0.3 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Eine Ausstellung für einen fast vergessenen Illustrator: Karl Stratil im Haus des Buches

Mehr zum Thema

Mehr

    Es gibt Ausstellungen, um die muss man erst ein, zwei Mal herumgehen, um herauszufinden, was an ihnen so besonders ist. Zu diesen Ausstellungen gehört "Wiedergefunden. Holzschnitte von Karl Stratil im Leipziger Reclam Verlag". Klar, sagt sich der Betrachter. Holzschnitte eben. Aber wer ist Karl Stratil? Und was hat das mit Reclam zu tun?

    Die Ausstellung ist ein Projekt des Lehrstuhls Buchwissenschaft und Buchwirtschaft an der Universität Leipzig. Eins von zwei Reclam-Projekten, die derzeit gleichzeitig zu sehen sind. Das andere ist die Ausstellung zu Reclam-Messeständen, die derzeit auf der Neuen Messe gezeigt wird.

    Beide arbeiten mit dem Material des Archivs des Leipziger Reclam-Verlages. Und die angehenden Buchwissenschaftler können bei dieser Forschung auf Projekte und Personen stoßen, die ohne ihre Forschung wohl tief in den Archiv-Ordnern vergraben geblieben wären. So wie die originalgrafischen Blätter der kompletten Porträtsammlung „Große Männer und Frauen“ von Karl Stratil (1894 -1963), die im Auftrag des Reclam Verlages von 1945 bis 1950 entstanden sind. Sie sind im Haus des Buches zu sehen. Eigentlich erstmals seit über 60 Jahren. Damals waren sie am Reclam-Stand auf der Leipziger Buchmesse zu sehen.

    Im August 1945 plante Ernst Reclam mit Karl Stratil eine „große Porträtsammlung europäischer Köpfe“. Er war ganz Verleger. Denn sicher war da noch keinesfalls, ob und wann der Privatverlag eine Lizenz zur Wiederaufnahme seiner Arbeit erhalten würde. Am Reclam-Stand auf der „Musterschau Leipziger Erzeugnisse“ im Herbst 1945 waren die ersten Holzschnitte zu sehen. Im Herbst 1946 lagen bereits 22 Blätter vor. Doch die Nachfrage konnte durch die zeitaufwendigen Handabzüge und trotz der Unterstützung eines Aushilfsdruckers mit Namen Gerhard Eisler bald nicht mehr befriedigt werden. Um die Porträts aber im kostengünstigen Maschinendruck herzustellen, bedurfte es einer Druckgenehmigung von der damaligen Zensurinstanz, dem Kulturellen Beirat. Doch der stellte sich dem Projekt kritisch entgegen.

    „Obwohl Prokuristin Hildegard Böttcher schon im September 1946 die Druckgenehmigung für die ersten 22 Porträts beantragt hatte, vergingen mehr als fünf Monate, bis diese eintraf. Auch in den Folgejahren musste sich der Verlag immer wieder mit dem Kulturellen Beirat auseinandersetzen. Zum einen waren die Zensoren der Meinung, dass die Sammlung von mehreren Künstlern ausgestaltet werden sollte, zum anderen betonten sie, dass Fotografien den Holzschnitten vorzuziehen seien. Die Anträge wurden im Kulturellen Beirat hin- und hergeschoben. Schließlich diskutierte man darüber, ob es Reclam erlaubt war, im Rahmen seiner Lizenz überhaupt Kunstblätter herauszugeben“, so erzählt eine der Ausstellungstafeln.

    Und obwohl Stratil sich jetzt auch noch hinsetzte, um die beiden SED-Granden Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl in Holz zu schnitzen, kam das Projekt auch bis Dezember 1950, als Reclam Leipzig unter Treuhand gestellt wurde, nicht zustande. Das Projekt verschwand in den Archiven.Die kleine Ausstellung im Haus des Buches zeigt auch noch andere unbekannte druckgrafische Arbeiten aus dem Nachlass des Leipziger Illustrators.

    Und sie zeigt damit auch ein Kapitel Leipziger Buchkunst, das heute fast vergessen ist, seit Illustrationen in Büchern Seltenheitswert bekommen haben, Holzschnitte erst recht. Mancher findet vielleicht noch im Bücherschrank seiner Eltern Bücher, die von Karl Stratil illustriert wurden. Was übrigens auch in der frühen DDR-Produktion Standard war. So hat Stratil zum Beispiel auch Stevensons „Schatzinsel“ für die Kompass-Taschenbuchreihe illustriert, ein Buch, das 1963 erschien, im Todesjahr von Stratil. Er starb am 5. Februar 1963.

