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Leipzig im Jahr 1914: Liebesdrama im Westen, Knatsch um Marienbrunn

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    Eine unheimliche Situation am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Immer wieder suchen Leipziger den Freitod. Als wenn sie ahnten, was da kommen würde. Die SPD beschwert sich über die Gemeinheiten in der Gartenstadt Marienbrunn, in Schönefeld wird protestiert und die Leipziger Buchdruckerei hat die Zeichen der Zeit erkannt.

    Die Leipziger Buchdruckerei empfiehlt Anfang Juli das Buch „Der treue Kamerad“. Ein „Wegweiser durch das Kasernenleben“ für 70 Pfg.

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    Knatsch um Marienbrunn. Laut Ratsvorlage sollen für den zweiten Bauabschnitt der 1913 errichteten Gartenvorstadt Marienbrunn städtische Baugelder bewilligt werden. Aber vorher, so fordert die SPD, soll überprüft werden, „inwieweit die Gartenvorstadt Marienbrunn den Hoffnungen, die man auf die Gründung der Gartenstadt gesetzt hatte gerecht geworden ist.“ An der Finanzierung des ersten Bauabschnitts hatte die Stadtratsfraktion der SPD nämlich einen großen Anteil – „insofern, als diese der Hergabe des Bodens in Erbpacht nebst der 1. Hypothek nur unter der Voraussetzung zustimmte, dass die Gartenvorstadt, die ursprünglich nur Ein- und Zweifamilienhäuser für die „unbemittelte Intelligenz“ bauen wollte, in erster Linie den Kleinwohnungsbau als ihre Aufgabe betrachten sollte. Der Arbeiterschaft, die wohl am allerärgsten unter der Wohnungsnot zu leiden hat, sollte hier ein gesundes und von der Willkür der Hausbesitzer erlöstes Wohnen geschaffen werden“, liest es sich im Parteiorgan.

    So wurde aus dem Gebiet ein Mischwohngebiet und bevor nun der zweite Bauabschnitt mit städtischen Geldern angegangen werden soll, hakt die SPD lieber noch mal nach. „Im April wurden fertiggestellt: 48 Einfamilienhäuser, 14 Zweifamilienhäuser und 10 Mehrfamilienhäuser. Die Mietpreise dieser Kleinwohnungen steigen von 600 bis 1500 M, sind also Mietpreise, die ein Arbeiter nicht zu leisten vermag. 62 Wohnungen können demnach nicht als zur Förderung des Kleinwohnungsbaus angesehen werden.“ Doch auch der Preis für die 77 restlichen Wohnungen ist mit 350 bis 550 Mark für damalige Verhältnisse vergleichsweise hoch anzusehen. Erst recht bei der Wohnungsgröße.

    „Der Mietpreis einer Wohnung, enthaltend Stube, Kammer, Küche, Bad, Innenklosett und Zubehör beträgt 350 bis 400 M. Die Räume sind derart klein, dass in einer solchen Wohnung eine drei- höchstens vierköpfige Familie gerade noch untergebracht werden kann, ohne gesundheitlich Schaden zu nehmen.“ Eine Wohnung mit zwei Kammern kostet 425 bis 500 M. Im Vergleich mit den Mietpreisen der Einfamilienhäuser nicht zu erklären, verfügt doch ein solches Haus über sechs Räume, Boden und Keller, „elektrisches Licht, Gas, Zentralheizung, eigenes Wachhaus und einen Garten von ungefähr 150 bis 200 qm.“ Der Vorwurf: Die Baugesellschaft hat den Kleinwohnungsbau wörtlich genommen, um Arbeiter fernzuhalten. „Daß das der Gartenstadt geglückt ist, zeigt ein Blick ins Adressbuch: von wirklichen, der Arbeiterklasse angehörenden Mietern sind nur ganz wenige in Marienbrunn zu finden. Arbeiter, die nach dem Bau doch einzogen, erlebten zudem eine Überraschung: In einem Wohnraum fehlte ein Ofen.“

