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Eine Zeitung wie eine stachelige Kastanie

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    Der Traum ist gar nicht so unkonkret, wie einige Leute glauben, die sich derweil – na wo schon – auf Facebook gemeldet haben, diesem sozialen Rührkuchen, wo sie alle immer schon wissen, was richtig ist, bevor sie auch nur die Überschrift gelesen haben. Aber es ist auch ein lehrreiches Anschauungsobjekt.

    Jüngst äußerte García Martínez, ein ehemaliger leitender Angestellter von Facebook, auf „Zeit Online“ ein paar bedenkenswerte Sätze. „Dem ganzen Silicon Valley geht es darum, etwas Vorhandenes durch etwas Eigenes zu ersetzen. Ein System zu hacken. (…) Die Silicon-Valley-Firmen ziehen irgendeiner Branche, die sie für reif halten, einfach den Stecker und schauen dann, was passiert“, sagte er zum Beispiel. (Und Sachsens Bildungsministerin glaubt wirklich, aus Sachsen ein neues Silicon Valley machen zu müssen.) Oder den hier: „Eigentlich ist Facebook ein Hack des Staates, der Gemeinschaft an sich.“

    Martínez spricht von Staat, meint aber wohl etwas anderes: die demokratische Diskussion. Deren Basis waren in weiten Teilen immer die Medien. Medien, denen Zuckerberg jüngst erst ein kleines Zuschauerplätzchen in seinem Netzwerk zugestanden hat. Sie durften Instant-Artikel bei ihm veröffentlichen.

    Das haben auch viele große Medienhäuser gemacht. Und sich dann gewundert, dass von den versprochenen Werbeeinnahmen wieder nicht viel bei ihnen ankam. Wieder nur Kleckerbeträge. (85 Prozent der Online-Werbeeinnahmen in Deutschland landen bei den großen Elefanten Facebook & Co.) Mark Zuckerberg kicherte kurz – und dann beschloss er, die Wertigkeit von journalistischen Nachrichten in seinem Netzwerk herabzustufen. Hat er clever gemacht – wie manche Politiker, die immer behaupten: Die Leute wollten das so.

    Bei ihm also seine Nutzer.

    Dass er eine entsprechende Umfrage gestartet hätte, ist nicht bekannt. Big Zuckerberg stufte also die Artikel herunter, die Kommentare der Nutzer wieder hoch. Und das war’s dann mit relevanten Artikeln auf Facebook. Ab in den Nebel. Und so bekommen die Nutzer auch die Instantartikel in ihrer „Timeline“ immer seltener zu sehen. Sie bleiben in ihrer Blase und bekommen das angezeigt, von dem Facebook annimmt, dass es das ist, was sie sehen wollen. Das ganze Netzwerk koppelt sich wieder ab von dem, was „die Medien“ da draußen machen. Ist ja Journalismus. Braucht man ja nicht in einer Welt, in der allein Meinungen zählen.

    Was hat das mit meinem Traum zu tun?

    Ist ganz einfach: Es ist nicht meiner. Es ist der von Mark Zuckerberg.

    Mein Traum geht von einem Platz in den unendlichen Weiten des Webs aus, wo eigentlich nur noch dicke fette schöne journalistische Geschichten erzählt werden. Sie können auch kurz und knackig sein.

    Aber sie müssen echt sein.

    Sie müssen von der Wirklichkeit erzählen.

    Sie müssen von der richtigen Wirklichkeit erzählen.

    Erzählt von Leuten und Leutinnen, die wirklich neugierig sind, herauszubekommen, wie die Welt tickt, funktioniert und aussieht.

    Leute, die ein Gefühl dafür haben, wie sehr journalistisches Arbeiten dem Arbeiten eines neugierigen Wissenschaftlers ähnelt, dem eine komische Frage oder Vermutung im Kopf herumgeht. Und dann überlegt er sich, wie er die Antwort darauf finden kann.

