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Leipzig im Juli 1914: Simsalabim in Connewitz, Militärmusik im Felsenkeller

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    In der Biedermannstraße gibt eine Frau 200 Goldmark, damit das Reißen in den Armen endlich aufhört. Für das Geld hätte sie über 300 Mal zur Militärmusik in den Felsenkeller gehen können. Pegau wird Fußballmeister der zweiten Klasse.

    Im Leipzig des Jahres 1914 geht es richtig eng zu. 8.031 Einwohner teilen sich einen Quadratkilometer. Mit 624.845 Menschen erreicht die Stadt im Jahr des Kriegsausbruchs einen neuen Einwohnerhöchstwert, der ihr den vierten Platz unter den bevölkerungsreichsten Städten Deutschlands einbringt und kriegsbedingt erst 1925 überboten wird. Zwischen 1891 und 1910 lag der Saldo aus Geburten und Sterbefällen konstant über 30.000 Menschen.

    Selbst als Leipzig im Jahr 1930 mit 718.200 Menschen die höchste Einwohnerzahl seiner bisherigen Geschichte verzeichnet, ist die Bevölkerungsdichte nicht so hoch wie im Sommer 1914, als Leipzig fast viermal kleiner als heute war und sich über 100.000 Menschen mehr in der Stadt tummelten. Ortsteile wie Leutzsch, Schönefeld, Mockau, Großschocher gehörten noch nicht dazu, ein einwohnerstarker Stadtteil wie Grünau schoss erst zwischen 1976 und 1987 aus dem Feld. Heute kann es sich der Leipziger auf einem Quadratkilometer gemütlich machen. Er muss ihn im Durchschnitt nur mit rund 1.800 Menschen teilen, bei derzeit 541.368 Einwohnern.

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    Sensationelle Naivität, die die LVZ am geistigen Fortschritt im Jahre 1914 zweifeln lässt. „Daß es im 20. Jahrhundert noch möglich ist, mitten in der Großstadt einem Menschen über 200 Mark durch „Gesundbeten“ und „Vergraben von Gold“ zu entlocken klingt fast unglaublich“. Eine Heilkünstlerin legte so eine Frau „in den Vierziger Jahren“ in der Biedermannstraße rein. Heften wir uns an die Fersen des Redakteurs: „Die Schwindlerin bot der im Laden befindlichen Ehefrau des Geschäftsinhabers Fichtelnadelseife, das Stück zu 1 Mark, zum Kaufe an. Als sie merkte, daß ihr die Frau nichts abkaufen wollte, fragte sie diese plötzlich, ob sie nicht krank sei, sie sähe es ihr an. Die Geschäftsinhaberin erwiderte, dass sie das Reißen in den Armen habe. Darauf meinte die Unbekannte, sie habe ein gutes Mittel hiergegen, das sie von einem Schäfer erfahren habe und das sicher helfe. Sie verlangte einen Zwirnfaden, den sie unter verschiedenen Gebeten verknüpfte und in Papier wickelte. Dabei erklärte die „Heilkünstlerin“, daß sie dieses Paket mit dem für ihre „Bemühungen“ erhaltenen Dreimarkstück hinter dem Friedhof vergraben werde. Dann würde das Reißen für immer verschwinden.

    Die Unbekannte ging nun mit dem Päckchen fort, kam aber wieder und verlangte Gold, da das zum Heilerfolg eigentlich unumgänglich notwendig sei. Die Frau des Geschäftsinhabers gab ihr 40 Mark in Gold. Die Unbekannte wickelte die Münzen in das Papier, „besprach“ das Reißen wieder unter allerhand Gebeten und entfernte sich. Fünf Minuten später erschien sie jedoch schon wieder und fragte ihre Kundin, ob sie nicht noch mehr Gold habe. Je mehr Gold sie habe, umso sicherer sei der Erfolg. Die Frau gab ihr in ihrer Einfalt anstandslos noch weitere 160 Mark in Gold, das die Unbekannte mit einigen Haaren der Patientin, mehreren im Hof abgeschnittenen Baumsplittern, dem übrigen Golde und einem ihr gehörigen Rosenkranze in ein Taschentuch packte. Sie „besprach“ nochmals das Reißen, meinte, Geld wollte sie für ihre Bemühungen vorläufig nicht nehmen und verabschiedete sich schließlich mit dem Versprechen, in vier Wochen wiederzukommen.“

