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Das eigensinnige Kind: Ein Essay über das Drama des zur Anpassung gebrachten Kindes

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    „Das eigensinnige Kind“ ist eigentlich ein Märchen, das die Brüder Grimm veröffentlicht haben. Eins der kürzesten und bedrückendsten – und damit wohl auch eins der wahrsten, das einen tiefen Einblick zulässt in die hochproblematische Dreiecksbeziehung Kind – Eltern – Gesellschaft. Denn wer kennt sie nicht, diese eigensinnigen Kinder, die immer wieder rebellieren gegen das Erzogenwerden und Bravseinmüssen? Die meisten waren selbst mal welche.

    Und manche sind es auch noch im Erwachsenenleben und geraten erst recht in Konflikte, wenn sie es dann selbst mit eigensinnigen Kindern zu tun bekommen.

    Wolfram Ette ist Literaturwissenschaftler, Philosoph und Gräzist, weshalb man sich nicht wundern muss darüber, dass er das Problem des eigensinnigen Kindes bis in die griechische Antike zurückverfolgen kann. Denn wenn man erst einmal durch dieses widerspenstige Grimm-Märchen aufmerksam geworden ist, findet man das Problem des eigensinnigen Kindes, das seine Souveränität gegen die Formung und Kontrolle der Eltern zu behaupten versucht, auch in alten griechischem Sagen.

    Was schon eine hübsche Entdeckung für alle ist, die über die tieferen Konflikte etwa in der Herakles-Geschichte oder in der Sage von Narziss nie nachgedacht haben. Man ist ja schnell geneigt, das alles als schöne Fabel abzutun und nicht zu sehen, dass die antiken Autoren sehr wohl schon mit denselben Konflikten zu tun hatten wie wir heute. Und dass sie dafür literarische Fabeln gefunden haben, die auch das Komplizierte und Widersprüchliche dieser Grundkonflikte greifbar gemacht haben.

    Ganz ähnlich wie später Shakespeare, dessen Hamlet auch nicht ganz zufällig in Ettes Buch geraten ist, der genauso bei Siegmund Freud, Michel Foucault und in Klaus Theweleits „Männerphantasien“ fündig wurde, jenem Buch, das sprach- und stoffgewaltig erstmals deutlich gemacht hat, wohin es führt, wenn der Eigensinn von Kindern (insbesondere Jungen) früh schon mit aller Macht unterdrückt und mit elterlichem Verbot belegt wird, wenn gerade Jungen früh schon beigebracht wird, dass ihr Eigensinn unerwünscht und geradezu strafwürdig ist.

    Theweleits Buch erschien 1977/1978. Und so richtig ist die Botschaft heute immer noch nicht durchgedrungen. Vielleicht auch, weil das Erscheinen in eine Zeit fiel, in der die autoritären Erziehungsmethoden der Vergangenheit tatsächlich infrage gestellt und in manchen gesellschaftlichen Kreisen aufgelöst wurden. Aber Ette ist nicht wirklich überzeugt davon, dass die Gewalt in der Erziehung deswegen verschwunden ist.

    Auch nicht in jenen Gesellschaftsschichten, die ihre Kinder nicht mehr züchtigen. Aber hier greift ein anderes Phänomen, das aus Ettes Sicht ganz ähnliche Ergebnisse zeitigt: die Kontrollsucht der Eltern. Die Kinder werden rund um die Uhr überwacht. Kannte selbst Ette (geboren 1966) noch eine Kindheit mit jeder Menge Freiraum und Freizeit am Nachmittag und an den Wochenenden, ist der Alltag vieler Kinder heute so durchorganisiert, dass sie praktisch kaum noch Orte und Zeiten haben, an denen sie den wilden Eigensinn herauslassen können.

    Nur so als Randgedanke, weil ja alle möglichen Leute so gern über Freiheit schwadronieren: Zur Freiheit gehört auch der freie, unreglementierte Raum, in dem man (nicht nur als Kind) eigensinnig und wild sein darf. Doch nicht nur Eltern versuchen immer mehr, ihre Kinder komplett zu überwachen (und damit vor den finsteren Gefahren in der Welt zu bewahren), wir erleben auch einen Staat, der immer mehr Lebensbereiche zu überwachen und zu kontrollieren versucht. Der Staat, der große Erzieher, der immer wieder dazu neigt, auch gleich noch die Erziehungsrolle der Eltern mit zu übernehmen und sich seine Untertanen zu formen. Bis in die Kitas hinein.