    Geboren wurde Karl Stratil am 11. Juli 1894. „Schon in der Olmützer Oberrealschule (Olomouc, Mähren) fiel Stratils künstlerische Begabung seinen Lehrern Ignaz Neunteufel und Leo Moj?ischek auf“, können die Leipziger Buchwissenschaftler erzählen. „Doch das dritte Kind von acht Geschwistern der Familie eines Rohrmeisters bei den Gas- und Wasserwerken durfte nicht Kunst studieren. Die Architekturausbildung in Wien im Jahr 1913 war ein Kompromiss. In vier Semestern an der Wiener Technischen Hochschule soll Stratil allerdings keine Vorlesungen besucht haben, dafür ‚umso eifriger den Aktsaal der Kunstakademie‘.“

    Im Ersten Weltkrieg diente Stratil im Olmützer Hausregiment IR Nr. 54. Als junger Offizier geriet Stratil nach der Brussilow-Offensive 1916 in russische Gefangenschaft und kämpfte im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution auf der Seite der Weißgardisten unter General Koltschak. Er war „Divisionsmaler“ in der Tschechoslowakischen Legion. Und da ging es ihm wie seinem berühmten Landsmann Jaroslaw Hasek. Der zog mit dem Böhmischen Infanterie Regiment „Freiherr von Czibulka“ Nr. 91 an der Ostfront, geriet dort ebenfalls in russische Kriegsgefangenschaft und kam so auch zur tschechischen Legion – wechselte dann aber zur Roten Armee. Er schrieb mit dem Hintergrund seiner Kriegserlebnisse den berühmten Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, der 1921-1923 erschien.

    Da war Stratil schon in Leipzig. Am 18. Oktober 1920 begann er sein Studium an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, der heutigen HGB. Seine wichtigsten Lehrer waren Alois Kolb und Hans Alexander Müller. 1924 heiratete er seine Kommilitonin Thea Friederici. 1927 wurde die Tochter Maria geboren und vier Jahre später Dorothee.In den Folgejahren arbeitete er für den Reclam Verlag, aber auch für die Verlage Kiepenheuer, Büchergilde Gutenberg, Adam Kraft, Deutsche Buchgemeinschaft, Erich Matthes und Gerhard Stalling sowie für Seemann und Breitkopf & Härtel.

    Seine Zusammenarbeit mit dem Verleger Ernst Reclam begann 1920 und wurde in den 1930-er Jahren besonders sichtbar. Als Beispiel für Porträts auf Umschlägen oder für Frontispize gilt Hans Künkels „Schicksal und Liebe des Niklas von Cues“ (1936) und ein Holzschnittporträt des Autors. Conrad Ferdinand Meyers „Novellen“ (1937) enthielten ein Dante-Porträt und eine Ansicht Meyers. Neben Textillustrationen entwarf er auf einem Buchumschlag das in Rötel ausgeführte Porträt von Cosima Wagner (1937).

    Liegen die Schwierigkeiten für Stratils Porträt-Band nach 1945 vielleicht in der Zeit des Nationalsozialismus? Immerhin blieb er im Land, arbeitete auch für linientreue Verlage. „Für zwei Publikationen im Verlag Volk und Reich – ein Böhmen-Mähren-Lesebuch und ein Bildwerk über Prag – wurde er nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ‚uk‘ (unabkömmlich) und vom Kriegsdienst freigestellt“, teilt eine Tafel mit. „In dieser Zeit pendelte er zwischen Leipzig und Prag. Nachdem die Zeitschrift Volk und Reich mit Verweis auf den ‚totalen Krieg‘ im Herbst 1944 ihr Erscheinen einstellte, hatte es auch mit den Verlagsprojekten ein Ende. Zu Beginn des Jahres 1945 wurde Stratil in Leipzig zum Volkssturm eingezogen.“

    Stratil arbeitete trotzdem auch für Reclam weiter, für Gustav Kiepenheuer, Anton Hiersemann, Ernst Wunderlich und den späteren Prisma Verlag, für Greifen, Paul List und Kiepenheuer, aber auch für die neugegründeten Verlage Tribüne, Das Neue Berlin und Aufbau.

    In der Ausstellung zum ebenfalls fast vergessenen Leipziger Expressionisten Rüdiger Berlit waren 2010 im Museum der bildenden Künste auch zwei Arbeiten Stratils zu Rilkes „Weise von Liebe und Tod des Kornets Christoph Rilke“ zu sehen. Der Katalog würdigt Stratils expressionistische Illustrationen zu Gogol, Storm, Alexej Tolstoi und Gustav Freytag, die alle um 1924 herum entstanden. Und die Katalogautoren betonen: „Karl Stratil zählt zu den großen, aber vergessenen Illustratoren Leipzigs.“

    Da ist also was zu entdecken. Auch ein wichtiges Kapitel Leipziger Buchgeschichte.

    Die Ausstellung im Haus des Buches entstand am Fachbereich Buchwissenschaft im Rahmen des Blockseminars „Karl-Stratil-Projekt“ im Wintersemester 2011/12 unter Leitung von Ingrid Sonntag, in der Mitarbeit von Carmen Laux und unter Beteiligung von vier studentischen Arbeitsgruppen.

    Besichtigen kann man die Ausstellung im Haus des Buches (Gerichtsweg 28) bis zum 29. Juni. Der Eintritt ist frei.

    www.uni-leipzig.de/~buchwiss

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