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Wenn Kinder die „falsche“ Fremdsprache lernen sollen: Fremdsprachenstreit am Kant-Gymnasium

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    In den letzten Monaten mussten Eltern von Fünftklässlern, sofern die auf ein Gymnasium gehen, eine wichtige Entscheidung treffen: Welche Sprache soll mein Kind ab der 6. Klasse als zweite Fremdsprache lernen? Für die Eltern, deren Kinder das Immanuel-Kant-Gymnasium besuchen, ist es die Wahl zwischen Französisch und Russisch. Hätten sich zwei Drittel der Kinder für eine Sprache entschieden und ein Drittel für die andere, so wie es in den meisten Fällen geschieht, dann wäre diese Geschichte hier zu Ende.

    Doch mit der vermehrten Ablehnung von Russisch beziehungsweise der vermehrten Präferenz für Französisch als zweite Fremdsprache beginnt diese Geschichte erst so richtig. Sie ist eine Reise in die Untiefen der Regelungen und Realitäten des sächsischen Bildungssystems am Beispiel der Eltern und Kinder der 5. Klassen des Kant-Gymnasiums.

    Wie am Ende des 5. Schuljahres üblich, bat die Schulleitung Anfang Mai die Elternschaft um ihre Wahl der zweiten Fremdsprache. Nur zehn Eltern gaben daraufhin an, dass ihr Kind Russisch lernen will/soll, 74 allerdings wollten ihr Kind in eine Französisch-Klasse schicken. Ein Dilemma für Eltern und Schule zugleich, denn die Sächsische Bildungsagentur hat dem Gymnasium nur drei Sprachklassen genehmigt. Das Ungleichgewicht ist der Ausgangspunkt des Problems. Abgesehen davon, dass zwei Französisch-Klassen à 37 Schülern gegen jegliche Verordnung verstoßen würden: Eine Schulklasse hat auch eine Mindestgröße und die beträgt theoretisch 15 Schüler, in diesem Fall sollen insgesamt 28 Schüler für Russisch begeistert werden, denn selbst 15 Russischschüler würden übervolle Französisch-Klassen bedeuten.

    Laut Elternrat einer 5. Klasse schlug die Sächsische Bildungsagentur in einer ersten Reaktion vor, dass die Schüler, die Russisch lernen wollen, doch die Schule wechseln könnten. Ein Vorschlag, den die Eltern aus vielerlei Gründen ablehnten.Roman Schulz, Pressesprecher der Sächsischen Bildungsagentur Leipzig, räumte auf L-IZ.de-Anfrage allerdings am Mittwoch, 4. Juli, ein, dass der Behörde doch sehr daran gelegen sei, dass Russisch in Leipzig weiter gelernt wird und nicht durch die Hintertür aus dem Stundenplan verschwindet. Und weil die Sächsische Bildungsagentur ein Interesse daran hat, dass Russisch weiterhin als zweite Fremdsprache angeboten wird und weil das Nicht-Anbieten dieser Sprache Folgen für die Entwicklung des Schulstandorts hätte und weil daran auch Unterrichtsstunden für die vorhandenen Fachlehrer hängen, versuchte die Schule eine Lösung zugunsten der Russisch-Freunde zu finden. Da sie in der Kette der Handlungsmöglichkeiten allerdings nur kurz hinter den Eltern steht, probierte es die Schulleitung mit der sanften Einwirkung auf die „Französisch-Eltern“, ihre Wahl aus den genannten Gründen noch einmal zu überdenken. Zwei ließen sich erweichen – reichte immer noch nicht.

    Angedachte logische und letzte Konsequenz – wenn schon nicht 18 Eltern freudestrahlend die Schule wechseln wollten: Auslosung der Französischplätze. Rein rechtlich ein gangbarer Weg, denn in der sächsischen Schulordnung für das Gymnasium (SOGY) heißt es unter Paragraph 11, Absatz 2: „Ein Rechtsanspruch auf Erteilung von Unterricht in einer bestimmten Fremdsprache besteht nicht.“

