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Tanners Interview mit der Filmemacherin Alina Cyranek

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    Es sind die leisen Geschichten, die berühren. Gelangweilt vom Kinodauerfeuerwerk voller Special-Effects sehnt sich der Tanner nach Menschlichkeit. Diese Sehnsucht befriedigt seine gute Freundin Alina Cyranek mit ihren Filmen - zum Beispiel den Geschichten im neuen Werk "Ein Haufen Liebe". Es geht um Menschen. Es geht um Wertschätzung. Und es geht um die universelle, allumfassende Liebe. Doch lest selber.

    Hallo Alina, schön, Dich auch im neuen Jahr aktiv zu erleben. Du bist gerade mit der Crowdfunding-Kampagne zu Deinem neuen Filmprojekt „Ein Haufen Liebe“ beschäftigt. Ich habe den Trailer schon gesehen und war berührt. Wie kam es zu diesem Thema?

    Mit den Frauen habe ich bereits vor einigen Jahren einen Kurzfilm gedreht, „Szenen eines Abschieds“. Darin ging es um den Abschied vom Leben, aber auch um andere Abschiede, die man im Laufe des Lebens machen muss. So lernte ich die Frauen kennen und lieben. Sie sind einfach zu meinen Vorbildern geworden: mutig, lebensfroh, selbstbestimmt und humorvoll. Und das jenseits der Achtzig! Der Kurzfilm läuft immer noch gut auf Filmfestivals und hat sogar einige Preise gewonnen. Im Gespräch mit dem Publikum habe ich immer wieder festgestellt: Die Oma-Generation ist für viele – auch für mich – ein unbekanntes Terrain, was Gefühlswelten, Sehnsüchte und Ängste angeht. Diese Geschichten muss ich erzählen.

    Die portraitierten Frauen haben alle schon ein Leben geleistet, haben gekämpft und reflektiert. Was macht das Filmmachen zum Thema Liebe und Alter mit Dir ganz persönlich?

    Das, was die Frauen mit mir gemacht haben, kann ich gar nicht so einfach in Worte fassen… Sie machen mir Mut und nehmen mir die Angst vor dem Altern. Sie machten mir klar, dass Liebe kein Verfallsdatum hat und die Sehnsucht nach einem Gegenüber, der zuhört, berührt, einen als Mensch zu hundert Prozent akzeptiert, immer bleibt. Dass man jenseits der Siebzig nicht zu einem blutleeren alten Sack mutiert, der sich auf Volksmusik und Backen beschränkt. Partnerschaften im Alter funktionieren vielmehr als „Ich und Du. Und manchmal gibt es auch ein Wir“ – das hat meine eher romantische Vorstellung von der Liebe etwas infrage gestellt. Die Zeitläufe in den Geschichten der Frauen greifbar zu machen und ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie sehr sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat – darüber soll „Ein Haufen Liebe“ erzählen.

    Wie ist denn jetzt der zeitliche Ablauf bei der Produktion?

    Der Film befindet sich momentan in der Schnittphase. Die Cutterin Claudia Nagel arbeitet mit ganz vielen Zetteln, die wir immer wieder neu anordnen. Daraus wird sich noch der eine oder der andere Drehtag für mich ergeben. Später wird der Rohschnitt mit kleinen Animationssequenzen ergänzt, die Musik liefert MAMARO unter der Leitung von Martin Kohlstedt. Dann kommt die Farbkorrektur, Tonmischung, Untertitel … Am Ende hoffe ich natürlich, dass der Film es auf die große Leinwand schafft.

    Wofür konkret soll das beim Crowdfunding eingespielte Geld ausgegeben werden?

    Eben genau für die Fertigstellung des Films. Konkret: zusätzliche Drehtage, Schnitt, Animationen, Musik, Tonmischung usw. Alle Beteiligten haben sich bereit erklärt, ein Teil des Films zu sein. Unentgeltlich. Ich möchte jedoch jedem von ihnen wenigstens eine kleine Aufwandsentschädigung geben und ihnen auch so meine Wertschätzung zeigen. Denn um einen guten Film zu machen braucht es Kompetenz, einen starken Willen und viel – verdammt viel – Arbeitszeit. Somit bin ich dankbar für jede noch so kleine Unterstützung von eurer Seite!

    Es gibt ja auch immer Gegenwerte. Erzähl mal bitte, was Du Dir da ausklamüsert hast.

    Für eine Unterstützung gibt es wunderschöne Gegenleistungen: Keramiktassen, ein Rezept für die Schwarzwälder Kirschtorte, DVDs, Premierenkarten natürlich oder einen hochwertigen Fotodruck von Annelieses Händen, die selbst voller Geschichten sind.

    Wie ist die Arbeit mit den Frauen? Rein vom emotionalen Aspekt her. Es ist ja eher selten, dass sich Filmmenschen so intensiv mit Frauen reiferen Alters beschäftigen.

    Wenn ich die Frauen besuche, ist es immer ein bisschen wie nach Hause kommen. Es ist warm und gemütlich, und es gibt kein Thema, worüber wir nicht sprechen würden. Am tiefsten hat mich aber wohl Esthers Geschichte berührt. Als sie 14 Jahre alt war, verliebte sie sich in den 16-jährigen Wilhelm. Niemand wusste davon, ihre Gefühle waren innerlich fest verschlossen, aber das Liebesfeuer war entfacht. Kurz darauf zog Wilhelm in den Krieg. Sie schrieben sich Briefe, in denen sie sich ihre Liebe offenbarten und sich eine gemeinsame Zukunft ausmalten. Esthers vierter Brief an Wilhelm kam allerdings wieder zurück. Ungeöffnet. Wilhelm war vermisst und zwei Jahre später dann für tot erklärt worden. Sie hatten sich noch nicht einmal geküsst. Die durch ihre Briefe entstandene Verbundenheit war aber so stark, dass Esther sich noch viele Jahrzehnte nach seinem Tod in manchen Momenten umdrehte, weil sie ihn hinter sich zu spüren vermeinte. Das ist unglaublich, oder? Geliebt hat sie seitdem nicht mehr.

    Danke, liebe Alina, für Deine Antworten.

    Zum Crowdfunding
    http://www.visionbakery.com/ein-haufen-liebe

    Weitere Infos zum Film
    https://www.facebook.com/einhaufenliebe

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