    Und er liebt keine eigensinnigen Untertanen. Er liebt nur gesetzestreue, angepasste und gehorsame Untertanen. Und Ette hat das wohl berechtigte Gefühl, dass wir wieder mal dabei sind, einen zutiefst autoritären Staat zu bekommen. Wobei Ette auch nicht zu unrecht betont, dass auch in dieser Beziehung die Familie die kleinste Einheit unserer Gesellschaft ist. Dass hier also im Kleinen schon ausgeprägt ist, was sich im Staat dann in Politik umsetzt.

    Wählen sich also ratlos gewordene Eltern, die mit dem Eigensinn ihrer Kinder nicht zurande kommen, dann eine Politik, die zum großen Erzieher wird und ihnen quasi die Not mit der Unterdrückung des kindlichen Eigensinns abnimmt? Das ist so eine Frage, die am Rande auftaucht, auch wenn sich Ette wirklich auf die Familie selbst konzentriert und die alten Konflikte, die sich immer auftun, wenn Eltern und Gesellschaften mit dem – verführerischen und frustrierenden – Eigensinn von Kindern zu tun bekommen. Wenn sie dieser Eigensinn an die Grenzen der Geduld oder der Belastbarkeit bringt, weil sie selbst ja schon voll ausgelastet sind mit dem permanenten Bereitsein und sich Einpassen in gesellschaftliche Bedingungen, die einen eigentlich fortwährend zwingen, das Wilde und Eigensinnige in sich zu unterdrücken. Und wenn sie gleichzeitig Sorge haben, dass ihr Kind in unserer Gesellschaft scheitern könnte, wenn es die Regeln nicht akzeptiert, sich nicht anpasst und funktioniert.

    Da werden übermütige Kinder ganz schnell zur Herausforderung für ihre überforderten Eltern. Natürlich kommt auch der „Struwwlpeter“ vor bei Ette, ein Buch, vollgepackt mit Geschichten über eigensinnige Kinder, die die elterlichen Regeln unterlaufen. Wilhelm Busch darf nicht fehlen, der ja gerade solche widerborstigen Helden in seine Bildgeschichten gepackt hat. Wissend, dass er selbst riesiges Glück gehabt hat, weil seine Eltern ihm den nötigen Eigensinn ließen, der ihn zu einem der beliebtesten deutschen Künstler werden ließ. Dasselbe bei Gottfried Keller, dessen Geschichte „Das Meretlein“ aus dem „Grünen Heinrich“ direkt eine Version des Märchens „Das eigensinnige Kind“ sein könnte. Mit ebenso drastischen Folgen bei der Ausmerzung des Eigensinns der kleinen Meret.

    Im Internet entdeckt Ette dann etwas geradezu Wildes, den „massenhaften und totalmobilisierten Eigensinn“. Vieles dort erinnert auch daran. Es ist gerade so, als wenn viele Menschen, die in ihrer Kindheit und in ihrem Alltag nie eigensinnig haben sein dürfen, jetzt erst recht das wilde, völlig enthemmte Kind von der Leine lassen und all die unterdrückten Gefühle herauslassen, die ihnen als Kind nie zugestanden wurden. Eine durchaus bedenkenswerte These. Denn dann würde das Internet mit all seiner entfesselten Wut ja davon erzählen, wie viele Menschen sich in ihrem Leben in Normen und Verbote eingezwängt fühlen, denen sie anders nicht mehr entrinnen können.

    Und das ausgerechnet in einem Medium, in dem die Kontroll- und Überwachungssucht der großen IT-Konzerne und Geheimdienste noch viel umfassender ist als im realen Leben.

