Aber das Leben geht weiter: Ein Film über Vertreibung und Mitgefühl im Lindenfels

"Mut zu machen, dass wir Zeichen gegen Willkür und Gewalt setzen können". Das ist für die in Berlin lebende Filmemacherin Karin Kaper die Botschaft ihres Filmes "Aber das Leben geht weiter". Es geht um die - authentische - Vertreibungsgeschichte der Familien Queißer und Zukowscy, die in einem Bauernhof bei Görlitz aufeinander treffen. Ein L-IZ-Interview.
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Frau Kaper, Heimat ist, wo man wiedererkannt wird. So der große Erzähler Siegfried Lenz in seinem Roman „Heimatmuseum“. Wie ist für Sie Heimat?

Als Tochter einer Vertriebenen teile ich wohl das Gefühl der Heimatlosigkeit mit vielen anderen Betroffenen. Ich bin zum Beispiel in Bremen geboren, dort aufgewachsen und habe das Abitur gemacht. Aber ich kann leider nicht behaupten, dass mein Herz nun besonders an Bremen hängen würde.

Vielleicht gehört zum Heimatgefühl auch ein Stück grenzenlosen Vertrauens in die Beständigkeit der Lebensumstände. Das ist sicher bei mir verloren gegangen. Viele Jahre wohne ich inzwischen in Berlin. Immer wieder bin ich auch längere Zeit im Ausland gewesen. Hier handelt es sich um Wahlheimaten, für die ich mich mit freiem Willen entschieden habe.

Ich beneide Menschen um ihr ungebrochenes Verhältnis zu ihren Geburtsorten, aber ein zu starres Festhalten an der „Scholle“ kann Menschen auch seelisch zerstören. Darum würde ich den Begriff Heimat gerne nicht so schicksalsschwer sehen. Sondern darauf verweisen, dass der Mensch auch mit dramatischen Umbrüchen in seinem Leben positiv umgehen kann und muss, wenn ihm nichts anderes übrig bleibt.

Das unverbitterte Hinnehmen des Unvermeidlichen, diese Kraft meiner Mutter zum Beispiel, ist für ein Überleben zwingend notwendig.

Lenzens Roman war auch deshalb außergewöhnlich, weil es die Themen Heimat und Vertreibung am masurischen Beispiel jenseits eines national bornierten Freund-Feind-Denkens erzählt. Sie erzählen in Ihrem Film „Aber das Leben geht weiter“ die Geschichte der Familien Queißer und Zukowscy aus einem Dorf in der Nähe der heutigen Doppelstadt Görlitz/ Zgorzelec. Wie kam es dazu?

Viele Jahre bin ich natürlich mit den Themen Flucht und Vertreibung schwanger gegangen, zumal auch mein Partner Dirk Szuszies Sohn eines aus Königsberg Vertriebenen ist. Dennoch habe ich mich lange gescheut, das Thema filmisch zu bearbeiten.

Ich bin in den siebziger Jahren politisiert worden, und da war das Thema Vertreibung absolut tabuisiert oder verpönt. Ich wollte auf keinen Fall politisch instrumentalisiert werden und mich vor keinen Karren welcher Couleur auch immer spannen lassen.
Was oder wer gab schließlich den Anstoß?

Den Anstoß zum Film gab entscheidend ein Besuch in Breslau. Ich war eingeladen vom Grotowski Institut, um unseren Film über das Living Theatre zu präsentieren. Meine Mutter – geborene Queißer – erfuhr davon und erzählte mir, dass dort Gabriela Matniszewska, die Enkelin von Edwarda Zukowska, leben würde. Ich kontaktierte Gabriela und auf einem langen Spaziergang auf dem jüdischen Friedhof in Breslau klärte sie mich auf über die Hintergründe der Familiengeschichte von Edwarda.

Mir wurde klar, dass ich nun den Ansatzpunkt gefunden hatte, um eine nicht einseitige und eindimensionale Geschichte, sondern eine komplexe und beide Seiten beleuchtende filmisch umzusetzen. Gabriela und ich wurden uns einig, unsere Familien auf diesem Wege näher zusammenzuführen.

Mit der Geschichte der Familie Queißer erzählen Sie einen Teil Ihrer eigenen Familiengeschichte. Was hat Sie am Schicksal der polnischen Familie Zukowscy am meisten beeindruckt?

