Wenn aus Klängen Bilder werden: Die neuen Jahresausstellungen im Kunstkraftwerk Leipzig präsentieren digitale Grenzüberschreitungen

„RELATIONS“ und „VISIBLE SOUND“ heißen die neuen Sonderausstellungen, die ab 28. März 2018 das aktuelle Immersionsprogramm „RENAISSANCE experience“ im Kunstkraftwerk Leipzig flankieren. Künstler aus den Niederlanden, Deutschland, Italien, Frankreich, Japan, Israel und Mexiko zeigen Werke zeitgenössischer internationaler medienbasierter Kunst, von der Fotografie, über die Videokunst bis hin zu interaktiven audiovisuellen Installationen.

Damit profiliert sich das Kunstkraftwerk erneut als Schauplatz der Verschmelzung verschiedenster Kunstgenres. Die vorgestellten Werke fordern Rezeptionsgewohnheiten heraus, in dem sie Bilder, Klänge und Haptik zu einer komplexen Inszenierung vereinen und sowohl das Hören als auch das Sehen und Fühlen ästhetisch ansprechen.

Haste Töne!

„VISIBLE SOUND“ widmet sich der Visualisierung von einzelnen Tönen bis hin zu komplexen Kompositionen und wagt zugleich das Experiment, auch interaktive künstlerische Ansätze zu präsentieren, die den Ausstellungsbesucher in die Lage versetzen, das zu hören was er sieht, und das zu sehen was er hört.

Wie zum Beispiel die Installation „Responsive Fabric“ von Joshua von Hofen und Nils Nahrwold (D, 2016), die ein scheinbar statisches Tuch zum Leben erweckt. Das Projekt ist eine experimentelle Auseinandersetzung mit dem Ziel haptische Reize in Klang und Bild zu übersetzen. Die Projektion auf dem Tuch lässt sich durch Hineindrücken manipulieren und steuern. Darüber hinaus werden durch die Berührung des Stoffes Klänge erzeugt, wodurch das Objekt zum Instrument wird. Je tiefer der Stoff eingedrückt wird, desto intensiver werden Klang- und Bilderfahrung.

Bild und Ton qualitativ gleichrangig und gleichzeitig auf einem hohen Niveau mit beiden Sinnen zu erfahren, war und ist seit den ersten musikalisch begleiteten Stummfilmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Wunsch ganzer Generationen von Kunstschaffenden. Die Laserskulptur „Snail Trail“ (2013) des Berliner Künstlers und Filmregisseurs Philipp Artus ist das zeitgenössische Spiegelbild der Serienbilder „The Horse in Motion“ des britischen Filmpioniers Eadweard Muybridge aus dem Jahre 1878. Artus lässt eine Laseranimation in einem Winkel von 360 Grad auf eine Säule projizieren, so dass der Besucher gezwungener Maßen um die Säule herumlaufen muss, um den Verlauf der Schnecke zu folgen.

Porcu Sandro. Warhol. Foto: Angelina Perke

Foto: Angelina Perke

Die Projektionsfläche besteht aus einem phosphoreszierenden Material, das eine nachglühende Spur erzeugt, die langsam ausbleicht. Aus einem raffinierten Mix aus Farbe, Licht und Ton komponiert Philipp Artus in „Snail Trail“ ein meisterliches Werk. Das Thema der Evolution gibt zwar den gedanklichen Leitfaden vor, doch ansonsten ist der Zuschauer aufgefordert, zu eigenen Interpretationen, Gedanken und Schlüssen zu kommen. Und diese bleiben nicht aus, denn ganz von selbst gerät man in den Fluss des phosphoreszierenden Lichts der digitalen Animation und der Soundkulisse, die sofort zu verschiedenen Assoziationen führt. Wenn die Schnecke am Ende des Films wieder da ist, wo sie begonnen hat, könnte man aufgeben. Oder einfach zu einer neuen Runde ansetzen. Wie im Leben eben. Ein originelles Animationsexperiment, das begeistert und inspiriert.

Inspirationen

„RELATIONS“ verhandelt Beziehungen und forscht u. a. nach den Ursprüngen des Betrachtungsgegenstandes. Mit dieser Ausstellung wird ein künstlerischer Bogen zwischen der Renaissance und der Gegenwart gespannt. Die Installation „The Thinker“ von Sandro Porcu (I/D, 2008-2016) verweist auf die Skulptur „Der Denker“ des Bildhauers Auguste Rodin, welcher wiederum nach eigener Aussage seine stärksten künstlerischen Eindrücke durch die Werke von Michelangelo erhalten hat.

Eine andere Art der Beziehung erfährt der Besucher in der Interaktion mit dem Werk „Redundant Assembly“ von Rafael Lozano-Hemmer (MEX, 2015). Ein Arrangement aus mehreren Kameras komponiert mit Hilfe der Gesichtserkennung ein Echtzeit-Porträt des Besuchers. Das Ergebnis ist furchteinflößend und losgelöst von den Gesetzen der Symmetrie und der Tiefenwahrnehmung des binokularen Sehens. Stehen mehrere Besucher vor dem Werk, entsteht ein zusammengesetztes „Selfie“ aus verschiedenen Gesichtszügen.

„Es geht in beiden Ausstellungen um die Schnittstellen zwischen Kunstproduktion, Technik und Wissenschaft“, sagt der Kurator des Kunstkraftwerks, Christian Gracza. „Dank der rasanten Entwicklung der digitalen Medien verschmelzen Bild und Ton auf höchstem Niveau, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität.“

Kurz und bündig
Relations / Visible Sound
Kurator: Christian Gracza
Laufzeit: 28. März 2018 bis 24. März 2019
Eintritt: 11,00 Euro /ermäßigt 8,50 Euro – Tageskarte für alle Ausstellungsbereiche
Ort: Kunstkraftwerk Leipzig, Saalfelder Straße 8b, 04179 Leipzig

Kunstkraftwerk Leipzig

Das heutige Kunstkraftwerk, im Jahr 1900 als Elektrizitätswerk für die Leipziger Straßenbahn erbaut und ca. drei Jahrzehnte bis zur Stilllegung 1992 als Heizkraftwerk genutzt, profiliert sich seit 2016 als europäischer Hotspot für New Media Art. 20 vielbeachtete Ausstellungen überzeugten seither 70.000 Besucher aus dem In- und Ausland. Schwerpunkt sind immersive Kunstprojekte, die in außergewöhnlicher Weise mit ihrer industriellen Umgebung korrespondieren, verschiedene Kunstformen und Technologien miteinander verknüpfen und zugleich die Interaktion zwischen Künstler, Kunstwerk und Betrachter herausfordern. Für raumgreifende Erlebnisse sorgt das größte Videoprojektionssystem Deutschlands.

www.kunstkraftwerk-leipzig.com

MelderKunstkraftwerk Leipzig
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Der RC Leipzig hofft auf Spendengelder. Foto: Jan Kaefer (Archiv)

Foto: Jan Kaefer (Archiv)

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