Auch nach Leipzig gehört ein Stolperstein für Gustav Brecher!

Für alle LeserVor der Hamburger Staatsoper liegt schon einer seit 2007. – Im Mai 1940, vor 80 Jahren also, soll sich im fernen belgischen Ostende der einst erfolgreiche und um die Leipziger Oper so verdienstvolle Generalmusikdirektor Gustav Brecher gemeinsam mit seiner Frau Gertrud (Tochter des AEG-Vorstandsvorsitzenden Felix Deutsch) aus Furcht vor den Nazis (beide waren Juden) das Leben genommen haben.
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Vorbei längst die Zeit, als Gustav Brecher, nur wenige Wochen vor seinem 19. Geburtstag, zum ersten Male ein Konzert dirigiert. Es war das 6. des Liszt-Vereins in der ersten Dezemberwoche des Jahres 1897. Ein Jahr zuvor hat hier bereits Richard Strauss Brechers frühe Tondichtung „Rosmersholm“ (nach Ibsen) in der Albert-Halle aufgeführt.

Da ist Brecher noch Schüler des Nikolai-Gymnasiums in Leipzig. Als er das Liszt-Konzert dirigiert, studiert er bereits am Leipziger Konservatorium und Richard Strauss hat gerade im selben Jahr in München und Berlin seine Sinfonische Phantasie „Aus unserer Zeit“ uraufgeführt.

Ein Musikreferent der LVZ v. 09.12.1897 findet lobende Worte über das Dirigat: „Das letzte Lisztvereinskonzert erhielt dadurch ein erhöhtes Interesse, daß der junge vielversprechende Leipziger Tonkünstler Gustav Brecher zum erstenmal, und zwar sei gleich vermerkt, mit gutem Erfolg als Orchesterdirigent vor die Oeffentlichkeit trat. … So viel aber hat das Konzert in jedem Falle bewiesen, daß Herr Brecher das Zeug zu einem sehr tüchtigen Orchesterdirigenten hat. Er dirigierte mit einer Ruhe, als ob er schon jahrelang ein Orchester leitete. Seine Bewegungen und Zeichen sind plastisch und präcis, wenn er darin im jugendlichen Eifer auch noch etwas zu viel thut. Man sieht, daß die Kompositionen, die er zu Gehör bringt, in ihm leben.“

Ein paar Tage später, am 15.12.1897, meldet sich zum selben Auftritt eine überaus gehässige Gegenstimme, die den Künstler bis nach seiner „Beurlaubung“ am 11. März 1933 noch begleiten wird. Der Judenhasser und gegen alles „Undeutsche“ polemisierende Alfred Heuß schreibt in der „Neuen Zeitschrift für Musik“: „ … den verzwicktesten Firlefanz zu spielen unter der Leitung eines Gymnasiasten, der bei aller Intelligenz doch kaum über das Abc der Dirigierkunst hinausgekommen, war in der That eine starke Zumuthung, die man hoffentlich an die so wie so schon genug geplagten Capellisten ein zweites Mal nicht stellt.

Wem kann überhaupt mit der Herausstellung eines zwar frühreifen aber noch sehr entwicklungsbedürftigen Talentes wie das des Herrn Gust. Brecher gedient sein? Der Kunst gewiß nicht, denn sie haßt solche Experimente und begnügt sich nur mit dem Vorzüglichen aus Meisterhand: was über des jungen Mannes symphonische Dichtung ‚Rosmersholm‘ nach der guten wie bedenklichen Seite zu halten ist, braucht nicht nochmals betont zu werden; keinesfalls verdienen solche grünen Erstlinge die Ehre einer Wiederholung in einem Lisztvereinsconcert; es giebt doch wohl noch höhere Aufgaben zu lösen: unser Publikum nahm zwar den sog. Dirigenten und sein entsetzlich langes Opus sehr ehrenvoll auf, aber man weiß ja, unter welchen Einflüssen es bei solchen Anlässen steht; freilich regte sich auch die Opposition, als die Comödie mit dem Anrücken der üblichen Riesenlorbeerkränze den Gipfel erreichte. …“

Auch das „Musikalische Wochenblatt“ meldet sich zu Wort. In der dem Ereignis folgenden Ausgabe am 16.12.1897 wird bemerkt, dass zu den „von den Gründern des Vereins aufgestellten Zwecken“ die „Förderung junger Talente ohne Zweifel zählt. Hr. Brecher hat sich dieser ihm gewordenen Unterstützung in hohem Grade würdig bewiesen, indem er ebenso wie mit der eigenen Composition mit den Strauss’schen Werken sich auf’s Intimste vertraut und in der Dirigentenkunst eine für einen Debutanten geradezu erstaunliche Sicherheit und Bestimmtheit, verbunden mit temperamentvoller Auffassung, zeigte, sodass die bedeutend verstärkte tapfere Capelle des 134. Infanterie-Regiments zu Leistungen geführt wurde, wie sie sie nicht immer besser unter der Leitung berühmter Dirigenten dargeboten hat. …“

