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Leipzig im Jahr 1914: Wer hat den schönsten Balkon?

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    Die Zeitgenossen wissen es nicht, dass es noch zehn Tage bis Kriegsbeginn sind. Dass der Verkehrsverein den schönsten Balkon sucht, ist für sie deshalb nicht außergewöhnlich. Im Amtsgericht wird noch mal durchgewischt, der sächsische König meldet sich aus Südtirol und in Leipzig herrscht Vollbeschäftigung.

    Noch einmal feucht durchwischen vor dem großen Sturm. Die LNN meldet am 21. Juli 1914: „Scheuerzeit im Amtsgericht: Die gründliche Reinigung der Geschäftsräume des Kgl. Amtsgerichtes Leipzig, Peterssteinweg 2/8 wird in der Zeit vom 26. August bis 12. September, die der Geschäftsräume des Geschäftshauses Johannisgasse 9 in der Zeit vom 8. bis 15. August vorgenommen werden.“

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    Was zeigt man Gästen der Stadt im Jahr 1914? Nachdem schon 50 amerikanische Apotheker kürzlich nach Leipzig gekommen sind, werden nun auch „eine Anzahl Lehrer und Lehrerinnen verschiedener gewerblicher und Fortbildungsschulen der Vereinigten Staaten von Amerika“ in Leipzig erwartet. Ihr Hauptinteresse liegt in einem Besuch der Bugra. Außerdem hat ein eigens gegründeter Ortsausschuss auch einen Besuch des Völkerschlachtdenkmals, den Besuch der Firma Weber, der Handelshochschule und der Hochschule für Frauen in Aussicht genommen.“

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    Wohnen in der Landhaus- und Gartenkolonie Neu-Wiederitzsch? 25 Wohnungen mit großen Gärten, Wasserleitung, Gas, elektrischem Licht, Bad für 300 bis 650 M, 15 Landhäuser und Areal von 300 bis 1000 qm sind schon fertig. „Verbindung mit dem Zentrum der Stadt vom Zentralbahnhof 40 Züge tägl. (Fahrzeit 10 Minuten), Elektrische Bahn No. 3 wird bis Wiederitzsch verlängert.“

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    Währenddessen wird in der Altstadt umgebaut. Die Gebäude Petersstraße 30 und Peterskirchhof Nummer 5 werden abgebrochen. Das Areal soll mit zum großen Stenzlerschen Neubau hinzugezogen werden, der noch heute an der Petersstraße steht.

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    Ehrenmitgliedschaft: Oberbürgermeister Dr. Dittrich und Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Karl Rothe wird am 22. Juli durch den Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft, dem geheimen Sanitätsrat, Dr. Ferdinand Goetz, die Ehrenurkunde der Deutschen Turnerschaft überreicht. Die Urkunden sind der Dank für die treue Arbeit „für ihre der deutschen Turnsache im Turnfestjahre 1913 geleistete treue Arbeit.“ Das XII. Deutsche Turnfest war im Rahmen der Feierlichkeiten zu 100 Jahre Völkerschlacht nach Leipzig vergeben und stand unter dem Motto: „Vaterland, nur Dir!“, 62.000 Turner kamen nach Leipzig. Abgesehen vom 1. Arbeiterturnfest 1923 war es das letzte gesamtdeutsche Turnfest in der Messestadt für fast 90 Jahre (2002). Übrigens: Das Turnfest 1918 sollte in Stuttgart stattfinden und fiel kriegsbedingt aus.

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    Die Lage des Juni-Arbeitsmarktes in Sachsen: „Die Vermittlungstätigkeit der öffentlichen gemeinnützigen Arbeitsnachweise im Königreich Sachsen im Juni 1914 weist, im ganzen betrachtet, gegenüber dem Vormonat, einen Rückgang auf. Die Zahl der männlichen Stellensuchenden hat zwar eine Zunahme von 6074 im Mai auf 6480 im Juni erfahren, ebenso ist, allerdings nicht ganz in dem gleichen Verhältnis, die Zahl der offenen Stellen von 4824 auf 5152 gestiegen.“ In Leipzig kommen auf 100 offene Stellen 118,8 männliche Stellensuchende und 102,6 weibliche Stellensuchende. „Bei allen großstädtischen Arbeitsnachweisen ist Ueberangebot an ungelernten Arbeitskräften.“ Trotzdem herrscht quasi Vollbeschäftigung.

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    Und doch geht es nicht allen gut: Die Zahl der dauerhaft von der offenen Armenpflege Unterstützten erreicht 1914 ein deutliches Hoch. 7.208 Personen, darunter 1.358 Ehepaare mit Kind werden von der öffentlichen Armenpflege unterstützt. Doch warum?

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    Zur wirtschaftlichen Lage generell: Die Gewerbezählung am 1. Mai 1914 gibt uns ein klares Bild über die Beschäftigung in Leipzig. Demnach existieren unter anderem 1.190 Betriebe in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie, 886 Gastwirtschaften und 384 Betriebe der Maschinenindustrie. Zum Vergleich: Am 31.12.2010 existieren allein 2.226 Gastgewerbe in der Messestadt.

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    Der Verkehrsverein Leipzig kürt den schönsten Balkon: „Da in diesem Jahr eine besonders große Anzahl von Preisen zur Verfügung steht (Plaketten, Kunstgegenstände, Palmen, Hyazinthenzwiebeln…), so dürfte dies ein Ansporn sein, vermehrte Sorgfalt auf das Gedeihen der Pflanzen zu verwenden, um diese bis zum Herbst in schönem Flor zu erhalten.“

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    Tod in den Sommerferien, man achte auf die Umschreibung des Todes. „Wie aus den Familiennachrichten unseres Blattes ersichtlich, verstarb in Krummhübel, wo er seine Ferien zu verbringen gedachte, auf einem Spaziergang der Realgymnasiallehrer Friedrich Rudolf Hermann Zille, wissenschaftlicher Lehrer an der 4. städtischen Realschule mit Realgymnasium in Leipzig-Lindenau. Der so früh, im Alter von 36 Jahren, mitten aus rührigem Schaffen heraus Abberufene erfreute sich infolge seiner ausgezeichneten Charaktereigenschaften allgemeiner Beliebtheit und ob seiner hohen Fähigkeiten als Wissenschaftler und seiner Tüchtigkeit als Pädagoge der besonderen Wertschätzung seiner Berufskollegen.“

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    Besondere Post: Am 25. Juli schreibt der sächsische König Friedrich August nach Leipzig. „Von einer herrlichen Tour auf den Schwarzenstein zurück, schicke ich meinen lieben Leipzigern einen herzlichen Gruß von der ihrer Sektion gehörigen Hütte und hoffe, dass mein Beispiel die für alles Schöne begeisterten Leipziger noch mehr begeistern wird. Friedrich August.“ Der König ist zurzeit im Urlaub in Sand in Taufers (Südtirol). Die Hütte auf 2.922 Metern Höhe wird nach dem 1. Weltkrieg vom italienischen Staat enteignet, existiert aber noch heute als sogenannte Schwarzensteinhütte oder Rifugio Vittorio Veneto.

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