    Auf Beschwerden teilte die Baugesellschaft nüchtern mit: Wer einen Ofen will, muss 5 M mehr pro Jahr zahlen. Außerdem erhielten Mieter nach wenigen Wochen „plötzlich eine Pauschalwasserzinsrechnung in Höhe von 15 M pro Jahr“. Ein Vertragstrick. „In den Mietverträgen befindet sich ein Satz, dass nur der tatsächliche Wasserverbrauch zu bezahlen sei, wer jedoch mit der oben geschilderten Entstehung der Gartenstadt Marienbrunn vertraut ist, weiß, dass sich dieser Paragraph des Vertrags nur auf die Einfamilienhäuser beziehen sollte.“ Müßig zu erwähnen, dass Gärten in der Gartenstadt nicht zu den Mehrfamilienhäusern gehören, sondern noch extra bezahlt werden sollten – für 18 bis 20 M mehr Miete. Doch nach „energischem Protest der Kleinwohnungsmieter fühlte sich die ?Gartenstadt‘-verwaltung bewogen, jedem Mieter ein Stück Garten in der Größe von 25 Quadratmetern zur Verfügung zu stellen.“ Ein halbes Kilo Butter kostet im Jahr des Kriegsausbruchs übrigens 1,56 Mark.

    Zum 1. April 1914 gibt es in Marienbrunn 135 Haushalte mit insgesamt 532 Bewohnern. Im Juli fährt von der BUGRA eine Miniatureisenbahn zum Vorzeigeviertel. Der zweite Bauabschnitt wird beschlossen, fällt aber schließlich infolge des späteren Kriegsausbruchs aus und wird nach dem Ersten Weltkrieg nachgeholt.

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    Die Wohnungsnot ist in Leipzig nicht erst seit 1914 ein dominierendes Stadtthema. Der Wohnungsleerstand lag zwischen 1907 und 1913 deutlich unter zwei Prozent. 1914 stehen in Leipzig 3.224 Wohnungen leer (2,13 Prozent) – von 151.622. Wer eine Wohnung sucht, läuft sich die Hacken wund. Besonders beliebt sind Wohnungen mit drei beziehungsweise vier Wohnräumen. Interessanterweise stehen vor allem Wohnungen mit einer Monatsmiete von bis 500 Mark leer, also nicht die teuren. Heute liegt der Leerstand bei 3 bis 4 Prozent, vor allem weil viele leerstehende Wohnungen dem Markt gar nicht zur Verfügung stehen. In Schleußig ist eine neue Wohnung mittlerweile wie ein Sechser im Lotto.

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    Liebestragödie in der Westvorstadt. In einem Hotel erdrosselt „ein Reisender aus Magdeburg, mit Namen Lüderitz“ seine Geliebte und versucht sich dann selbst zu erschießen. „Die Patrone versagte jedoch und der Mann saß nun fast sechs Stunden neben der Leiche seiner Geliebten, ohne irgendetwas Weiteres zu unternehmen.“ Wenig später wird das Hotel von Angehörigen informiert, die Abschiedsbriefe gefunden haben. Als ein Angestellter nach dem rechten sehen will, fällt ein weiterer Schuss. Der Geliebte hat sich an die Schläfe geschossen. Eine Jalousieschnur hatte er um den Hals. Vor der Polizei betonte er ausdrücklich, er habe seine Geliebte auf deren eigenen Wunsch erdrosselt. „Die Tat wird ihren Beweggrund in unglücklicher Liebe haben. In dem Zimmer des Paares fand man noch mehrere Zettel mit Abschiedsworten der jungen Leute.“

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    Dazu aus den Polizeinachrichten des 8. Juli ein exemplarischer Abriss: „Selbstmordversuch: Um sich das Leben zu nehmen, sprang gestern Abend in der Eutritzscher Straße ein 18-jähriges Dienstmädchen aus einem 1. Stockwerk gelegenen Fenster in den Hof hinab. Es erlitt durch den Sturz eine Quetschung und Verstauchung des Beckens und des linken Fußgelenks. Es musste ins Krankenhaus gebracht werden.

    Als Leiche geborgen: Gestern Morgen wurde am Ufer der Pleiße, in der Nähe der Raschwitzer Brücke, der Hut eines jungen Mädchens gefunden. Ein Fischergehilfe suchte den Flusslauf ab und fand auch in der zehnten Stunde die Leiche eines jungen Mädchens, das vermutlich am Abend vorher freiwillig in den Tod gegangen ist. Die Tote ist blond, 20 bis 25 Jahre alt, und wahrscheinlich Dienstmädchen gewesen. Es trug am rechten Handgelenk einen Verband. Die Leiche wurde vorläufig nach der Anatomie gebracht.

