Das Kunstkraftwerk zeigt im September die historische Boomtown Leipzig in einer Bilderflut

Für alle LeserDas Jahr der Industriekultur wurde ja von den Auswirkungen der Corona-Pandemie fast völlig aus der Wahrnehmung gepustet. Statt emsig alte Industriebauten zu besichtigen, sitzen die Sachsen im Homeoffice oder am Tagebausee. Aber so ganz abgehakt ist das Ganze noch nicht. Das Kunstkraftwerk in der Saalfelder Straße bereitet gerade seine nächste große Show vor. Und die widmet sich dem Leipzig der Boom-Zeit, jener Zeit, als die Stadt zur Industriemetropole wurde.

Ab Anfang September macht es „Boom!“ im Kunstkraftwerk Leipzig. Dann ist die neue Immersion „Boomtown“ für Besucherinnen und Besucher zu erleben. Die digitale 360 Grad-Videoshow setzt sich mit Leipzigs industrieller Geschichte zwischen 1840 und 1989 auseinander. Dort, wo heute das Herz der Leipziger Kreativwirtschaft schlägt, dampften noch bis vor drei Jahrzehnten die Fabrikschlote.

Die Immersion „Boomtown“ entstand mit Förderung der Stadt Leipzig und in Zusammenarbeit mit dem Stadtgeschichtlichen Museum und ist unser Beitrag zum „Sächsischen Jahr der Industriekultur 2020“.

„Boomtown“ ist zudem die erste eigene Produktion des Kunstkraftwerks zu einem historischen Leipziger Thema.

Die Immersion setzt sich gezielt mit Leipzigs industrieller Geschichte zwischen 1840 und 1989 auseinander. Leipzigs Westen war – und ist – seit mehr als 150 Jahren einem ständigen Wandel ausgesetzt und hat maßgeblich zum rasanten Erstarken der Stadt im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert beigetragen. Im Mittelpunkt von „Boomtown“ stehen folgerichtig die Stadtteile Lindenau, Plagwitz und Schleußig, deren Entwicklung von Dörfern vor der alten Stadtmauer hin zum städtischen Industriestandort anhand von authentischem Bild- und Filmmaterial gezeigt wird.

Immersion "Boomtown". Foto: Luca Migliore, Kunstkraftwerk Leipzig

Immersion „Boomtown“. Foto: Luca Migliore, Kunstkraftwerk Leipzig

Orte, die nun Heim für die Kreativwirtschaft, Freizeitwirtschaft oder gar für Familien und Kinder sind, waren vor nicht allzu langer Zeit noch erfüllt von Hitze, Lärm und Ruß. Die Wurzeln vieler aktueller Widersprüche sind in der 20-minütigen Videoshow zu sehen.

Die Besucherinnen und Besucher des Kunstkraftwerks können so nun die Transformation des Leipziger Westens durch die Augen von vier fiktiven zeitgenössischen Personen erleben:

Eine Anwohnerin und ein Unternehmer erinnern sich an die einsetzende Urbanisierung und Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sie veranschaulichen die Umgestaltung ihres Wohnortes und das geschäftliche Treiben vor der Haustür.

Entscheidend dafür waren die radikalen Maßnahmen Dr. Karl Heines zur Entwässerung und Regulierung der Flüsse Pleiße und Weiße Elster, seine Pläne zur Bebauung und dem Aufbau einer modernen Infrastruktur im Leipziger Westen. Unternehmer und Unternehmen wie Rudolf Sack, Mey & Edlich, Moritz Mädler, die Gebrüder Brehmer, Meier & Weichelt sowie die Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. dienen als bebilderte Beispiele für das geschäftliche Treiben.

Ein Arbeiter gewährt Einblicke in den von Klassenkampf und politischen Wirren geprägten Alltag vor dem Zweiten Weltkrieg, sei es bei der schweren körperlichen Arbeit in der Fabrik als auch nach Schichtende. In dem von Inflation, Weltwirtschaftskrise, hoher Arbeitslosigkeit und politischer Radikalisierung geprägten Jahrzehnt durchlebt er unsichere Zeiten. Leipzigs Westen war am Puls der Zeit, als Industriegemeinde und Arbeiterviertel, als Ort der sozialen Bewegungen und der politischen Kundgebungen, als Ausflugsziel und Freizeitoase.

