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Leipzig im Jahr 1914: Rekordflieger in Leipzig-Lindenthal, neue Öffnungszeiten beim Friseur, Peitschen für Bengel

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    Die Schulferien beginnen. Zeit für ausgiebige Besuche im Freibad. Aber Vorsicht: Langfinger sind unterwegs. Heinrich Oelerich versucht derweil, mit seinem Flugzeug die Wolken vom Himmel zu holen. Der Weltbund zur Bekämpfung des Verbrechertums wird gegründet und die Königliche Amthauptmannschaft Leipzig verpflichtet die Totenbettmeistersche Ehefrau Alwine Emilie Herfurth als Leichenfrau.

    So etwas gab’s früher nicht?: „Jugendliche Diebe im Bade. Am Sonnabend überraschten Badegäste in einem offenen Flußbade der Südvorstadt zwei Schulknaben, die die Kleidungsstücke der Badenden nach Wertsachen durchsuchten. Die beiden Knaben, der eine 11, der andere 8 Jahre alt, am Südplatz wohnhaft, hatten bereits ein Portemonnaie mit 2 Mark Inhalt und ein Taschenmesser erlangt.“ Flussbäder waren im Leipzig von 1914 keine Seltenheit. Das Connewitzer Flussbad war eines von vier, was an der Pleiße lag. Auf Geschlechtertrennung wurde zumindest bis 1915 genau geachtet.

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    Am Freitagnachmittag nach Dresden fliegen? Die Hapag bietet einen Ausnahmepreis für Hin- und Rückflug für die Luftschiff-Verbindung von Leipzig nach Dresden. 100 M soll es kosten.

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    Augen auf: Die Barbier- und Friseur-Innung zu Leipzig legt die Öffnungszeiten der Mitglieder neu fest. Werktags, außer samstags, haben diese nun zwischen 7 Uhr morgens und halb 9 Uhr abends offen, samstags sogar bis 10 Uhr. An Sonntagen von 7 bis halb 12 Uhr. Bei der Innungsversammlung waren immerhin 300 Mitglieder anwesend. Wo ist die Gewerkschaft, wenn man sie mal braucht?

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    Am 14. Juli gewittert es in Leipzig. Und zwar heftig. „Ein Platzregen setzte ein, wie wir ihn lange nicht gesehen haben. Außer von denen, die gerade unterwegs waren, wurde die zu manchen Zeiten gar zu häufig auftretende Erscheinung begrüßt wie ein Wunder. „…Mancher Schlag war so heftig, dass selbst sonst Angstfreien bänglich zu Mute ward.“ Nach einer Stunde war das Gewitter wieder vorbei, ohne dauerhaften Effekt „Es war genauso schwül wie zuvor.“ Unter der Rubrik „Aus der Umgebung“ vermelden die Leipziger Neueste Nachrichten: „Bei dem am Dienstagnachmittag niedergegangenen schweren Gewitter schlug der Blitz in den Schornstein im Gasthof zum Trompeter, ohne jedoch zu zünden. Die Esse wurde beschädigt und das Dach durchschlagen. Ein Blitz zerschmetterte ferner einen Akazienbaum in der Wilhelm-Michel-Straße 2.“

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    Das Jahr 1914 ist im Jahresmittel das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen 1884. Durchschnittlich kletterte die blaue Säule auf 9,8 Grad Celsius, nur 1911 war es mit 10,5 Grad Celsius wärmer. Damit bewegt sich das Jahr im sicheren Mittelfeld der Durchschnittstemperaturen.

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    Das Kgl. Amtsgericht Leipzig gibt bekannt: Der Verein Weltbund zur Bekämpfung des Verbrechertums (eingetragener Verein) mit dem Sitze in Leipzig-Möckern ist unter Nr. 495 in das Vereinsregister eingetragen worden.

