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Drei Messstationen und ein silbergraues Mobil: Meteorologen erforschen jetzt ein Jahr lang das Leipziger Stadtklima

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    Der Klimawandel rollt. Er verändert längst auch Sachsen, macht die Winter milder, die Sommer heißer, erhöht die Zahl der Extremereignisse und die Wucht von Orkanen. Die Sommer werden trockener, die Winter etwas nasser. All das ist messbar und mit Zahlen belegt. Und nicht nur für die sächsische Landwirtschaft bedeutet das massive Veränderungen, sondern auch für Sachsens Städte. Auch für Leipzig. Ein silbergraues Ungetüm an der Hauptfeuerwache macht das jetzt zwölf Monate lang sichtbar.

    Es ist kein Kunstwerk, sondern eine Messstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Solche Stationen werden in diesen Tagen auch am Sportplatz Marienweg 2 (südlich der Slevogtstraße im Gebiet zwischen Weißer Elster und Neuer Luppe) und am Wilhelm-Leuschner-Platz aufgebaut. Sie sollen jetzt zwölf Monate lang das Leipziger Stadtklima messen: Windrichtung, Windgeschwindigkeit, Temperatur, Luftfeuchte.

    Gleichzeitig wird ein Messfahrzeug des DWD durch die Stadt fahren und ein Horizontprofil für Luftfeuchtigkeit und Lufttemperatur erstellen. Nicht alle 365 Tage, sondern nur zu „autochthonen Ereignissen“, wie die DWD-Forscher so lax sagen. Aber da geht es just um jene Wetterlagen, die schon jetzt für viele Leipziger belastend sind: wolkenloser Himmel, hohe Sonneneinstrahlung, wenig Wind. Tage, an denen das Thermometer im Sommer immer häufiger Richtung 30 Grad Celsius tendiert, gehören dazu. Die Zahl der extremen Sommer hat in den letzten 25 Jahren deutlich zugenommen. Die Zahl der heißen Tage mit Werten über 30 Grad Celsius hat sich verdoppelt.

    Das Jahr 2003 war eines diese Extremjahre. Damals waren es vor allem Meldungen aus Frankreich, die von einer erhöhten Zahl an Hitzetoten berichteten. Aber wenn solche stabilen heißen Wetterlagen häufiger auftreten, bedeutet das vor allem für große Städte eine steigende Belastung. Sie sind schon jetzt durch ihre dichte Bebauung und die Art ihrer Bebauung das, was Meteorologen „Hitzeinseln“ nennen. Bis zu 6 Grad Celsius kann der Unterschied betragen zwischen der natürlichen Umgebungstemperatur und dem Inneren der Stadt. Wenn dann noch extreme Hitzetage dazu kommen, wird das gerade für Menschen mit gesundheitlichen Problemen schnell kritisch.Aber wie sorgt man vor? Wie kann man Großstädte so umbauen, dass sie den Klimastress möglichst minimieren? – Das war schon 2008 bis 2013 Inhalt eines vom Bund geförderten Forschungsprojekts mit dem sinnigen Kürzel REGKLAM. Dafür konnten sich mehrere Modellregionen in Deutschland bewerben. In Sachsen bekam Dresden den Zuschlag und würde für fünf Jahre lang zum Untersuchungsgebiet, bei dem nicht nur alle wichtigen Klimakenngrößen gemessen und ausgewertet wurden, sondern auch die ersten Strategien zur Anpassung der Stadt und der Region Dresden an den Klimawandel entwickelt.

    Bei Dresden kommt noch die Nähe zum Mittelgebirge hinzu. Aber auch dort haben es die Akteure mit einer gebauten Stadt zu tun. „Die baut man nicht einfach mal so um“, sagt Dr. Johannes Franke, Referent für Klimawandel im Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LFuG). „Man muss mit den Gegebenheiten vor Ort umgehen.“

