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Leipzig im Jahr 1914: Die Kaffeehäuser spielen Nationallieder – aber nicht für Serben

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    Österreich-Ungarn hält die serbische Antwort auf das gestellte Ultimatum für ungenügend und bricht am 25. Juli die diplomatischen Beziehungen ab. In Leipzig wird das frenetisch gefeiert. Kaffeehäuser passen ihr Musikrepertoire der Situation an. Für "die Söhne des Balkans" wird es in Leipzig plötzlich ungemütlich. Immerhin: Die Rosen-Ausstellung im Palmengarten läuft ganz gut.

    Die Lokalnachrichten in der Ausgabe der LNN vom 27. Juli beginnen wie folgt: „Seit Sonnabend hallt unsere Stadt wider von höchster Begeisterung für Oesterreich-Ungarn. Große Menschenmassen drängen sich um das Geschäftshaus unserer Leipziger Neuesten Nachrichten, halten den Hof so dicht besetzt, dass ein Durchkommen nur mit der allergrößten Mühe möglich ist, und unter Absingen patriotischer Lieder erwartet man die neuesten Meldungen. Die Menge reißt sich um die Extrablätter. „Hoch Oesterreich!“, „Hoch Kaiser Franz Josef!“, „Nieder mit Serbien“, braust es durch die Scharen der Wartenden. In den Restaurants und Kaffeehäusern der Stadt muß die Musik Nationallieder spielen. Die Deutsche Hymne erklingt, und die österreichische. […]

    „Ein klarer, kühler Julitag bricht an. Ein Sommersonntag dem eine gewisse verhaltene Feierlichkeit besonderes Gepräge leiht. Seidig blaue Luft liegt über den wogenden Kornfeldern der Ebene vor dem Denkmal der Völkerschlacht. Manches Auge wendet sich diesem stolzen Wahrzeichen ruhmreicher Geschichte zu. Ernst und stumm blicken die zwölf felsentwachsenen Männer ringsum in sommerliches Land, stehen sie auf der Wacht, die Hände auf den Knauf des gezückten Schwertes gestützt. Sinnbilder des Ernstes der Stunde, in der wir leben.“ Und in diesem Duktus geht der Leitartikel weiter. Auch Sonntag versammelt sich die Menge in den Höfen der Redaktion. „Über die Meldung, dass England in dem Konflikt sich völlig neutral verhalten wird, ist die Menge so erfreut, dass man unseren germanischen Stammesbruder von jenseits des Kanals hochleben lässt. Die Menge wartet und wartet geduldig, bis neue Meldungen kommen und immer neue Depeschen durch ein Sprachrohr von einem Fenster des Geschäftshauses aus verlesen werden. Wahrlich, es sind Tage an denen man den echten treuen Sinn unseres Volkes wie selten feststellen kann.“

    Die Menge lässt sich nur von einem „hier lebenden und deutsche Gastfreundschaft genießenden“ Serben ärgern, der in „seiner bodenlosen Anmaßung soweit ging, dass er auf offener Straße in die patriotischen Kundgebungen der Menge die freche Aeußerung „Nieder mit Deutschland!“ fallen ließ. Nur weil er eiligst in ein Haus flüchtete, entging er einer „gehörigen Tracht Prügel“. Wie man aus dem Leserkreise berichtete, war dies aber nicht der einzige Zwischenfall. „Auch in einigen Kaffeehäusern der Stadt, in denen sich die Söhne des Balkans Rendezvous zu geben pflegen, und in denen sie gewisse Vorrechte anzumaßen sich gewöhnt haben, soll es, wie uns aus unserem Leserkreise mitgeteilt wird, zu Differenzen mit dem deutschempfindenden Teile des Kaffeehauspublikums gekommen sein. Doch ist all diesen Zwischenfällen eine Bedeutung nicht beizumessen. Als die deutschfeindlichen Ausländer sahen, dass der Deutsche nicht länger gewillt war, sich ihre Arroganz gefallen zu lassen, schwiegen sie hübsch stille. Und das war das Gescheiteste, was sie tun konnten. Der Deutsche ist gewiss nachsichtig gegen alles Fremde. Aber in politisch erregten Zeiten, in denen wir jetzt leben, zeigt er, dass er ein starkes Nationalgefühl hat und dass er dieses Nationalgefühl auch zu vertreten weiß.“