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    Verpflichtungen. „Im Monat Juni 1914 sind seitens der Kgl. Amtshauptmannschaft Leipzig verpflichtet worden: Rittergutspächter Paul Richard Döring als stellvertretender Gutsvorsteher des selbstständigen Gutsbezirkes Rüben; […]Maria Schneider als Hebamme für den Hebammenbezirk Großzschocher-Windorf; die Totenbettmeistersche Ehefrau Alwine Emilie Herfurth, geborene Ritter in Liebertwolkwitz als Leichenfrau für den Leichenfrauenbezirk Liebertwolkwitz […].“ Die Bewerbungsfrist ist mittlerweile verstrichen, den Gutsbezirk Rüben gibt es seit 1955 nicht mehr. Die Braunkohle.

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    Der 15. Juli bedeutet Ferienbeginn für die Leipziger Schüler. Jene, die höhere Schulen besuchen, haben bis zum 18. August frei. Die anderen nur bis zum 15. August. Dann begann aber kein neues Schuljahr. Bis 1941 war Schuljahresstart zu Ostern.

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    Rekordjagd unter dem Eindruck des Nationalitätenstreits: Der Leipziger Flieger Oelerich stellt am 14. Juli einen neuen Weltrekord auf. Auf dem Flughafen Leipzig-Lindenthal steigt seine Maschine morgens dreiviertel 4 Uhr auf einem normalen Militärdoppeldecker mit 100 PS auf und erreicht eine Höhe von 7500 Meter – in zwei Stunden. Zwei Barometer zeigen übereinstimmend die genannte Höhe an und werden am Physikalischen Institut der Universität Leipzig noch einmal überprüft. Oelerich bricht damit den alten Rekord von Linnekogel von 6570 Metern, der nicht mal eine Woche zuvor in Berlin-Johannisthal aufgestellt worden war. Heinrich Oelerich ist Chefpilot der Deutschen Flugzeugwerke zu Leipzig-Lindenthal. Die LNN jubiliert: „Wir erleben also dass für unser Vaterland so besonders erfreuliche Schauspiel, dass der von Frankreich bisher so besonders hartnäckig in Anspruch genommene ‚Weltrekord der Höhe‘ die deutschen Flieger nicht nur, vermutlich für längere Zeit, erobert haben, sondern sich selbst sogar in dieser Leistung überbieten. Oelerich hatte „die Liebenswürdigkeit“ einem Mitglied der Sportredaktion der LNN Rede und Antwort zu stehen und berichtete von einem „eigenartigen Schwächegefühl“ auf 6000 Metern Höhe. „Ich hatte die Sache gründlich satt. Ich wollte wieder runter.“ Doch dann kamen zahlreiche Böen, möglicherweise Gewitterreste und schickten Oelerich noch weiter nach oben. „Mir war’s da oben nicht ganz geheuer“, gab der Chefpilot freimütig zu. Immerhin: Oelerich war erstmals in einem Flugzeug angeschnallt. Zur Erholung vom Rekord mussten 12 Zigaretten herhalten. „Wasser, Kaffee, Kognak schmeckte mir nicht nach meinem Flug.“

    Am 19. Juli wird das Physikalische Institut feststellen, dass Oelerich sogar auf 8150 Meter geklettert ist. 1918 stürzt der Rekordpilot bei einem Erprobungsflug ab und bleibt zeitlebens gelähmt. Nach dem Ersten Weltkrieg betreibt er eine Werkstatt in Leipzig, im Zweiten Weltkrieg wird seine Werkstatt zerstört. Oelerich, ein „Pionier des Motorflugs“ (Der Spiegel 1979) zieht nach Freising und stirbt dort 1953.

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    Wohnungsdiebstahl: In Schönefeld steigen Diebe durch ein offenstehendes Fenster in eine Parterre-Wohnung in der Lazarusstraße ein. Ihre Beute: 1 neuer Herrenanzug, eine goldene Uhr mit 3 Sprungdeckeln, Frauenkleidungsstücke und Wäsche. Was sie wegen nahender Gefahr liegen ließen: Den Beutel mit Geld.

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    15. Juli: Der Leipziger Turnfestsieger Walter Funk von der Volkswohlturnerschaft Leipziger Schlachtfeldturngau holt sich im Zwölfkampf beim amerikanischen Turnfest in Chicago den ersten Platz.