    Dass nicht nur Dresden unter den Klimafolgen leidet, dessen ist man sich im Sächsischen Umweltministerium bewusst. 2011 schloss man deswegen einen weitergehenden Kooperationsvertrag mit dem DWD ab, um mit einer Datenerhebung vor Art zumindest den Kenntnisstand zu schaffen, mit dem man Extrem- und Katastrophenereignissen in Sachsens Großstädten vorbeugen kann. Daten gesammelt werden von beiden Seiten schon lange. Das LFuG unterhält ein eigenes Messnetz, zu dem in Leipzig die drei Messtationen am Hauptbahnhof, in der Lützner Straße und in Schönau gehören. Der Deutsche Wetterdienst hat Messstationen in Schkeuditz und Holzhausen. Die werden alle mit eingebunden in das jetzt startende Stadtklima-Forschungsprojekt. Am 1. Juni startet die Messreihe ganz offiziell.Dadurch, dass das Messfahrzeug zusätzlich seine Schleifen fährt, bei denen auch die anderen Messtationen gestreift werden, will man eine Art differenziertes Klimabild für die Stadt Leipzig ermitteln. Denn auch in der Stadt ist das Mikroklima nicht überall gleich. Es gibt auch hier Wärmeinseln und andernorts wieder Schneisen, in denen die Luft zirkulieren kann. Man will also auch herausfinden, wie die Durchlüftung in der Innenstadt funktioniert. Dabei sollten die Messtationen in verdichteten Stadträumen stehen. Dazu zählen – aus Sicht der Meteorologen – durchaus auch der Platz vor der Hauptfeuerwache und dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Verkehrsmäßig sowieso – der Verkehr dröhnt und lärmt hier vorbei. Dass man trotzdem offene Plätze wählte, liegt an der Notwendigkeit, auch freie Sonneneinstrahlung zu haben und messen zu können.

    Da auch die Messergebnisse aus den festen Stationen des DWD und der LFuG mit verwertet werden, hoffen die Meteorologen, ein sehr genaues Bild für die innerstädtischen Wärmestrukturen zu gewinnen. Möglicherweise genug, damit daraus dann wieder Empfehlungen für den Stadtumbau gewonnen werden können. Zwar versuchen Leipzigs Stadtplaner, immer wieder auch „grüne Lungen“, Ruheinseln und Strömungskorridore in der Stadt mit zu bedenken. Aber bislang fehlen die wichtigen Messdaten, die Auskunft geben darüber, wo „die Luft kocht“ oder gar steht und sich dann mit Schadstoffen anreichert.

    Feinstaubbelastung gehöre nicht zum Projekt, sagt Gerhard Lux, Pressesprecher vom DWD. Da aber die drei Feinstaubmessstellen des LFuG mit eingebunden sind, kann man die Daten durchaus abgleichen.

    Der Zeitraum von zwölf Monaten steht jetzt erst einmal als Mindestgröße. Die beteiligten Partner lassen erst einmal offen, ob dieses Stadtklima-Forschungsprojekt auch über Juni 2015 hinaus fortgesetzt wird. Ihre Bereitschaft, sich mit einzubringen in das Projekt, haben auch die in Leipzig ansässigen Spezialisten vom Institut für Meteorologie der Universität Leipzig (LIM), vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) sowie vom Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) zugesagt.

    Vorsichtig freut sich auch der Umweltbürgermeister schon auf das, was bei der Sache am Ende herauskommt: „Mit dem Stadtklimaprojekt erhält die Stadt Leipzig aktuelle Grundlagendaten zu vergangenen und derzeitigen klimatischen Verhältnissen. Im Sinne der planerischen Vorsorge lassen sich damit sowohl Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel als auch zum Schutz vor wetterbedingten Extremsituationen.“

    Das silberglänzende Fahrzeug des DWD mit seinen beeindruckenden Messfühlern wird man dabei zu recht ungewöhnlichen Zeiten im Leipziger Straßenraum sehen. Wenn sich Tage mit „autochthonen Wetterlagen“ ankündigen, fahren die Meteorologen schon vor Sonnenaufgang ihre erste Runde, die zweite folgt zur Mittagsstunde, die dritte dann nach Sonnenuntergang.

    Der Deutsche Wetterdienst: www.dwd.de

    Das Regionale Klimainformationssystem des Freistaats Sachsen REKIS: www.rekis.org

    Das REGKLAM-Projekt mit der Modellregion Dresden: www.regklam.de

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