0.3 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Quallen: Ein kleiner Überblick mit einer großen historischen Dimension

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Quallen? Wieso jetzt ein Buch über Quallen? Das kann man sich durchaus fragen, wenn man sich hineinblättert in dieses Buch, das natürlich sehr kompakt zeigt, wie vielfältig die Welt dieser Nesseltiere ist. Es gibt tatsächlich Forscher/-innen, die sich fast ausschließlich mit Quallen, ihrer Ernährung und Vermehrung, ihrem Vorkommen und ihren Symbiosen beschäftigen. Die – so filigran wie sie aussehen – trotzdem eine der ältesten Tierarten sind, die bislang gefunden wurden. Und das ist auch eine Warnung.

    Quallen – erstaunliche und erfolgreiche Kreaturen

    Auf die kommt der Physiker und Molekular-Physiologe Mario Markus auf Seite 133 seines Buches zu sprechen, wenn er die Frage stellt „Werden uns die Quallen besiegen?“ Die natürlich zugespitzt ist und den Quallen etwas unterstellt, was sie nie tun würden. Denn sie kämpfen ja nicht gegen Menschen.

    Nur Menschen denken so, dass sie immerfort irgendjemanden oder irgendetwas besiegen müssen. Quallen leben einfach ihr Leben, suchen nach Beute, vermehren sich, haben auch ein paar durchaus erstaunliche Mittel entwickelt, sich gegen Feinde zu verteidigen. Einige haben auch beeindruckend komplexe Augen, die an den erstaunlichsten Stellen sitzen. Sie könnten also auch betrachten, was Menschen so treiben, wenn sich diese mal ins Reich der Quallen wagen.

    Aber ansonsten sind wir ihnen so egal, wie so ziemlich alle anderen landbewohnenden Tiere, die seit der Kambrischen Explosion vor 541 Millionen Jahren auf der Erde gewandelt sind. Und da wird die Frage dann relevant, denn gleich zu Beginn des Buches geht Markus auf das nachweisbare Alter der Quallen ein, die zu den erfolgreichsten Mehrzellern gehören, die auf der Erde leben.

    Klimaerwärmung lässt auch Quallen vordringen

    Sie haben alle große Massenaussterben überlebt. Ihnen haben Eiszeiten und Heißzeiten nichts ausgemacht. Da sie selbst zu 90 Prozent aus Wasser bestehen, brauchen sie wenig Nahrung. Aber wenn es Nahrung im Überfluss gibt, vermehren sie sich natürlich. Und seit der Mensch auf allen Meeren mit riesigen Flotten unterwegs ist, sind sie auch mit großer Beschleunigung auf Wanderschaft, werden in immer neue Fischgründe eingeschleppt, wo die einzelne Art vorher nicht nachweisbar war.

    Und das bleibt kein kurzer Ausflug, denn mit der Klimaerwärmung erwärmen sich auch die Meere und Ozeane. Das heißt: Quallen, die es vorher nur in tropischen und subtropischen Zonen gab, wandern in bisher gemäßigte und kalte Breiten vor, verdrängen dort andere Lebewesen und futtern auch den Fischschwärmen die Nahrung weg.

    Zwischen Plage und Faszination

    Mit dem Ergebnis, dass es seit gut 20 Jahren aus aller Welt immer neue Nachrichten gibt, dass riesige Quallenbestände regelrecht zur Plage werden, Rohre und Häfen verstopfen, Flugzeugträger zum Stoppen zwingen und Fischernetze füllen, auch dort, wo die Fischer gar nicht auf Quallenjagd waren.

    Ganz beiläufig erfährt man so auch, dass es tatsächlich Quallenfischer gibt, die vor allem asiatische Märkte beliefern. Welche Quallen so eine Spezialität sind, erzählt Markus natürlich auch, der mit seinem Buch auch versucht, den Leser/-innen die Faszination der Quallen-Welt nahezubringen.

    Samt ihrer Vielfalt, denn egal ob bei Vermehrung, Beweglichkeit, Größe oder Farbe – in vielerlei Hinsicht unterscheiden sich die tausenden Arten erheblich. Manche fangen ihre Beute mit Klebstoff, andere mit giftigen Nesseln. Es gibt auch welche ohne Nesseln. Etliche in tausenden Metern Tiefe im Meer, aber selbst in Süßwasserbrunnen.

    Manche werden 50 Meter lang, andere sind hochgefährlich wie die Amakusa-Feuerqualle. Manche bilden regelrechte Staaten, andere sind theoretisch fast unsterblich. Manche segeln mit dem Wind, andere eignen sich prima, um eine Quallenplage zu bekämpfen.

    Gewinner des Klimawandels

    Aber gerade diese Quallenplagen zeigen auch, dass die Quallen wohl Gewinner der Klimaveränderung sind. Sie können Fischzuchtfarmen zerstören und sorgen schon längst dafür, dass viele beliebte Strände weltweit wegen der Menge giftiger Quallen nicht mehr nutzbar sind.