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    Zeit für einen Blick auf die Anzeigenseiten der Leipziger Neuesten Nachrichten:

    Stellenanzeige: „Tüchtige, freundliche Verkäuferinnen für die nachstehend bezeichneten, groß angelegten Spezial-Abteilungen meines neuen Warenhauses zum Eintritt am 1. September oder später gesucht. Baumwollwaren, Taschentücher, Kleiderstoffe, Seidenstoffe, Seidenband, Festons, Damen-Wäsche, Korsetts, Damen- und Kinder-Putz, Damen- und Kinderkonfektion, Bijouterie. Ferner: Kassiererinnen, Kontrolleurinnen […] Offerten mit Angabe seitheriger Tätigkeit und Gehaltsansprüche mit Bild und Zeugnisabschriften an Theodor Althoff Personalbüro Leipzig“. Eine Karriere mit großen Chancen. Althoff wird 1920 von Rudolf Karstadt übernommen.

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    „Das beste Mittel zu einer geordneten Buchführung (und diese fast auf den ersten Blick zu erlernen) ist mein SKELETT der doppelten Buchführung und Bilanz“, wirbt eine Firma Kamprath aus der Kochstraße 58 und fügt alsdann die noch heute bekannten Empfehlungen angeblicher Nutzer an. „Mit einem gewissen Misstrauen habe ich das ?Skelett‘ bestellt, muss Ihnen aber nach genauer Prüfung derselben bestätigen, dass Ihre Angaben wirklich der Wahrheit entsprechen und man auf den ersten Blick lernt“, teilt beispielsweise ein gewisser „Sch.“ in dieser Anzeige mit. „Ich kann nicht unterlassen, Ihnen zu bemerken, dass ich mich schon viel mit Buchführungsarbeiten beschäftigte, aber mir noch nie, weder praktisch noch in Büchern, eine so vorzügliche Art von Bilanzprüfung unter die Augen kam. Werde bei Gelegenheit nicht ermangeln, Bedürftige auf Ihre geschätzte Adresse aufmerksam zu machen. H.G.“ Der Erfolg des Produkts bleibt unbekannt.

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    Die „Pa. Junge“ verkauft dagegen „bis morgen 8 Uhr aus dem Stall“ im Stall gemästete Hammel und Mastschweine auf dem Rittergut Schönau bei Leipzig.

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    Die Gebrüder Hirschfeld locken mit einem großen Ausverkauf wegen Umbau. „Am Montag, den 20. Juli, wird mit unserem Umbau begonnen, deshalb Total-Räumung der gesamten Sommer- und Winter-Konfektion mit nochmaliger Preisherabsetzung teilweise bis auf die Hälfte der früheren Preise und noch mehr. Besichtigung ohne Kaufzwang. Beachten Sie unsere Preise in den Schaufenstern.“ Unter anderem werden weiße Kleider, weiße Blusen und weiße Frotté-Röcke in dem Modehaus für Damen und Kinder in der Petersstraße feilgeboten.

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    Die Firma Clemens Jäckel, „seit 56 Jahren am Markt, jetzt Nr. 13 in Stieglitzens Hof“ wirbt dagegen für „Echt silberne Freundschaftsarmreifen. Beliebtes Erinnerungs- und Vielliebchen-Geschenk in vielen entzückenden Mustern. 800 gestempelt von 1 Mark bis 4 Mark“.

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    Überraschender Freispruch am 15. Juli: Kutscher W. wird vom Gericht freigesprochen. Doch was war passiert? „Als am 15. Mai der Kutscher mit einem Mörtelgeschirr von der Beethovenstraße her über den Peterssteinweg in die Härtelstraße einfahren wollte, bemerkte er zwei Knaben auf der Fahrbahn. Er machte mit der Peitsche eine Abwehrbewegung. Dabei ereignete es sich, dass sich die Peitschenschnur um einen der Knaben wickelte, der dann zu Fall kam, worauf ihm das Geschirr über beide Beine ging. Glücklicherweise wurde der Junge nicht allzuschwer verletzt, so dass er jetzt bald wieder hergestellt ist.“ Das Gericht fand W. nicht der Körperverletzung schuldig. Die Bengels waren aus Sicht des Gerichts sicher selbst schuld.

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