Die Familie meiner Mutter führte schon über mehrere Generationen den Bauernhof in Niederlinde, 25 Kilometer entfernt von Görlitz. Im Sommer 1946 wurde sie endgültig von dort vertrieben, es verschlug sie in die Nähe von Bremen.

Die Familie Zukowski war in einem ehemaligen ostpolnischen Gebiet beheimatet, das heute zur Ukraine gehört. Sie wurde von der sowjetischen Armee 1940 deportiert und landete in dem sibirischen Gulag, in dem später auch Solschenizyn war.

Sie überlebte strengste Zwangsarbeit, dann erlebte sie eine unglaubliche Odyssee, die sie nach der Amnestie durch Stalin wegen des Angriffs der Deutschen auf die Sowjetunion bis nach Kirgistan führte. Zum Ende des Krieges hin diente die damals blutjunge Edwarda Zukowska noch in einer polnischen Einheit der sowjetischen Armee.

Was geschah mit Edwarda Zukowska nach Kriegsende?Ohne zu wissen warum, wurde sie schließlich im Sommer 1945 nach Niederschlesien in das Dorf Niederlinde abkommandiert und erhielt den Hof der Familie Queißer zugesprochen. Sie holte ihre Familie nach. Ein Jahr lang lebten Deutsche und Polen noch auf dem Hof zusammen.

Natürlich war das Verhältnis äußerst angespannt, aber die polnische Familie begegnete der deutschen mit Respekt und Verständnis. Diese Tatsache hat mich sehr bewegt und beeindruckt.

Ihr Film hatte im Mai 2011 auf dem Neissefilmfestival im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck Premiere. Ganz in der Nähe also von Niederlinde/ Platerówka, dem Dorf aus dem Film. Welche Aufnahme fand der Film auf dem Festival?

Die Weltpremiere dort war ein sehr schönes Erlebnis, nicht nur, weil die Vorführungen in Zittau und Görlitz die bestbesuchten des Festivals waren. Es war vor allem eine gemeinsame Zusammenkunft der gesamten deutschen und polnischen Familie.

Die Arbeit am und die gemeinsame Entscheidung für den Film hat die Freundschaft aller Beteiligten sehr gefördert. Wir fühlen uns sehr eng miteinander verbunden.

Welche Reaktionen erreichten Sie aus Niederlinde/ Platerówka?

Nach der Premiere des Films begann eine sehr erfolgreiche Kinoauswertung in ganz Deutschland, zudem fanden und finden immer noch viele Sonderveranstaltungen statt. In Polen wurde der Film bislang in Warschau und auf einem Filmfestival gezeigt.

Nun stehen Anfang Juni eine Filmtour und Vorführungen in Polen an, an denen meine Mutter Ilse Kaper, Gabriela Matniszewska und mein Partner Dirk Szuszies teilnehmen werden. In diesem Zusammenhang wird der Film auch in Luban, das ist die dem Dorf Platerówka nächstgelegene kleine Stadt, im Kulturhaus der Stadt gezeigt. Auf diesen Termin am 2. Juni freuen wir uns alle schon besonders.

Welche Botschaft verbinden Sie mit Ihrem Film?Der Film vermittelt trotz aller zugrundeliegenden historischen Grausamkeiten die Gewissheit, dass auch über alle Gräben hinweg Verständnis und Versöhnung möglich ist. Es gibt Menschen, die selbst unter widrigsten Umständen Mitgefühl für die Mitmenschen bewahren.

Unser Film konzentriert sich sehr stark auf diesen persönlichen Aspekt, um Mut zu machen, dass wir nicht nur Räder im Getriebe der Welt sind, sondern auch Zeichen gegen Willkür und Gewalt setzen können. Darum verzichten wir im Film auch auf jede Darstellung von Gewalt!

„Aber das Leben geht weiter. Flucht. Vertreibung. Heimatlos.“ Ein Kinodokumentarfilm von Karin Kaper und Dirk Szuszies. 104 Minuten, Originalformat Digibeta 16:9. Gefördert aus Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Warschau.

Zu sehen in der Schaubühne Lindenfels Leipzig-Lindenau (Karl-Heine-Straße 50) am Donnerstag, 24. Mai, 19 Uhr, sowie vom 25. bis 27. Mai, 18 Uhr, und 28. bis 30. Mai, 20 Uhr

www.karinkaper.com

www.schaubuehne.com


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