Immersion "Boomtown". Foto: Luca Migliore, Kunstkraftwerk Leipzig

Immersion „Boomtown“. Foto: Luca Migliore, Kunstkraftwerk Leipzig

Den emanzipatorischen Wandel in der DDR und die neue Rolle der Frau im ostdeutschen Staat wird durch die Augen einer Kranführerin des VEB Kirow Leipzig gezeigt. Die tägliche Herausforderung der Vereinbarkeit von beruflicher Weiterentwicklung und Verantwortung als Mutter ist in der Immersion zu sehen.

Authentische Fotografien zeigen das Arbeitsleben in der DDR und rücken mit Schnappschüssen von Brigaden, Betriebssportgruppen, Betriebskindergarten auch soziokulturelle Aspekte in den Fokus.

„Wir können uns im doppelten Sinne freuen“, erklärt Projektleiter und KKW-Eigner Prof. Markus Löffler. „Mit Boomtown leisten wir einen sehr innovativen Beitrag zum sächsischen ,Jahr der Industriekultur‘. Zudem ist es die erste Immersion, die das Kunstkraftwerk für ein Thema mizt historischem Bezug in Eigenregie entwickelt und produziert hat.“

Die Zeitreise durch die Stadtgeschichte des Leipziger Westens wird von der italienischen Immersionskünstlerin Ginevra Napoleoni in Szene gesetzt und mit Musik des italienischen Komponisten Lorenzo Pagliei untermalt.

Napoleoni und ihr KU BA-Team von Digital Artists (Francesca Scarponi, Valerio Ciminelli) haben bereits mit der im Januar 2020 präsentierten Videoshow „Invisible Cities“ sowie im Jahr 2016 mit „Werk in Progress“ für großes Aufsehen bei Besuchern des Kunstkraftwerks als auch in den Fachmedien in und außerhalb Leipzigs gesorgt.

Die Künstler um Napoleoni konnten mit einer Vielzahl historischer Abbildungen, Karten und Plänen arbeiten. Auf dem Material sind u. a. Überschwemmungsgebiete, Kanalbauarbeiten und die Anschlüsse des Eisenbahnnetzes zu erkennen. Ausschnitte aus Original-Katalogen und Werbeanzeigen verdeutlichen die revolutionäre Entwicklung in Industrie und Handel um 1900.

Historische Postkarten, holen bekannte Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele wie den Felsenkeller, den Palmengarten oder Charlottenhof aus ihren Gründungsjahren ins Jetzt. Der Komponist Lorenzo Pagliei ließ sich von dem verwendeten historischen Bildmaterial von der Visualisierung inspirieren und arbeitete in die , wie zum Beispiel das Glockengeläut der Philippuskirche in Lindenau/Plagwitz, aus direkter Umgebung ein.

Für die wissenschaftliche Betreuung von „Boomtown“ ist Anne Dietrich, Promovendin der Universität Leipzig, zuständig. Sie betrieb umfangreiche Archivarbeiten und Quellenstudien, mehr als ein halbes Jahr hat sie für die Materialsichtung aufgewendet. So recherchierte sie unter anderem im Sächsischen Wirtschaftsarchiv, im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig und dem Leibniz Institut für Länderkunde. Mit dem gewonnen Material konnte es überhaupt erst zum gelungenen Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft für die immersive digitale Show kommen.

Ungewöhnlich für eine Immersion ist auch, dass die vier fiktiven Personen in der Show ihre eigenen Stimmen bekommen, um aus ihrem Alltag zu berichten. Sie erklären den Besucherinnen und Besuchern des KKW eingängig ihren Leipziger Westen – der nun unser Leipziger Westen geworden ist. Noch mehr über die Zeit, in der sie lebten, ihr Wirken und ihr Vermächtnis können die Besucher des Kunstkraftwerks Leipzig ab September 2020 im Rahmen eines virtuellen und verschiedener begleiteter Stadtrundgänge zu ausgewählten Relikten der Leipziger Industriekultur erfahren.

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