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Was linkser Journalismus mit Faust Zwo zu tun hat

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    Nun haben wir es auch noch Schwarz auf Weiß: Die L-IZ gehört zum „linken Meinungsspektrum“. Zumindest aus Sicht des Peterssteinweges, also so von Norden nach Süden geschaut. So jedenfalls bestätigt es uns ein Kollege aus dem Hause LVZ in einer Stellungnahme für den Deutschen Presserat. Dort hatte sich nämlich einer unserer Kollegen über einen LVZ-Beitrag beschwert. Er hätte dazu auch einen kritischen Artikel in der L-IZ schreiben können. Aber so was nimmt ja keiner ernst, nicht wahr?

    Beschwert hat er sich über einen Artikel, der am 6. April in der LVZ erschien: „Fachkräftemangel: Friseurmeisterin musste schon drei Salons schließen“.

    Es waren eine ganze Reihe Punkte, die unser Kollege kritikwürdig fand. So etwa die Behauptung, „In Leipzig beziehen viele ausgebildete Friseure Hartz IV“, die im Artikel weder durch offizielle Daten noch irgendwelche Beweise untermauert wird. Dafür verschweige der Artikel, dass die zitierte Unternehmerin dem Mittelstandsforum für Deutschland (MfD) nahestehe. Der Artikel führe explizit mehrere Forderungen des MfD an. Und der sei nun einmal eine AfD-nahe Organisation, was zwingend hätte erwähnt werden müssen.

    Wir führen das alles nicht weiter aus. Der Presserat hat unserem Kollegen weitgehend recht gegeben. Dass das MfD eine AfD-nahe Organisation sei, lasse sich ziemlich leicht recherchieren. Das Forum hat seinen Sitz übrigens in Leipzig und dessen Vorsitzender ist ganz zufällig Gerd Pasemann, langjähriger Veranstaltungsmacher in Leipzig und aktuell Kandidat der AfD für den sächsischen Landtag. Und sein Stellvertreter ist ganz zufällig der sächsische Landtagsabgeordnete der AfD Mario Beger.

    Darüber kann man offen berichten. Und so ein wenig nagt bei uns ja der Zweifel, dass die AfD-Nähe nur übersehen wurde.

    Denn die Homepage des MfD (seltsam, diese Ähnlichkeit des Kürzels …) ist auch nicht wirklich so aufgemacht, wie die sonst eher seriösen Seiten von Unternehmerverbänden. Die sind zwar oft auch gern kritisch und bissig, aber sie gestalten ihre Seite nicht wie ein Boulevardmagazin.

    ***

    Aber lassen wir das mal beiseite. Kommen wir zum „linken Meinungsspektrum“. Dieses ganze Linkse und Rechtse hat ja nicht nur Ernst Jandl zu einem ironischen Gedicht veranlasst. Es wirft auch die immer neue Frage auf: Was ist damit eigentlich gemeint? Was bitteschön ist „links“? Wer definiert das? Oder versucht das überhaupt einer? Oder haben wir alle schon eingebaute Interpretationsmuster, was wir als links und rechts identifizieren?

    Nur einmal zurückgekehrt ins alte Frankreich, wo diese Aufteilung nach Linken und Rechten nach Sitzordnung zuerst manifest wurde. Wikipedia schreibt dazu: „Bereits unmittelbar vor der ersten – der ,großen‘ – Französischen Revolution (1789–1799) angewandt, hat sich der Begriff der politischen ,Linken‘ (und deren Gegenpol, der ,Rechten‘) während der sogenannten ,Julimonarchie‘ in Frankreich nach der Julirevolution von 1830 für die Einteilung der parlamentarischen Sitzordnung etabliert. Inhaltlich wurden damals unter der Linken zunächst alle in Opposition gegenüber den tradierten, monarchischen Herrschaftsformen der europäischen Staatsgebilde der frühen Neuzeit stehenden politischen Vorstellungen subsumiert. In diesem Verständnis wurden mit der Linken tendenziell antimonarchistische und republikanische, auch am klassischen Liberalismus orientierte politische Strömungen bezeichnet.“

    Antimonarchistisch, republikanisch, liberal. Was will man mehr.

    ***

    Wikipedia meint dann, heute seien damit vor allem Haltungen gemeint, die sich „ideologisch von mehr oder weniger ausgeprägten und gefestigten sozialistischen Grundsätzen ableiten“. Aber der Autor dieses Wikipedia-Artikels war entweder lange nicht auf Freigang oder er hat seine konservative Brille nicht abgesetzt.

    Denn die meisten Parteien und Politiker, die heute einem eher „linken Spektrum“ zugeordnet werden, haben mit Sozialismus oder dessen Ideologie wenig zu tun. Die meisten halten sich sogar für unideologisch, auch wenn sie an die Heilige Kraft des sich selbst regulierenden Marktes glauben.

    Aber meistens glauben sie wenig, sind aber voller Misstrauen. Gerade dem real Existierenden gegenüber. Denn das eint sie auch mit den ganzen republikanischen Linken in der französischen Nationalversammlung von damals: Sie halten die Gesellschaft für veränderbar. Die meisten durch Reformen, ein kleines Häuflein auch durch Revolutionen. Deswegen war es lange Zeit gar nicht so üblich wie heute, immer nur von Linken und Rechten zu reden. Viel gebräuchlicher war lange Zeit: Progressive und Konservative.

    Was auch die Zuordnung erleichtert: Progressive Bewegungen wollen die Gesellschaft verändern –liberaler machen, demokratischer, moderner oder einfach menschenfreundlicher, gerechter usw.

