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Leipzig im Jahr 1914: Ein Attentat und die nicht mehr heile Welt des 29. Juni

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    Die Leipziger sind zum Preis-Angeln oder schauen den Rosenkavalier im Neuen Theater, als im 950 Kilometer entfernten Sarajewo die Welt ins Wanken gerät. Doch zunächst dreht sie sich weiter - auch in Leipzig, wo Diskussionen über die Milchversorgung, zahlreiche Selbstmorde und die rege Bautätigkeit den Alltag der von Oberbürgermeister Rudolf Dittrich regierten Stadt prägen.

    Als in Sarajewo am 28. Juni 1914 ein serbischer Nationalist namens Gavrilo Princip den Prolog zur „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ beginnt, sitzt manch Leipziger beim Herren- und Damen-Preis-Angeln im Seebad Baalsdorf. Gefischt wird nach Karpfen, Schleien, Forellen. „Darauf Fischessen der vorzüglich schmeckenden Fische aus diesem klaren Wasser. Angeln hat jeder mitzubringen“, verkündet am Vortag eine Anzeige in der LVZ. Bei heiterem und trockenem Wetter mit etwas Wind aus Norden lässt sich es sich in diesem Ort bei Leipzig gewiss aushalten.

    Noch geht der Alltag in Leipzig weiter. Ein Alltag, der für die damaligen Leipziger banal scheint, aus heutiger Sicht allerhand aus der Zeit Gefallenes bietet, Überraschungen bereithält und dessen Zeitungsmeldungen eine Stadt zeigen, die sich im rasanten Wachstum befindet. Das zeigen schon die Hauptthemen, die die Gesamtratssitzungen immer wieder bestimmen: Bildung und Bau. Leipzig im Juli 1914 ist eine Reise in eine lokale Vergangenheit, die auch für uns hin und wieder banal scheint. Aber doch stecken hinter jeder Polizeimeldung, jeder Gerichtsverhandlung, jeder Geschichte zig Informationen zu dem, was Leipzig im Juli 1914 ausmachte. Dieses Leipzig wird weiterhin schwer zu greifen sein, aber die Episoden geben zumindest ein paar Einstiege, um sich in diese Stadt hineinzuversetzen – und sie auch mit der heutigen zu vergleichen.

    Dafür habe ich für meine Recherchen alle Ausgaben der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ) und der „Leipziger Neuen Nachrichten“ (LNN) im Zeitraum 28. Juni bis 31. Juli 1914 gelesen und versucht – wie schon Florian Illies und Gerhard Jelinek – über die knappe Wiedergabe von Episoden, also aus vielen Einzelereignissen, die Stadtatmosphäre zusammenzupuzzeln. Wohl wissentlich, dass dies niemandem wirklich vollständig gelingen wird.

    Der 28. Juni

    Im Neuen Theater – dort, wo heute die Oper steht – wird am 28. Juni, einem Sonntag, „Der Rosenkavalier“ gegeben, im Krystallpalast: „Der Liebesonkel“. Ob man hier schon die Neuigkeiten aus Sarajewo kannte? Möglich. Dass man vorausahnte, dass es unzählige Tote geben wird? Unwahrscheinlich.

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    Auf der seit Mai stattfindenden „Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik“ wird das Große Johannisfest begangen. Ab 11 Uhr werden auf einer Gedächtnisfeier die „grossen Toten des Deutschen Buchgewerbes“ geehrt. „Nachmittags um 4 Uhr: Trachten-Festzug und Enthüllung des Gutenberg-Denkmals, abends halb 10 Uhr auf der Terrasse: Fackeltanz der Druckfehler-Teufel „Klingt verlockend“. Bekommt die Bugra bis Kriegsbeginn noch regen Zulauf, ebbt dieser danach deutlich ab. Die Ausstellung, die bis Oktober läuft, wird ein finanzielles Desaster für die Stadt. Aber wer rechnet jetzt mit einem Krieg?

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    Kaiser Wilhelm II. erfährt von dem Attentat auf seiner kaiserlichen Jacht. Der britische Botschafter zu Berlin, Edward Göschen, Enkel des Leipziger Verlegers Georg Joachim Göschen, ist in Begleitung der kaiserlichen Entourage mit auf der Kieler Woche. In Leipzig wirbt derweil das Kaufhaus Bamberger & Hertz am Augustusplatz mit Kieler-Anzügen in blau-weiß für 4,75 Mark. „Eine derartige Gelegenheit – einen Original-Kieler-Wasch-Anzug so billig zu erstehen – wird sich kaum wieder bieten.“