    An einer Stelle unterscheidet sich der irdische Journalist natürlich vom Wissenschaftler. Eigentlich an zwei. Oder drei?

    Die erste: Er veröffentlicht sein Ergebnis nicht irgendwo in einem Fachmagazin in lateinischer – sorry, heute ja in englischer – Sprache wo es wieder nur Fachleute lesen. Macht ja keinen Sinn. Sondern da, wo möglichst viele Leute ihn auch lesen können.

    Und auch gern lesen. Was dann Unterschied zwei wäre: Journalisten sollten schon eine Menge Spaß an der Sprache und dem bildhaften und lebendigen Erzählen haben. Trauen sich Wissenschaftler meistens nicht. Und wenn sie sich trauen, bekommen sie in der Regel von der „Fachwelt“ eins auf den Deckel.

    Unterschied drei: Journalisten erzählen – wenn sie gut sind – auch, wie sie an die Geschichte gekommen sind, verstecken das nicht irgendwo im Anmerkungsteil, sondern schreiben es immer hübsch dazu. Denn dann können ihre Leser nachvollziehen, was sie getan, wen sie gefragt, wo sie nachgefragt haben.

    Das klingt dann wissenschaftlich so: Die Geschichte wird verifizierbar.

    Was auf die meisten Geschichten, die durchs „social web“ schwappen, nicht zutrifft. Was die meisten Meinungsmacher dort auch nicht interessiert.

    Bekommen wir nun eine Politik der Meinungsmacher und Lügenbolde?

    Manche Kollegen haben ja schon die schlimme Befürchtung, dass das unsere Demokratie völlig verändern wird. Nicht mehr die Wahrheit zählt, sondern die Meinung. Möglichst lautstark vorgebracht. Das könnte einen Donald Trump an die Regierung bringen. Und noch viele polternde Wirrköpfe nach ihm.

    Mein Traum geht also auch ein bisschen so: Ich möchte eine Zeitung in einer Welt machen, in der die Suche nach Wahrheit Teil der politischen Kultur ist. Oder bleibt. Noch haben wir das ja nicht ganz verloren.

    Aber mit Facebook und den anderen Ich-weiß-von-nix-Elefanten droht es leider anders zu werden.

    Es droht – wenn man sich umschaut unter den neuen Karrieristen – auch eine Stimmung Fuß zu fassen, in der Wahrheit als etwas Anstößiges gilt. Etwas Überflüssiges, etwas, auf das man verzichten kann.

    Nur: um welchen Preis?

    Und mit welchen Folgen?

    Oder haben wir wirklich nichts aus der Geschichte gelernt, aus jenen Epochen, als die Wahrheit mit Füßen getreten wurde und die Lüge Politik gemacht hat? Oja, zum Beispiel genau in der Zeit, als diese Ganoven regierten, deren Enkel heute wieder „Lügenpresse“ skandieren. Wer nicht ihrer Meinung ist, der lügt. So einfach haben sie es sich immer gemacht. So einfach lässt sich Meinung machen. Und lassen sich Fakten verunglimpfen.

    Ich hab hier einige Bücher besprochen, die sehr schön zeigen, wie das geht. Und wie leicht das geht, ein ganzes Volk zu manipulieren, „gleichzuschalten“, wie es diese uniformierten Vordenker des Sektenwesens genannt haben.

    Ein Traum mit Stacheln

    Sie sehen: Ich muss meinen Traum mit Stacheln träumen. Denn er eckt an. Er stört. Er stört vor allem die Meiner und Wird-man-wohl-ja-mal-sagen-Dürfer. Die sich in den sozialen Munkelbuden natürlich pudelwohl fühlen. Ihr Schwadronieren ist dort nicht anstößig. Im Gegenteil. Mark Zuckerberg hat ihm wieder höchste Priorität eingeräumt.

    Nur zu.

    Aber das ist nicht unser Weg. So deutlich ist das eigentlich.

    Noch einen Kaffee?

    Der Traum geht weiter.

    Die Ganze Serie zum Nachlesen.

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