Deutschland ist ein armes Land. Es versteckt seine Armut nur mit allen Mitteln und macht die Armgemachten dann gern zum „Problemfall“ auch in Leipzig. Seit drei Jahren wartet man nun zwar auf eine kluge Vorgehensweise im „Bahnhofsviertel“. Aber mehr als neue Sanktionen und Kriminalisierungen hat auch die Leipziger „Sicherheitspartnerschaft“ nicht auf die Beine gestellt. So gesehen setzt gerade die Deutsche Bahn mit einer Ausstellung ein anderes Zeichen.

Dort weiß man zumindest, dass Bahnhöfe nicht nur Konsumtempel sind, wo die heilige Kuh Kommerz gebauchmiezelt werden muss und private Wachdienste dafür sorgen, dass keiner herumlümmelt. Sie sind auch Andockpunkte für Menschen, die anderswo keine Bleibe haben, die manchmal ein kurzzeitiges Dach überm Kopf suchen oder andere Betroffene treffen. Und die ihre persönlichen Probleme haben – vom Ärger daheim bis zur Rauschgiftsucht, für die sie Geld sammeln. Ohne gut organisierte Sozialarbeit geht es hier nicht.

Aber gerade die rabiaten Abwehrmaßnahmen, die diese Menschen nur als Problem sehen und sie schnellstmöglich aus dem öffentlichen Bild verbringen wollen, sorgen dafür, dass gar nichts gelöst wird, dass sich Konfrontationen aufschaukeln und die Betroffenen in der Regel mit ihren Problemen allein gelassen werden. Und das betrifft auch wohnungslose Kinder und Jugendliche.

Darum geht es in der Ausstellung, die einigen dieser jungen Menschen jetzt ein Gesicht und eine Geschichte gibt.

Wanderausstellung "entkoppelt" der Deutsche Bahn Stiftung: die Porträtierte Ronja vor ihrer Tafel. Foto: Deutsche Bahn Stiftung / EVENTPRESS Sascha Radke
Wanderausstellung „entkoppelt“ der Deutsche Bahn Stiftung: die Porträtierte Ronja vor ihrer Tafel. Foto: Deutsche Bahn Stiftung / EVENTPRESS Sascha Radke

In Deutschland sind tausende Jugendliche wohnungslos und wachsen auf der Straße auf – ohne Eltern, ohne Schule oder Job. Die Deutsche Bahn Stiftung gibt diesen Menschen mit ihrer Wanderausstellung „entkoppelt“ jetzt eine Stimme und ein Gesicht. Junge Menschen berichten aus eigener Erfahrung vom Leben auf der Straße. Wann sie an den Punkt kamen, es alleine schaffen zu wollen. Wie sie die Kraft dazu fanden. Wo sie sich Hilfe organisierten. Wie sie sich neue Chancen erarbeiten. Wovon sie träumen.

Bis mindestens Sommer 2019 ist die Schau an zahlreichen deutschen Bahnhöfen zu sehen. So jetzt auch im Leipziger Hauptbahnhof. Hier macht die Ausstellung mit zwanzig beeindruckenden Foto-Porträts vom 2. bis 10. März halt. Zu sehen ist sie in Leipzig im Erdgeschoss des Hauptbahnhofes, im großen Atrium der Längsbahnsteighalle, beim Treppenaufgang/-abgang zum City-Tunnel.

Initiiert durch die Deutsche Bahn Stiftung haben der Fotograf Mauricio Bustamante und die Autorin Annabel Trautwein im vergangenen Sommer zahlreiche Jugendliche besucht und begleitet. So entstanden die eindrucksvollen Porträts der jungen Menschen. Die Ausstellung wird von Claudia Rösler von der Deutsche Bahn Stiftung kuratiert.

entkoppelt. Foto: Deutsche Bahn Stiftung / EVENTPRESS Sascha Radke
entkoppelt. Foto: Deutsche Bahn Stiftung / EVENTPRESS Sascha Radke

Mauricio Bustamante lebt in Hamburg und arbeitet weltweit als freier Fotojournalist und Dokumentarfotograf. Er bildet soziale Themen wie Armut und Ausgrenzung ab und zeigt sie von ihrer menschlichen Seite. Als freier Fotograf arbeitet er für verschiedene Medien, etwa für den SPIEGEL, DIE ZEIT, 11 FREUNDE und das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt.

Annabel Trautwein lebt und arbeitet in Hamburg als freie Journalistin für sozialpolitische Themen. Sie interessiert sich für Menschen am Rande der Gesellschaft und sucht Lösungen für ein faires Zusammenleben. Sie hat Kultur- und Religionswissenschaft, Geschichte und Soziologie in Bremen und Avignon studiert. Sie schreibt u. a. für DIE ZEIT und das Straßenmagazin Hinz&Kunzt.

Nachdem „entkoppelt“ im November 2018 von Dr. Richard Lutz, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bahn und Beiratsvorsitzender der Deutsche Bahn Stiftung, im Berliner Hauptbahnhof eröffnet wurde, ist Leipzig nach zuletzt Stuttgart jetzt der fünfte Haltepunkt der Wanderausstellung 2019. Nach Leipzig wird die Ausstellung weiterreisen nach Dortmund, Dresden, Nürnberg und Mannheim. Auch dort wird sie in den Hauptbahnhöfen gezeigt.

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 64: Kopf hoch oder „Stell dir vor, die Zukunft ist jetzt“

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