Wenige Tage vor seiner Ernennung zum Generalmusikdirektor der Leipziger Oper dirigiert Gustav Brecher im Neuen Theater Richard Wagners „Lohengrin“ am 26. Oktober 1923. Gleich die einführenden Worte der LVZ-Rezension sprechen für sich: „Als Dirigent des ‚Lohengrin‘ rief sich den Leipzigern wieder einmal Gustav Brecher ins Gedächtnis. Seine musikalischen Anfänge fallen in seine Leipziger Schülerzeit. Richard Strauß führte in der Alberthalle seine erste sinfonische Dichtung ‚Rosmersholm‘ auf. Gustav Brecher ist im Laufe der Zeit ein tüchtiger, ein erstklassiger Dirigent geworden. Daß er ein musikdramatisches Werk aufzubauen und zu steigern, daß er seinen Willen dem Orchester und den Sängern mitzuteilen vermag, das bewies diese Vorstellung.“

Noch mehr verdientes Lob in der LVZ erntet Gustav Brecher nach der Aufführung von Wagners „Das Rheingold“ am 28. November 1923: „Richard Wagners ‚Rheingold‘, jahrelang in musikalischer und dramatischer Hinsicht vernachlässigt, ging in wahrhaft neuer Einstudierung von großem Erfolge begleitet über unsere Opernbühne. Diese Neugestaltung war unserm ersten Kapellmeister, Generalmusikdirektor Brecher, zu danken, in dem Leipzig seit Knappertsbuschs kurzem Wirken endlich wieder einen Wagnerdirigenten großen Stils gewonnen hat.

Er meistert das Wagnersche Pathos in einer Weise, daß es seinen alten, bedeutenden Zauber aufs neue ausübt; er gibt dem ganzen den enormen dramatischen Pulsschlag, den feinen thematischen Beziehungen und leitmotivischen Verästelungen das intensive und reiche seelische Leben, die Bedeutung und die Klarheit zurück; er stellt endlich wieder die richtigen Zeitmaße her und verschleppt weder, noch huscht er über wichtige Stellen der Partitur hinweg, sie gleichsam summarisch behandelnd.…“

1929 rezensiert der LVZ-Musikreferent Heinrich Wiegand die Wagnersche „Rienzi“-Aufführung v. 24. März 1929: „Am Neuen Theater wird es einem auch noch leicht gemacht, den Opernliebhabern den Besuch des jugendlichen Spektakelstückes eines gigantisch Besessenen zu empfehlen. Denn die Aufführung ist in jeder Beziehung exakt und glänzend, ist aufs gründlichste einstudiert und wird mit Lebendigkeit dargeboten. Gustav Brecher leitet sie am Pult mit starkem Temperament, führt den Riesenapparat zu wuchtigen Steigerungen, wird den Feinheiten wie den Brutalitäten gerecht und nützt jede Nuancierungsmöglichkeit aus. Er macht mit Elan große Oper und mit Inbrunst Musikdrama, ganz wie Wagner, dem damit nach dem innersten Herzen seines Rienzi am besten gedient ist. Brechers erhebliche Kürzungen, die, wie ich glaube, keinen Akt verschonen, ersparten uns besonders im dritten Akt einige schlechte Meyerbeeriaden.“

1931, am 27. September, wird die „Götterdämmerung“ in einer neuen Einstudierung geboten: Heinrich Wiegend: „Die mit großem Beifall bedankte, ausverkaufte Aufführung bestand in Ehren. Das Leipziger Orchester klang herrlich, es scheint seiner Zusammensetzung nach wie vor geschaffen für viele prunkende Musik. Und Gustav Brecher führte dieses Orchester so, daß die Sänger Solisten im Sinfonischen waren, er bereitete auf weite Strecken die Höhepunkte vor, wog die Spannungen ab, hatte für die Explosionen mitreißendes dramatisches Temperament, für die lyrischen Episoden wohltuende Ruhe. Es ist fast alles gleichmäßig gelungen, sogar die meistens ermüdende Alberichszene war ein Muster belebter Gestaltung.“

Dann der Abbruch, das Schändliche.

Ein letztes Mal steht GMD Gustav Brecher am Dirigentenpult der Leipziger Oper am 4. März 1933. Er dirigiert Kurt Weills Oper „Der Silbersee – Ein Wintermärchen“. Tobende Nazis bereiten der Vorstellung ein vorzeitiges Ende.