    Als die Frau das Geschäft verlassen hatte, wird der „Patientin“ doch etwas mulmig. Sie läuft zum Connewitzer Friedhof, trifft die Heilerin – Überraschung – dort nicht an. Sie soll 40 bis 45 Jahre alt und 170 cm groß gewesen sein. Sie hatte ein „volles gesundfarbiges Gesicht, schlechte Zähne, schwarzes an der Seite gescheiteltes Haar“. Also falls jemand im Familienstammbaum eine derartige Person findet …

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    In der Papiermühle in Stötteritz, zu erreichen mit der Roten Elektrischen 2, 6, 7 oder 9 findet am Sonntag, 5. Juli, der Große Elite-Ball statt. „Feiner Verkehr, neueste Tänze“ heißt es in der Anzeige.

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    In der Nacht zum 5. Juli kommt es in der Comeniusstraße zum Streit. Ein Fleischergeselle wird im Verlaufe eines Streits von Männern mit einem Spazierstocke attackiert. Die mehrmaligen Treffer am Kopf sorgen für eine 20 Zentimeter lange Wunde. Die Täter fliehen.

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    Harsche Kritik an den bürgerlichen Stadtverordneten. Der Rat der Stadt Leipzig war an die Stadtverordnetenversammlung mit der Empfehlung herangetreten, eine Mädchenfortbildungsschule einzurichten. Die bürgerlichen Vertreter des Gremiums beschlossen, Dienstmädchen und Haustöchtern den Zugang zu dieser Schule zu verwehren. Die LVZ kommentierte: „Fest steht die Tatsache, dass die Mehrheit der bürgerlichen Vertreter der Handel- und Universitätsstadt Leipzig sich in dieser wichtigen Schulfrage rückständiger zeigte als die Gemeindeverwaltungen von Dörfern in der Oberlausitz, dem finstersten Winkel Sachsens.“ Der Rat der Stadt hat dem Beschluss zugestimmt, die Bedenken erst einmal zurückgestellt.

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    Breitseite in der Leipziger Presselandschaft: „Die Leipziger Neuesten Nachrichten haben sich im Kalender geirrt. Es ist zwar schon sehr heiß, aber sind wir nicht in den Hundstagen, wo die bürgerliche Presse aus Mangel an sonstigem Stoff noch mehr Lügen als in der kühleren Jahreszeit bringen darf“, so die LVZ, die im übrigen nach dem Zweiten Weltkrieg das Verlagsgebäude der LNN übernehmen wird. 1914 ist es mit einer Auflage von über 100.000 die meistgelesene Tageszeitung in Mitteldeutschland.

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    Pegau I gewinnt das Fußball-Meisterschaftsspiel in der 2. Klasse gegen Leutzsch I mit 10:0.

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    Der Ortsverein Möckern lädt für den 9. Juli, abends 9 Uhr zur Frauen-Versammlung. Tagesordnung: Sozialistische Kindererziehung im Hause. Sonntag, 12. Juli, ist dann Kinder-Fest auf der Ochsenwiese. Der Festzug startet „Punkt 2 Uhr am Goldnen Löwen“ Ebenfalls am Donnerstag, abends 8 Uhr, findet im „Palais de Danse – Felsenkeller“ das „I. Extra-Militär-Massenkonzert“ statt. An den Instrumenten: Die 153 Infanterie, 77er Artillerie, 12er Train, Tambour- und Hornistenzug vom 108. Infanterie-Regiment. Geboten wird ein „Schlachtenpotpourri 1870/71 von Saro und ein Riesen-Prachtfeuerwerk. Nach dem Konzert findet der Große Sommernachts-Ball statt. „Entree 60 Pfg. Im Vorverkauf und im Etablissement selbst 50 Pfg.“

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