    2014 in Schleußig eingefangen. Foto: Marko Hofmann
    2014 in Schleußig eingefangen. Foto: Marko Hofmann

    Konservative Bewegungen wollen das Bestehende bewahren. Es sind Besitzstandswahrungsparteien. Oder gar Zeitreiseparteien, die sich zurücksehnen an einen Ort in der Vergangenheit, wo es ihrer Meinung nach schöner und kuscheliger war. In die Adenauer-Zeit zum Beispiel. Oder in die Zeit davor. Sie versuchen den Problemen von heute dadurch zu entkommen, dass sie die Lösungen von Vorgestern anbieten.

    ***

    Und natürlich stehen Zeitungsredaktionen vor der Frage: Wo ordnen sie sich da ein? Wie beantworten sie die Frage nach ihrer eigenen Haltung zu den Fragen der Zeit? Sehen sie die Lösungen in der Vergangenheit? Oder eher im Bewahren des Zustandes, der gerade herrscht? Das wäre so eine Art ewiges Grimmsches Märchen: „Und wenn sie nicht gestorben sind …“ … wohnen sie heute noch in der Fischerhütte.

    Dann gilt der in den Faust hineininterpretierte Irrglaube über das, was er kurz vor seinem Hinsterben zu sehen vermeint: „Verweile doch, du bist so schön …“

    Auch wenn er es im verschachtelten Konjunktiv sagt (dieser Goethe wieder!): „Zum Augenblicke …“

    Misstrauische Leute wie wir können sich mit diesem seltsamen Glauben, jetzt sei alles gut so, wie es ist, einfach nicht anfreunden. Dazu haben wir zu viele Situationen mit des „Königs neuen Kleidern“ erlebt, zu viele Scheinkönige, die dem Publikum etwas vorspiegelten, was nicht ist. Zu viele Widersprüche zwischen Darstellung und Inhalt.

    Und wer den Goethe richtig liest, merkt, dass der alte Knabe in Weimar seinen Faust ganz zum Schluss zu einem schlimmen Liberalen und Republikaner gemacht hat. Weshalb das Drama „Faust II.“ erst nach Goethes Tod 1832 veröffentlicht wurde. Da hatte es keine Konsequenzen mehr für den Staatsminister zu Weimar.

    Denn was steht da wirklich? „Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn, / Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn. / Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: / Verweile doch, du bist so schön!“

    Ein freies Volk? 1832? Davon träumten die Deutschen wohl.

    Goethe also im Herzen ein Republikaner? Sieht ganz so aus. Und damit dann wohl ein Linker, oder sehen wir das falsch?

    Eine „sozialistische“ Utopie ist das jedenfalls nicht, die sich der halbblinde Faust da ausmalt: „Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben, / Das ist der Weisheit letzter Schluß: / Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, / Der täglich sie erobern muß.“

    ***

    Also nix da mit bequemer Freiheit, mit Mach-mich-nicht-nass-Freiheit, mit Besitzstandswahrung und Früher-war-alles-besser. Sondern Freiheit als tägliche Kraftanstrengung, an Aufstehen und Fragen und Verändern. Freiheit muss man sich verdienen. Freiheit kostet Anstrengungen. Faule Republikaner sind ein Unding. Und fauler Verdienst ist keines, egal, wie viel Orden es sich ans Jackett hängt.

    Und das „muss“ ist auch nicht zu überlesen, auch wenn’s in der Schule gern überlesen wird. Freiheit muss jeden Tag aufs Neue erobert werden. Auch die geistige Freiheit. Wer sich auf seinen alten Lorbeeren ausruht, gerät schon in Abhängigkeiten, erst recht, wenn er vom Wohlwollen mächtiger oder auch nur reicher Leute abhängig geworden ist. Freiheit ist ungemütlich. Und sie hört einfach nicht auf, ungemütlich zu sein.

    Und was hat das mit linksem und rechtsem Journalismus zu tun?

    Die einen wollen das „Gewimmel“ sehen. Die anderen haben keinen Bock darauf.

    Wir tendieren eher zum ungemütlichen Teil der Antwort.

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    1 KOMMENTAR

    1. Ja, so ein Gewimmel möchen viele sehen. Nur leider wollen die wenigstens dafür auch bezahlen. Die Freiheit derjenigen, die sich anstrengen und handwerklich guten Journalismus bieten, kann aber ohne die Pflicht derjenigen, die ihn finanzieren, nicht bestehen. Und da reden wir noch nicht mal von links oder rechts, sondern nur von Kontostand unten oder Kontostand oben. Oder zumindest so weit oben, dass es weitergehen kann mit dem Kritisch Begleiten des Tagtäglichen. Die Scheidung in progressiv und konservative Kräfte mag da analytisch weiter tragen als die alte Links-Rechts-Dichothomie. Allerdings trägt auch sie nicht über das Dilemma das lieben Geldes hinweg. Die L-IZ kann davon ein Lied singen (und macht es ja auch, wenn sie von der ungebliebten Notwendigkeit einer Paywall berichtet). Und erst heute habe ich gelesen, dass es anderen auch so geht. Zum Beispiel dem investigativen Nachrichtenportal Think Progressive in den USA. Das trägt oder besser trug den Namen progressiv sogar im Titel. Genutzt hat es nichts. Think Progressive hat – wie ich Francis Neniks Trump-Tagebuch entnommen habe – heute dichtgemacht.
      https://www.the-quandary-novelists.com/tagebuch-eines-hilflosen/
      Ich hoffe, die L-IZ verweilt dagegen noch ein Weilchen. Es wäre schön.

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