    Selbstmord: Selbstmord durch Erhängen beging gestern in einer Niederlage in der Johannisallee ein Handelsmann. Missliche Vermögensverhältnisse dürften der Beweggrund gewesen sein.“

    1914 wählen 212 Menschen den Freitod. Im Jahr 2010 sind es gerade mal 66. Warum die Zahl 1914 so hoch war, lässt sich nachträglich schwer sagen. Fakt ist: Sie steigt nach dem 1. Weltkrieg schnell an und erreicht ihren Höchststand wenig überraschend 1945 mit 407 Selbstmorden.

    Für die öffentliche Berichterstattung scheint es keine Richtlinie zu geben, wie bei Berichten über Selbsttötungen verfahren wird. Erst seit 1997 findet sich im Pressekodex des Presserats eine Richtlinie zum Umgang mit Selbsttötungen, die „Zurückhaltung“ bei der Berichterstattung einfordert. Die Richtlinie geht auf Forschungen zurück, die einen deutlichen Zusammenhang zwischen Berichterstattungen über Selbstmorde und einer steigenden Selbstmordrate zeigen. Der sogenannte „Werther-Effekt“ wurde erstmals 1974 benannt.

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    In Schönefeld findet am 7. Juli die angekündigte Protestversammlung statt. Die LVZ berichtet: „Wohl an die 1000 Einwohner waren im Sächsischen Hofe versammelt, um gegen jede weitere Verschleppung der Einverleibung zu protestieren.“ Gemeindevorstand Dr. Böhme forderte die baldige Einverleibung. „Natürlich und wirtschaftlich eng mit Leipzig verbunden, sei die Einverleibungsfrage bei der Unzulänglichkeit seiner öffentlichen Einrichtungen und der übermäßigen Anspannung seiner Steuerkräfte für Schönefeld eine Lebensfrage.“ 1915 ist es für Schönefeld schließlich soweit. Mit der zweiten Eingemeindungswelle in der Geschichte der Stadt Leipzig wird auch Mockau dem Stadtgebiet zugeordnet. Uns so gewohnte Stadtteile Großzschocher-Windorf, Leutzsch, Wahren und Paunsdorf kommen gar erst 1922 dazu.

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    Arbeiterunfall in Eilenburg. Beim Bedienen der Walzen in der Deutschen Zelluloidfabrik quetscht sich „Arbeiter Willi Göttsching aus Plönitz bei Taucha gebürtig“ beide Hände ein. „Hierbei wurden ihm die Finger der beiden Hände bis auf die Daumen abgequetscht.“

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    In Länge berichtet die LVZ am 9. Juli wieder aus dem Stadtparlament, selbst wenn auch bei nachsichtiger Beurteilung nicht gesagt werden kann, „dass Qualitätsarbeit geleistet worden wäre.“ Unter anderem wird über den Bebauungsplan für die Lindenauer Wiesen gestritten, der keine Billigung erfuhr. Es wurde der Vorschlag gemacht, diese überhaupt nicht zu bebauen, sondern in einen Park umzuwandeln. Die Zeitung kommentiert süffisant: „Vizevorsteher Schnautz hielt eine so vernünftige Rede, wie wir noch keine von ihm gehört haben. Er machte besonders auf den gesundheitlichen Wert aufmerksam, den die Erhaltung für Wiesen für Leipzig hat. Sie seien das Luftreservoir zwischen dem industriereichen Westen mit seinen 80.000 Bewohnern und der Stadt.“ Zudem fliegen die Fetzten, als es um die Zerstückelung des Palmengartens zu Gunsten des Ruderclubs Sturmvogel und des ersten Sportclubs geht. „Als sich die in die Enge getriebenen Begünstigen der bürgerlichen Sportvereine mit sachlichen Argumenten nicht mehr zu helfen wussten, operierten sie mit der unwahren Behauptung von den sozialdemokratischen Turnvereinen. Unsere Genossen Kressin, Wildung und Pollender deckten sie so zu, dass es ihnen künftig vergehen wird, mit solch unwahren Behauptungen zu hantieren.“ Die Vorlage wurde trotzdem angenommen.

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    So etwas gab es früher nicht? Am 9. Juli berichtet die Polizei: „Ein unsittlicher Mensch: Am Dienstagabend gegen ½ 7 Uhr hat sich ein unbekannter Mensch in einem Abort eines Grundstücks der Lützowstraße an einem 5-jährigen Mädchen vergangen. Der Bursche soll sich den ganzen Nachmittag über in der Lützowstraße herumgetrieben haben.“

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