Damit nicht genug. In der Aprilausgabe 1933 der „Zeitschrift für Musik“ gibt Alfred Heuß dem Gustav Brecher seinen letzten publizistischen Tritt: „Das Schicksal reitet nun endlich schnell: GMD Gustav Brecher ist wenige Tage nach der großen Wahlschlacht beurlaubt worden und kehrt natürlich nicht wieder. Damit liegt eine Periode Leipziger Operngeschichte, etwa von 1923 an, hinter uns. Wir können gerecht und zugleich kurz sein. Den künstlerisch wundesten Punkt in seiner Leitung hat Brecher seit sechs Jahren auf Grund unsrer Angriffe aufs Erträglichste abgestellt: das betraf seine geradezu unmöglichen, vor allem zu langsamen Tempi in bekanntesten Meisterwerken.

Anfangs allen Uraufführungen abhold, ließ er sich auf den Sumpfboden der, bezeichnen wir es so, marxistischen modernen Oper locken, bewerkstelligte den Scheinerfolg mit ‚Jonny‘, um dann mit ‚Mahagoni‘ die entscheidende Niederlage dieser ganzen Gattung zu erleben. Mit beidem, Scheinsieg und endgültiger Niederlage dieser Oper, ist also Leipzig durch Brecher aufs engste verknüpft. Seine Instinkte waren indessen derart in Verwirrung geraten, daß er noch in letzter Zeit, beinahe mit dem Wagner-Jubiläum verknüpft, eine Uraufführung im Alten Theater, Firma Georg Kaiser und Weill (‚Der Silbersee‘, Märchenstück) wagte, und das brach ihm vollends den Hals. Denn mit all dem, sei’s ein bißchen besser oder schlechter, will das neue Deutschland nichts mehr zu tun haben.

Der dritte, sehr wunde Punkt bei Brecher war sein Zeit und Nerven verbrauchendes Einstudieren, eine denkbar ‚kostspielige‘ Angelegenheit, die auch die trüben, empörenden Verhältnisse mit dem Gewandhaus heraufbeschwören. Daß nicht schon lange Abhilfe geschaffen wurde, d. h. Brecher verabschiedet wurde, liegt an der ‚Gustav Adolf‘-Presse, ferner am Orchester, das zu keiner einmütigen Aktion zu bringen war, drittens an beiden Oberbürgermeistern, sowohl Herrn Rothe wie Herrn Goerdeler. Man kämpfte also gegen Windmühlen, überließ Leipzig seinem denkbar verdienten Schicksal, auf das neue Deutschland mit seinen ungebrochenen Kräften wartend.

Und das kam endlich, dann gleich so plötzlich und mit so wunderbarem Ansturm, daß man all die Brecher-Köpfe aus dem Wackeln nicht herausgekommen sind und die Sprache noch nicht gefunden haben. Und so können denn wenigstens wir Herrn Brecher in seinen ‚Urlaub‘ zurufen, daß er sein Amt als solches mit großer Pflichttreue verwaltet hat, seine Aufführungen musikalisch peinlich vorbereitet waren. Aber wie umständlich und teuer erkauft! Dazu die fortwährenden Ungerechtigkeiten gegen das künstlerische Personal! Um gleich bei der Oper zu bleiben, seien die bisherigen Wagner-Festvorstellungen – bis ‚Lohengrin‘– erwähnt.

Begonnen wurde mit ‚Rienzi‘ – ahnungslos hat hier Brecher zum letztenmal an einer Wagner-Vorstellung sein so kurioses Dirigentenstäblein gehandhabt –, dann folgte der ‚Holländer’ mit Bockelmann und Schillings, der vorzüglich dirigiert haben soll, seine Scharte als Festredner danach einigermaßen ausgewetzt hat, weiterhin die beiden Dresdner Werke. ‚Tannhäuser‘ stand unter Knappertsbusch, der sich hier vor 15 Jahren seine ersten, auffallenden Lorbeeren gepflückt hatte, sich aber erst in die veränderte Akustik – das von Brecher höchst unwagnerisch erhöhte Orchester – einleben mußte, um die Klangstärke richtig beurteilen zu können; es gab aber, auch wegen der Gegnerschaft zu Brecher, einen vollsten Triumph. Dr. Schüler, der neue Operndirektor, hatte sowohl in diesem Werk wie im ‚Lohengrin’ mit den ärgsten Absurditäten – u. a. hatten wir einen Lohengrin ohne Schwan – aufgeräumt, es bleibt aber noch viel zu tun.“ – Alfred Heuß hatte nicht mehr viel von seinem Dritten Reich. Er starb bereits im Juli 1934.

***

Gewohnt hat Generalmusikdirektor Gustav Brecher übrigens in der Kaiserin-Augusta-Straße 23. Das ist die heutige Richard-Lehmann-Straße. Wobei ein Stolperstein auch vor dem Opernhaus denkbar wäre, an dessen Stelle damals das Neue Theater stand, Brechers Arbeitsstelle als Generalmusikdirektor.

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