    Aber das alles ist kein Krieg der Quallen gegen die Menschen, denn für die Klimaerwärmung ist allein der Mensch verantwortlich. Genauso wie für die Überfischung der Meere, den Bau von Kanälen und Riesenschiffen, mit denen tropische Quallen auch die Meere des Nordens erreichen konnten.

    Werden die Probleme sichtbar, ist es meist zu spät

    Eigentlich ein sehr anschauliches Bild dafür, welche Folgen menschliches Handeln hat, das die komplexen Zusammenhänge nicht sieht, alles technisch für machbar hält und nicht ansatzweise in der Lage ist, die Zusammenhänge in der Ökosphäre in ihrer Vielfalt zu verstehen.

    Auch die Forscher können nur immer Bruchteile erhellen und in mühsamer Kleinarbeit mehr Licht ins Dunkel bringen, während die Veränderungen längst im Gange sind. Denn wenn die „Plagen“ sichtbar werden, ist das Ökosystem meist schon gekippt, sind die Veränderungen irreversibel und guter Rat sehr, sehr teuer.

    Oder er ist eben nicht zu finden, denn einige der von Markus beschriebenen Quallenarten sind nun einmal hochtoxisch. Und wenn man liest, dass viele dieser wässerigen Schönheiten an den beliebtesten Badestränden weltweit auftauchen, ist man geradezu froh, dass man gerade nicht am Meer sitzt und sich fragen muss, wie gefährlich das Baden jetzt eigentlich ist.

    Das Vorbild für Medusa

    Dabei zeigen die von Markus ausgewählten Exemplare auch, wie faszinierend das Forschungsgebiet ist, mit dem sich dann doch erstaunlich viele Forscher/-innen beschäftigen. Und dann auch noch dicke wissenschaftliche Bücher schreiben über Riesenquallen und regelrechte Winzlinge, über winzige Krebse als Quallenbewohner, Brutpflege und nächtliche Jäger.

    Manche Quallen haben einprägsame Namen wie die Kronenqualle und die Fingerhutqualle. In einem Kapitel geht Markus darauf ein, dass die griechische Medusa-Sage wohl auf sehr genaue Quallenbeobachtungen im Mittelmeer zurückgeht. Und mit der von Carl von Linné 1758 erstmals beschriebenen Quallenart Carybdea marsupialis lernt man wohl auch eine der ältesten Quallenarten überhaupt kennen.

    Und man darf sich daran erinnert fühlen, dass es beim Überleben auf der Erde nicht um die Eitelkeit einer „Krone der Schöpfung“ geht, sondern um die Fähigkeit, sich auch an widrige Umweltveränderungen anpassen zu können. So gesehen ist die Qualle ein Anpassungskünstler, der möglicherweise auch dann noch durch die Meere treibt, wenn es der Mensch in seinem unkritischen Machbarkeitsdenken völlig vergeigt hat.

    Der Natur geht es nicht um den Menschen

    Vielleicht sollte man das Staunen über die sonderbare Welt der Quallen auch mit einer gewissen Ehrfurcht verbinden. Ehrfurcht vor der schönen Gleichgültigkeit der Natur, der es überhaupt nicht um uns Menschen geht. Sondern nur ums Leben. Über Zeiträume, die wir Menschen uns sowieso nicht vorstellen können. Denn unser Zeitgefühl ist nicht allzu weit entfernt von dem einer Eintagsfliege.

    Nur dass wir uns so unheimlich wichtig nehmen und nicht mal begreifen, dass wir unseren Kindern und Enkeln (von weiteren Generationen ganz zu schweigen) diese lebendige und schöne Welt zerstören, verfrühstücken in einer Gedankenlosigkeit, die einfach nicht fassen kann, dass es um unser Überleben geht. Und dass wir es schon lange zu weit getrieben haben.

    Erfolgsmodell der Evolution

    Was die Quallen natürlich nicht die Bohne kümmert. Sie werden auch noch die nächsten 500 Millionen Jahre überleben, ohne sich groß verändern zu müssen. Ein echtes Erfolgsmodell der Evolution. Welches möglicherweise in all den Varianten, die Mario Markus schildert, auch zeigt, wie experimentierfreudig die Evolution auch schon ganz zu Anfang war, als aus Einzellern Mehrzeller wurden und das große Ausprobieren mit der Fortpflanzung und der Weitergabe von Erbinformationen begann.

    Strobilation ist ja so etwas, was sich mancher Mensch wünscht: Einfach irgendwo eine Scheibe abschneiden und daraus ein baugleiches Exemplar wachsen lassen. Das wäre zumindest der feuchte Traum so manches Narzissten.

    Ein Buch, das zum Staunen einlädt. Auch über ein ansonsten doch recht glitschiges Phänomen, das einem einen Urlaub am Meer so richtig vermiesen kann. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Und sich mit den Forschern zu wundern, zu welchen Lösungen die Evolution kommen kann, wenn sie einfach genug Zeit hat zum Ausprobieren.

    Mario Markus Quallen, Verlag tredition, Hamburg 2021, 19,99 Euro.

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür. 

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige