien und emotionsgetriebene Medienmacher ihren gerüttelten Anteil an der Entwicklung haben.

    Aber das ist nun wieder eins der Themen, mit denen sich der vielseitige Streiter für das wissenschaftliche Denken mal nicht beschäftigt hat. Eher nur indirekt. Denn mit seinem Buch „The selfish Gene“ hat er ja auch die These in die Welt gebracht, dass das, was Menschen so im Allgemeinen denken und was von Generation zu Generation weitergegeben wird wie ein Mantra, ganz ähnlich funktioniert wie die Gene. Religiöse Grund-Sätze gehören dazu, was dafür sorgt, dass Religionen überdauern. Er nannte so etwas Meme.

    Und die Wissenschaftler, die sich mit Kognition und Kulturwissenschaften beschäftigen, nehmen den Ansatz durchaus ernst. Bis hin zu der Frage (die sich auch Dawkins stellte), ob Religion eigentlich einen echten evolutionären Vorteil mit sich bringt, der dabei hilft, dass einige menschliche Gemeinschaften besser überleben als andere.

    Darüber grübeln selbst Religionswissenschaftler. Denn vom Standpunkt der Vernunft aus machen religiöse Überzeugungen wenig Sinn. Im Gegenteil: Sie verstellen die Sicht auf die wirklichen Dimensionen unserer Welt. Eine 6.000 Jahre alte Schöpfungsgeschichte wirkt geradezu lächerlich, wenn man wissenschaftlich eine drei Milliarden Jahre lange Entwicklungsgeschichte des Lebens nachweisen kann (mit Belegen zuhauf) und alle Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass unser Universum, wie wir es sehen (wenn uns die Lichtverschmutzung unserer Städte nicht daran hindert) um die 14,6 Milliarden Jahre alt ist. Das ist Faszination pur. Und Dawkins ist nicht der einzige Wissenschaftler, der dieses Staunen über das schier Unermessliche für den Urgrund allen menschlichen Staunens hält.

    Gillian Somerscales hat alle diese Aufsätze und Vorträge gesammelt und in acht thematische Kapitel sortiert. Auch gewichtet, denn wer Dawkins und seine beharrlichen Erklärungen des wissenschaftlichen Denkens noch nicht kennt, der kann diese im ersten Kapitel „Wert(e) der Wissenschaften“ noch einmal kennenlernen. Damit hat man dann gleich die Basis, um mit dem Evolutionsbiologen über die „gnadenlose Pracht“ der Evolution zu staunen, die Seele zu suchen in „Bedingte Zukunft“ (ja, man bekommt eine sehr vernünftige Erklärung für das, was man Seele nennen könnte) und dann mit spitzen Nadelstichen gegen „Denkverbote, dummes Zeug und Durcheinander“ vorzugehen.

    Das ist ein Kapitel, das einen beinahe dazu animiert, das Wort Dummköpfe vermehrt in politischen Artikeln zu verwenden. Aber ich denke, ich halte mich da lieber ein bisschen zurück. Denn es hilft meistens ja nichts, Dummköpfe Dummköpfe zu nennen. Wir leben ja in einer Zeit, in der diverse ungebildete Alphamännchen öffentlich auch noch erklären, sie seien stolz darauf, nichts zu wissen, sondern alles „aus dem Bauch heraus“ zu entscheiden. Dummköpfe eben.

    Dem folgt ein vehementes Plädoyer für das Leben und die lebendige und leidensfähige Kreatur. Wissenschaftler sind nun einmal meist keine gefühllosen Experimentatoren, die den lebendigen Kreaturen nur Leid zufügen. Im Gegenteil: Meistens wissen sie sogar viel besser, wie sehr die Tiere um uns unter all dem Unfug leiden, den wir in unserer Unvernunft anrichten. Die sinnlose Böllerei zu den blödsinnigsten Anlässen ist nur ein Beispiel, das Dawkins nennt.

    Und mit dem nächsten Kapitel schließt Dawkins im Grunde den Bogen, erzählt noch einmal ein paar faszinierende Geschichten zum Darwinismus und z. B. der Evolution der Riesenschildkröten. Gar nicht nebenbei würdigt er Wissenschaftlerkollegen und den Schriftsteller, der ihm am meisten am Herzen lag: den früh verstorbenen Douglas Adams. Und dann geht es noch einmal mit spitzen Nadelstichen gegen „lebende Drachen“ und fundamentalistische Werbekampagnen, bevor er sich von seiner anekdotischen und satirischen Seite zeigt.

    Jedes Kapitel wird durch eine Würdigung von Gillian Somerscales eingeleitet, was dann oft in eine unverhohlene Hommage ausartet, was man so aus deutschen Veröffentlichungen eher nicht kennt. Was möglicherweise ein deutsches Manko ist, weil dieses Loben auch bedeutet, dass Verwandtschaften kluger Geister sichtbar werden. Man nennt die Kollegen, die einem wichtig waren und sind. Und man würdigt ihre Arbeiten, so wie es Dawkins am Beispiel der kongenialen Herren Darwin und Wallace tut.

    Im Reich der Vernunft ist man nicht einsam, im Gegenteil: Man hat viel mehr Leute, mit denen man sich gut und aufregend unterhalten kann. Und genauso ist es mit diesem Buch. Man kann sich hineinvertiefen und fühlt sich wie in einem anregenden Kamingespräch, in dem Somerscales die Stichworte liefert und Dawkins mit herrlicher Freude am Streit umgehend einsteigt. Und es wird herrlich.

    Ein Buch für alle, die seit Dawkins’ Autobiografie „Die Poesie der Naturwissenschaften“ gedarbt haben.

    Richard Dawkins Forscher aus Leidenschaft, Ullstein, Berlin 2018, 26 Euro.

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