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Donnerstag, 21. Januar 2021

Dietmar Pellmanns Broschüre zur frühkindlichen Bildung in Leipzig: Wann begann das Drama eigentlich?

Von Ralf Julke

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    Es gibt ja nichts so Verlässliches wie Zahlen, wenn man eine Stadtentwicklung planen will. Man hat die Geburtenzahlen, weiß, wie viele Kindertagesstätten man hat und wie viele Schulen. Und man kann schon Jahre im Voraus den Bedarf errechnen. Für Kindergärten hat man drei Jahre Vorlauf, für Grundschulen sechs, für weiterführende Schulen zehn.

    Das entscheidende Jahr in Leipzig heißt 2004: Das war das Jahr, in dem die Geburtenzahl in Leipzig wieder die 4.000er-Marke überstieg. Dietmar Pellmann hat das Jahr 2005 genommen, in dem es auch so war und in dem auch den Planern im Rathaus klar werden musste, dass die Geburtendelle vorbei war, dass es in Leipzig jetzt möglicherweise auch wieder in Richtung 5.000 gehen würde. So wie in Dresden.

    Ausbau der Kita-Plätze

    In Dresden setzte der Prozess etwas früher und etwas kräftiger ein, so dass die Dresdener auch mit mehr Elan in ein Kita-Bauprogramm starteten. Das wurde schon 2008 sichtbar, als Dresden schon 4.354 Kinder zwischen 1 und 3 Jahren in einer Kita betreute, Leipzig lag da noch bei 3.849 und der zuständige Amtsleiter versuchte vor versammelten Journalisten auszurechen, dass die Bedarfsquote bei den Knirpsen nicht viel höher als 45 Prozent lag. Man läge also innerhalb der Bedarfe.

    Lag man natürlich nicht. Denn dass nicht mehr Krippenplätze nachgefragt wurden, bedeutete ja nicht, dass sie nicht gebraucht würden. Das zeigte sich ab 2010 mit aller Wucht, als Leipzigs junge Eltern Teil haben wollten am spürbaren Wirtschaftsaufschwung der Stadt. Die Jobs waren zwar nicht toll bezahlt, meist müssen beide Elternteile arbeiten, damit es reicht. Aber umso wichtiger ist es, die Kinder nach vollendetem erstem Lebensjahr in gute Betreuung geben zu können.

    2014 hatte Dresden schon 7.193 Kinder in der Altersgruppe gut in einer Kita untergebracht. In Dresden wie in Chemnitz lag die Betreuungsquote schon weit über den einst beschworenen 45 Prozent, nämlich bei 63 Prozent.

    Nur Leipzig war in diesen Jahren gewaltig ins Hintertreffen geraten, hatte die Zahl der betreuten Kinder nur auf 5.283 gesteigert und lag damit bei knapp 49 Prozent Betreuungsquote. Man hatte sich also jahrelang die Lage schön gerechnet – und die Notwendigkeiten der Wirklichkeit einfach ignoriert. „Als Ausrede für diesen unbefriedigenden Zustand kann auch nicht gelten, dass man durch die erhebliche Zunahme der Geburtenzahlen überrascht worden sei“, schreibt Pellmann.

    Nach fünf Jahren ist so etwas keine Überraschung mehr.

    Fehlende Krippenangebote

    Ein Ergebnis des ewigen Zögerns und Zauderns war ja bekanntlich, dass Leipzig die Zahl der Tagespflegeplätze regelrecht aufblasen musste. 2007 hatten Leipzig und Dresden mit jeweils 1.000 in Tagespflege betreuten Kindern praktisch gleichviel – aber 2014 waren es in Dresden dann 1.884, in Leipzig aber schon 2.613.

    In Leipzig diente die Tagespflege eindeutig (und dient sie auch bis heute) dazu, die fehlenden Krippenangebote zu kompensieren. In Dresden kommt die Tagespflege auf ein schon deutlich besseres Krippenangebot noch obendrauf.

    Ein Grund dafür, dass Leipzig beim Ausbau der Kita-Plätze so ins Hintertreffen kam, ist auch die Leipziger Politik, die Kita-Betreuung fast nur noch in die Hände Freier Träger zu geben. „Von 62 Neubauprojekten finden nur zwei in kommunaler Trägerschaft statt“, sagt Sören Pellmann, der Vorsitzende der Leipziger Linksfraktion. Und einige Freie Träger waren nicht nur beim Bauen kräftig in Verzug geraten, einige waren auch schon in der Finanzierungsphase stecken geblieben, etliche Vorhaben in den Listen der Stadt entpuppten sich regelrecht als Luftnummern.

    Das wäre, hätte die Stadt alle Projekte in eigener Regie durchgezogen, nicht passiert, ist sich Sören Pellman sicher. Und es waren ja dann die Planer der Stadtverwaltung, die ab 2014 die Regie übernahmen und einen Organisationsstab gründeten, der den Freien Trägern bei der Überwindung der planerischen, finanziellen und amtlichen Hürden half.

    „Und was unsere Anfrage zum Thema im Stadtrat noch ergab“, sagt Sören Pellmann, „ist, dass sich die Baukosten bei privater und kommunaler Trägerschaft in keiner Weise unterscheiden. Es ist ein Nullsummenspiel.“

    Das Ergebnis ist auch eine von vielen freien Trägern dominierte Kita-Landschaft, die in dieser Form in Deutschland einmalig ist. Die Linksfraktion hätte sich ein ausgewogenes Ergebnis im gleichen Verhältnis zwischen Freien Trägern und Stadt gewünscht. „Denn auch bei den Kosten gibt es keinen Vorteil“, sagt Sören Pellmann. „Die Kinderbetreuung in den Kitas wird überall mit der selben Pauschale abgegolten“, sagt Pellmann.

    Aber es geht ja nicht nur ums reine Aufbewahren der Kinder. Die von Dr. Dietmar Pellman erstellte Broschüre geht auch auf den Inhalt ein, nämlich die Frage: Schaffen die Leipziger Kindertagesstätten die Voraussetzungen dafür, dass alle Kinder beim Übergang zur Schule die gleichen Chancen haben?

    Die Antwort lautet auch in dieser Broschüre: Nein. Denn eines wird bei all den Zahlen klar: Wer alle gleich behandelt, sorgt dafür, dass Nachteile nicht ausgeglichen werden. Im Grunde bleiben viele Leipziger Kinder hier schon auf der Strecke.

    Dazu kommen wir im nächsten Teil.

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