    Und das alles natürlich in einer Gesellschaft, die selbst im Bildungsweg das Unangepasste und Eigensinnige kaum noch zulässt, im Gegenteil: Mit einer rigorosen Auslese wird auch schon in den Schulen dafür gesorgt, dass Anpassung und Leistungserbringung positiv ausgelesen werden, dass also am Ende das angepasste Kind Karriere macht, während für Eigensinn kein Raum mehr bleibt. Jedenfalls nicht in den Hierarchien und Karrierenetzwerken.

    Das Buch ist gerade einmal etwas über 100 Seiten dick. Ette hat es ganz bewusst einen „gesellschaftspolitischen Essay“ über „unterdrückten Widerstand und die Formen ungelebten Lebens“ genannt. Essayistisch verknüpft er Themen, die in der Forschung, den Medien oder der Politik praktisch nie miteinander in Verbindung gebracht werden.

    Wobei man auch nicht unterschlagen darf, dass das Kind sich trotzdem immer auch nach der Liebe und Anerkennung der Eltern sehnt. Der Mutter zumeist. Denn die großen Tragödien sind ja voll von lauter abwesenden Männern, die die Auseinandersetzung mit dem eigensinnigen Kind regelrecht scheuen, weil der Eigensinn ihr eigenes ungelebtes Leben spiegelt. Das widerspenstige Kind konfrontiert den in seinem Gefühlspanzer steckenden Vater mit all dem, was er sich selbst nicht mehr traut zu leben. Und wo holt er sich dann seine Anerkennung? Natürlich in dem gesellschaftlichen Kontext, in dem der starke und seine Gefühle beherrschende Mann Anerkennung findet, der Macher, Malocher und „Dealmaker“, der jeden Widerstand niederwalzt. Und dafür auch noch Applaus erhält.

    Was man oft mit Eigensinn verwechselt. Denn mit Sinn für das Eigene, die ureigensten Bedürfnisse hat das ja nichts mehr zu tun. Es sind Rollen und Maskeraden, die eins auf keinen Fall zulassen: Gefühle. Tiefe und lebendige Gefühle, die aus Perspektive dieser mächtigen Männer immer eine Gefahr sind.

    Erstaunlich, dass der „Gefühlsstau“ von Hans-Joachim Maaz hier nicht auftaucht, das Buch, in dem der Hallenser Psychoanalytiker 1990 zeigte, wie das Überwachungs- und Bestrafungssystem in der DDR dafür sorge, dass Eigensinn gebrochen und Gefühle immer wieder unterdrückt und verdrängt wurden. Es erzeugte genauso wie die autoritären Gesellschaften zuvor lauter Menschen, die sich ihrer tiefsten Bedürfnisse nie bewusst werden sollten. Doch die Bedürfnisse verschwinden nicht. Sie suchen sich, wenn sie als verboten und unzulässig gelten, andere Wege. Meistens sehr katastrophale. Auch die Rücksichtslosigkeit der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die gerade mit unbarmherziger Wucht unsere Lebensgrundlagen zerstört, zählt Ette dazu.

    Und er hat wenig Hoffnung, dass wir diesem unbarmherzigen Prozess entkommen, der eben auch davon erzählt, dass mit dem unterdrückten Eigensinn, der sich in blinde Konsumwut verwandelt, auch das Verständnis für die Gefährdung all unserer Lebensgrundlagen verloren geht. Man hat kein Mit-Gefühl, wenn man sich selbst nicht fühlen kann, wenn man immer gelernt hat, dass Eigensinn bestraft wird und Liebe und Anerkennung mit resoluter Anpassung erkauft werden müssen.

    Und das alles in so einem doch eher schmalen Buch? Manches ist nur angetippt. Man wird geradezu angeregt, über die zuweilen skizzenhaften Texte hinauszudenken, auch über das eigene Erzogensein und den Eigensinn im eigenen Leben nachzudenken. Und natürlich über all den Ärger, den man den eigenen Eltern bereitet hat, obwohl sie doch nur das Beste wollten – dass ihrem Kind nichts passiert, dass es möglichst ohne Verletzungen durchkommt und von einer Gesellschaft nicht zermalmt wird, die oft gar nicht mehr merkt, wie unbarmherzig sie (schon wieder) ist.

    Wolfram Ette „Das eigensinnige Kind“, Büchner Verlag, Marburg 2019, 16 Euro

     

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