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    Leider liegen für das Jahr 1914 keine Daten zum Ausländeranteil in der Stadt vor. 1910 lebten jedenfalls 21.978 Ausländer in Leipzig, also war ungefähr jeder 33. Leipziger nicht deutsch. Naja, obwohl, die größte Kolonie stellten die Österreicher und Lichtensteiner mit einer Gruppenstärke von 15.215 Personen und wer will schon sagen, dass das 1914 keine Brüder sind? Außerdem frönen dem Leipziger Leben unter anderem 3.077 Russen, 563 Schweizer, 502 US-Amerikaner und natürlich auch drei Peruaner und drei Mexikaner, zwölf Chinesen, 23 Brasilianer und ganze 74 Serben. Eine große Gefahr für das Deutschtum. 2014 sind es vor allem Russen, Ukrainer, Polen und Vietnamesen, die den Großteil der Leipziger Ausländer ausmachen. Jeder Zehnte hat einen Migrationshintergrund.

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    Die Rosenausstellung im Palmengarten lockt indes auch das Fachpublikum an.

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    Ärger um die Leipziger Brunnen. Das Gesundheitsamt klagt am 28. Juli: „Manchem Grundstücksbesitzer scheint es unbekannt zu sein, dass über den Bau von Brunnen in Leipzig Vorschriften bestehen, um eine Verseuchung des Untergrundes durch geeignetes Füllmaterial auszuschließen. In der Ratsbekanntmachung vom 30. Juni 1893 ist vorgeschrieben, dass Brunnen nur mit gewachsenem Boden zugefüllt werden dürfen. […] Zuwiderhandlungen werden mit Strafe bedroht.

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    Auch der Internationale Kongreß für Volkserziehung und Volksbildung soll in Leipzig stattfinden. Er ist angesetzt vom 25. bis 29. September. Es ist der vierte Kongress seiner Art. Bisherige Ausrichter: 1906 Mailand, 1908 Paris, 1910 Brüssel…ein Komitee zur Organisation wurde eigens ins Leben gerufen. Schizophrene Besetzung in diesen Zeiten: „Zum Ehrenpräsidium gehören die Kultusminister fast sämtlicher europäischer Großstaaten.“

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    Zwei Mitglieder der Leipziger Friedens-Gemeinde haben Geld gespendet. Jeder immerhin 1000 M, um die Wasser-Klosett-Anlage der „hiesigen Kinderbewahranstalt vom vereinigten Theresia- und Elsbeth-Stifte zu gesundheitlichen Vorteilen zu ermöglichen.“ Die Gemeinde legt noch mal 3000 M drauf.

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    Am 29. Juli wirbt F.B. Eulitz nicht mehr für Schillerhemden oder Strümpfe sondern für einen ganz aktuellen Bedarf. „Für Ihre Militärzeit: Decken Sie Ihren Bedarf an Militärhemden, Trikothemden, Unterhosen, Reithosen, Socken, Militärwesten und Hosenträgern. Man verlange Spezialofferte. F.B. Eulitz“

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    „Alle Serben sind ausgeschlossen“, heißt es in einer Anzeige der Reichshallen L.-V. Und weiter: „Sie dürfen nicht teilnehmen an dem famosen Strohwitwer-Ball.“ Vorher spielen übrigens Pfeffers Alt-Leipziger Sänger bis etwa 10 Uhr, dann werden die Strohwitwer aktiv und alles, was sich jung fühlt.

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    Die große Ringer-Konkurrenz im Krystallpalast geht am 29. Juli zu Ende. Mehrere Wochen kämpften im zweiten Teil des Abendprogramms Ringer vor mehreren hundert Zuschauern um das Preisgeld von 1000 M. Sieger wurde schließlich der Münchner Hans Schwarz, der den Montenegriner Georgiewitsch, dem man zur besseren Motivation für Schwarz kurzzeitig die serbische Staatsbürgerschaft zuschauerseitig angedichtet hatte, besiegte. Dritter wurde ein Franzose, Vierter ein Italiener und Fünfter der Leipziger Buchheim, der überdies vom Billard-Meister Richard Mittag und Restaurateur Kupfer einen Pokal für hervorragende Technik erhielt.

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    Zwischenstand. Die Hilfe der Fürsorgestelle für Lungenkranke wurde von Januar bis Juni 1914 von 6.787 Personen in Anspruch genommen.

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