    Doch eine Auslosung wollen die Eltern der 5. Klassen nicht akzeptieren. In der vergangenen Woche sandte der Elternrat eine erklärende und fordernde E-Mail an das Sächsische Kultusministerium und als „CC“ an diverse Politiker, Zeitungen und sonstige Personen, die behilflich sein könnten oder einfach aufgerüttelt werden müssen. Helge Burghardt, Rechtsanwalt und einer der federführenden Elternräte, erhielt daraufhin zahlreiche Rückmeldungen aus dem politischen Lager. So antwortete Annekathrin Giegengack, bildungspolitische Sprecher von der Fraktion Die Grünen im sächsischen Landtag, dass ihre Partei bereits im September vergangenen Jahres einen Antrag an den sächsischen Landtag gesandt hat, dass dieser einen entsprechenden Rechtsanspruch in der SOGY beschließen möge.Im September 2011 ahnte Giegengack noch nicht, dass sie irgendwann mal so einen Brief von Eltern des Kant-Gymnasiums aus Leipzig bekommen würde, sie wusste aber, dass die Zahl der Losverfahren in derartigen Fällen immer mehr zunehmen. Nach acht Losverfahren 2009/2010 und sieben im darauffolgenden Schuljahr musste 2011/2012 schon 23 Mal gelost werden, unter anderem am Ostwald-Gymnasium und am Brockhaus-Gymnasium in Leipzig und am Gymnasium Brandis. „Betroffen sind 14 Mal das Fach Französisch, 7 Mal Russisch, 9 Mal Latein sowie je einmal Tschechisch und Spanisch“, heißt es in der Begründung des Antrags.

    Der damalige Staatsminister Ronald Wöller antwortete wie folgt: „Seit einigen Jahren ist auf Grund der demografischen Entwicklung der Lehrerschaft auch im Sprachenbereich ein Ressourcenrückgang zu verzeichnen. Diese Erscheinung wird zudem noch von Langzeiterkrankungen, Mutterschutzfristen, altersbedingten Abgängen und der Inanspruchnahme von Teilzeitregelungen sowie des Sabbatjahres durch Lehrerinnen und Lehrer beeinflusst. Des Weiteren werden Ressourcen benötigt, um die Tätigkeit von Fachlehrern als Lehrbeauftragte abzusichern und die Ausbildung von Lehramtsanwärtern im jeweiligen Fach zu gewährleisten. Mit Blick auf die langfristige Absicherung des Fremdsprachenunterrichts wurde festgelegt, die Einrichtung von Sprachgruppen an den Gymnasien quantitativ zu begrenzen bzw. die Umfänge der Sprachangebote an einzelnen Gymnasialstandorten zu reduzieren. Damit wird eine optimale Ausnutzung der vorhandenen Ressourcen gewährleistet.“

    Und schon kommt der Lehrermangel ins Spiel, doch der war laut Wöller nicht das einzige Problem bei der Verabschiedung dieses Antrags: „Die Anpassung der Schulordnung Gymnasien hinsichtlich eines Rechtsanspruches auf die gewünschte Fremdsprache und das gewünschte Profil hätte entgegen den Bestimmungen zur Klassen- und Gruppenbildung (wegen der Bildung von Gruppen unterhalb des Gruppenteilers) einen Anstieg des Unterrichtsbedarfs und somit eine beachtliche Ressourcenerhöhung zur Folge.“

    Der Antrag wurde bisher nicht im Plenum abschließend behandelt, die Staatsregierung arbeitet angeblich allerdings an einer Überarbeitung der Schulordnung.

    Auf die Eltern und Schulkinder des Freistaats bezogen, bedeuten die Argumente des einstigen Kultusministers des PISA-Freudenlands Sachsen: Nur weil Sachsen nicht genug Geld für Bildung bereithält und zudem verpasst hat, beizeiten für die Lehrer-Ausbildung in diversen Fremdsprachen zu werben, müssen Kinder gezwungen werden, eine Fremdsprache zu lernen, die sie gar nicht lernen wollen. Natürlich interessiert Physik auch nicht jeden und jeder muss es lernen, aber dass Wahlmöglichkeiten von Schulen angeboten werden, die nicht entsprechend unterfüttert werden können, sollte nicht auf die Eltern und Schüler zurückfallen.

    Eva-Maria Stange, bildungspolitische Sprecherin der SPD im sächsischen Landtag, hat in Reaktion auf die Post aus Leipzig eine Kleine Anfrage an die sächsische Staatsregierung gestellt.

    Kurzfristig wird sie den Eltern der 5. Klasse nicht helfen. Diese haben bei einem Elternabend mit Vertretern der Sächsischen Bildungsagentur, Außenstelle Leipzig, und der Schulleiterin des Kant-Gymnasiums, Heike Palluch, eine Kompromisslösung vorgeschlagen, die bis Freitag von der Schule und der Sächsischen Bildungsagentur geprüft wird.

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