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Leipzig im Jahr 1914: Eine Stadt stellt sich auf Krieg ein

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    In Leipzig ist es merklich kühler geworden. Eine gesamte Stadt scheint sich auf Krieg einzustellen. Eine Versicherung wirbt mit einem Kriegs-Angebot, das Café Imperator wirbt damit, dass Kriegsdepeschen schnellstmöglich vorgelesen werden und das Telegrafenamt kommt mit den Nachrichten Richtung Österreich-Ungarn, Balkan und Russland nicht mehr hinterher. Die Zeit dreht sich immer schneller, der Krieg ist bald da.

    Zufall? Seit Mitte Juli ist die unerträgliche Hitze umgeschlagen in Kühle. Das Quecksilber steigt am Mittag des 30. Juli nur noch auf 17 Grad Celsius. In den LNN weiß ein Redakteur wohl, wo die Reise hingeht. „Ist es nicht, als deuten die ernsten Wetterwolken auf den Ernst der Stunde hin, in der wir leben? Doch getrost! Wie die Gewitter auch am politischen Himmel sich entladen werden: Die Sonne wird die Wolkenmassen wieder teilen und wird wieder lächeln – ob sie gleich der Sonne des 19. Oktobers sein wird, eine Sonne, die der Geschichtsschreiber buchen muß?“ Wohl eher nicht.

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    So lesen sich Ratsbeschlüsse einer wachsenden Stadt: „Vorschlagsgemäß wurden genehmigt – soweit nötig unter Vorbehalt der Zustimmung der Stadtverordneten – die Anpflanzung von Alleebäumen in der Lordstraße zwischen der Holsteinstraße und der Straße 10, die Herstellung eines Radfahrwegs im Rosentale vom Herloßsohnsteg bis zur Jahrstraße nach dem Marienweg, die Herstellung eines Unterbaus und der Schleusen der Straße 9 zwischen der Straße 4 und der Holsteinstraße sowie der Holsteinstraße zwischen der Straße 8 und der Stötteritzer Straße, die Entschädigung des Johanneshospitals für das zum Ausbau der Lord,-Holstein- und Lipsiusstraße über Leistungspflicht zur Verfügung gestellte Land und die Erstattung der anteiligen Kosten für die Herstellung des Unterbaus der Lord- und Holsteinstraße, der Verkauf der Baustellen VIII an der Jacobstraße…“

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    Mitteilung aus dem Telegraphenamt am 30. Juli: „Wegen sehr starker Anhäufung der Telegramme nach Oesterreich-Ungarn, den Balkanstaaten und Russland erledigen die Telegramme dorthin große Verzögerung.“

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    „Wenn auch die Straßenkundgebungen in den Abend- und Nachtstunden der letzten Tage zunächst aus vaterländischen Empfindungen hervorgegangen sind, so stellen sie sich doch als derartige Störungen der nächtlichen Ruhe und des öffentlichen Verkehrs dar, daß ihr Aufhören dringend erwünscht erscheint“, heißt es am 30. Juli von amtlicher Stelle in Leipzig. Vorausgegangen war unter anderem eine Demonstration der Leipziger Sozialdemokraten, die von neun Lokalen ausgehend auf dem Augustusplatz ihre Abschlusskundgebung fand. Tenor: Ein Hoch auf den Völkerfrieden“.

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    Mal was ganz anderes: Am 1. Oktober beginnen wieder sechswöchige Kurse zur Säuglingspflege. Der Leipziger Krippenverein ist Veranstalter. Prospekte verteilt die Vorsitzende: Frau Edith Mendelsohn-Bartholdy

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    Nötigung im Amt. Vor der Ferienstrafkammer C muss sich der Schutzmann a.D. Albert Kröck verantworten. Der 35-Jährige „wurde beschuldigt, dass er in mehreren Fällen weibliche Personen unter dem Vorgeben, er müsse feststellen, ob sie die Gesuchten seien, in einem Falle auch, dass er sie eventl. zur Wache bringen müsse, zur teilweisen Entkleidung veranlasst hat.“ Kröck wird in zwei Fällen für schuldig befunden und muss für drei Monate ins Gefängnis.

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    Die Superintendentur Leipzig I klagt: „Wiederholt schon sind aus den Kreisen unserer Gemeinden anonyme Zuschriften mit mancherlei Wünschen in bezug auf Abstellung von Missständen und dergleichen an die Superintendentur gerichtet worden. Solche Einsendungen können nicht berücksichtigt werden. Wer etwas will, trete mit seinem Namen dafür ein. Bitten um vertrauliche Behandlung einer Angelegenheit dürfen dann der Erfüllung gewiß sein.“

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    31. Juli: Fußballsport: „Die Spiele um den Pokal der Leipziger Neuesten Nachrichten sind infolge der kritischen politischen Lage um eine Woche verschoben worden. Sie finden somit voraussichtlich am 16. August statt.“

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    Am 31. Juli wird im Café Royal am Tröndlinring der Kapellmeister Dansky Felie verabschiedet. Wem das nicht Grund genug ist, um am Vorabend des „Weltenbrands“ im Café einzukehren, der lässt sich vielleicht mit „echten Bieren, eigener Konditorei oder Weine erstklassiger Firmen“ locken. Oder mit der „prachtvollen Aussicht“ auf Ring und Promenaden-Anlage von Leipzigs schönsten und grössten Balkon.“ Im Café Imperator heißt es auch Abschiednehmen vom „genialen Fred Walde“. Das Etablissement ist allerdings auf die derzeitige politische Lage bestens eingestellt. „Nachts eintreffende Kriegs-Depeschen erhalte ich telephonisch zur sofortigen Bekanntgabe.“

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    Die Subdirektion der Deutschen Lebensversicherungs-Bank AG in der Plagwitzer Straße erinnert die Leipziger noch mal daran, sich auf das offenbar Unvermeidliche einzustellen. „Lebensversicherung-Abschlüsse mit Einschluß des Kriegs-Risikos zu liberalen Bedingungen sowie Zusatz-Versicherungen an besonders niedrigen Prämien.

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    Der 1. August 1914 ist ein Sonnabend. Die Leipziger Neueste Nachrichten melden in großen Lettern: „Der Kriegszustand in Deutschland verhängt“, Die zweite Überschrift lautet: „Der russische Friedensbruch – Drohende Angriffsvorbereitungen an der Grenze – Ein deutsches Ultimatum an Russland und Frankreich – Der Reichstag einberufen – Eine Ansprache des Kaisers – Ausfuhrverbote für Deutschland – Die Bank von England erhöht den Diskont von 4 auf 8 Prozent.“ Die Leipziger Neuesten Nachrichten veröffentlichen allerhand Bekanntmachungen – und auch einen Artikel über die „Fortschritte der modernen Kriegschirurgie“.

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