    Am 29. Juni wird die LNN ausführlich über das Attentat von Serajewo (so schreibt man es dort) berichten. Tatsächlich waren es zwei Attentate, was heute gern vergessen wird. Schon bei der Fahrt von Thronfolger Franz Ferdinand zum Rathaus wurde gegen 11 Uhr ein Bombenattentat gegen den Autokonvoi verübt. Alle waren vorgewarnt. Aber mit welchem Phlegma selbst der österreichische Thronfolger dieser deutlichen Protestbekundung begegnete, ist dann in einem Telegramm des LNN-Korrespondenten zu lesen, das gleich mit abgedruckt ist: „Als der Bürgermeister seine Begrüßungsansprache halten wollte, unterbrach ihn der Erzherzog, indem er in scharfem Ton sagte: ‚Herr Bürgermeister, da kommt man nun nach Serajewo, um einen Besuch zu machen, und man wirft Bomben auf uns. Das ist empörend!‘ – Nach einer Pause sagte der Erzherzog: ‚So, jetzt können Sie sprechen.'“

    Wer den Geist der alten Monarchie hören wollte: Hier ist er.

    Das Pistolenattentat, das dann gelang, wurde nach dem Rathausbesuch verübt, als das Thronfolgerehepaar vom Rathaus zum Lazarett fahren wollte – im offenen Fahrzeug.

    Der 29. Juni

    Vom Attentat erfahren die Leipziger spätestens am Morgen des 29. Juni. Die Leipziger Neuesten Nachrichten titeln nüchtern: „Der österreichische Thronfolger und seine Gattin ermordet“, Das Konkurrenzblatt LVZ verkündet auf ihrer Titelseite in großen Lettern reißerischer: „Die Bluttat von Sarajewo: Der österreichische Thronfolger und seine Frau getötet.“ Der anschließende Artikel liest sich im damaligen sozialdemokratischen Propagandasprech wie folgt: „Die Gewalt gehört zum eisernen Bestand der feudalkapitalistischen Machtmittel. Sie betätigt sich in Massenmorden des Krieges wie im Massenmord auf dem Schlachtfeld der Arbeit. Sie tötet nach Gesetz und Recht des Staates und sie mordet nach Leidenschaft und Willkür den einzelnen. Immer wird sie bei Menschen höherer Sittlichkeit Mitleid auslösen, wen sie auch immer trifft, aber wo Gewalt auf Gewalt antwortet, da tritt das menschliche Gefühl zurück und die kühle, nüchterne Erkenntnis allein muss urteilen.“ Verantwortlich für den redaktionellen Teil der LVZ ist damals übrigens ein eiserner Sozialdemokrat, dessen journalistisches Talent zwei Jahre zuvor von Rosa Luxemburg entdeckt worden war: Georg Schumann.

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    Statt Österreich zu bedauern, macht die LVZ das Land zum Schuldigen für das Attentat. „Der Nationalitätenstreit in der österreichisch-ungarischen Monarchie ist das Hauptfundament. […]

    „Der Ermordete selbst hat die Gewaltpolitik der österreichisch ungarischen Regierung besonders lebendig vertreten. Mit Recht hat ihn die ganze Welt als das Haupt der österreichischen Militärpartei angesehen, mit Recht als einen übelsten Reaktionär und Knecht des Klerikalismus.“ Und im Verlauf der 5/4 Seiten zum Attentat beweist Schumann Weitblick: „Der Dreibund, längst ein historischer und ökonomischer Widersinn, immer nur mit Gewalt gehalten, hat durch die Schüsse von Sarajewo gleichfalls ein starkes Bindeglied verloren. Damit reichen die Folgen des Attentats weit über Oesterreich-Ungarn hinaus in die europäische Politik hinein, und seine Wirkungen sind im Moment noch nicht abzusehen. Sie waren es wahrlich nicht. Erst recht nicht in Leipzig.“

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    Aber die üblichen Verdächtigen waren längst schon dabei, den Zunder zuzubereiten, mit dem ein Krieg entfacht werden konnte. Die streng konservativen LNN machten gleich im Leitartikel schon einmal Stimmung und erklärten den getöteten Franz Ferdinand zum Deichgrafen gegen die slawische Flut: „Für uns Deutsche ist diese Entscheidung gleichbedeutend mit der, ob die Deiche und Dämme, die uns im Osten gegen die slawische Flut schützen, noch sicher sind. Den Deichhauptmann hat eine Kugel darniedergestreckt.“ Es ist alles schon da: Schicksalstag, Soldatentod, kaltblütige Mörder. Der ganze aufgeschäumte Tonfall des „fischkalten Universitätstypus“, wie ihn Tucholsky etwas später nennen sollte, der den Krieg schon mit genüsslich gesetzten Worten vorbereitet.

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