Der Gose-Wanderweg: Völlig überarbeitet, 43 Kilometer, zwei Extra-Touren und ein Haufen Geschichte

Das Gästebuch wird kaum genutzt. Die Website zur Leipziger Gose ist ein stilles Fleckchen Natur. Etwas exotisch. So, wie die Gose und ihre Rolle in der neueren Leipziger Medienwelt. Gegen das allerorts beliebte Gekreisch kommt das obergärige Bier nicht an. Es verträgt sich nicht mit der Eventisierung der Stadt. Und so ist auch der Gose-Wanderweg eher etwas für Leute, die noch ihre eigenen Füße zum Laufen benutzen.
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Mit der Wiederentdeckung der Gose als Leipziger Bierspezialität hat sich auch der Gose-Wanderweg etabliert, der natürlich davon lebt, dass man in einigen Gaststätten unterwegs Gose bestellen kann und mit Döllnitz natürlich ein echtes Gosedorf an der Strecke liegt, wo es eine Gosestraße gibt und wo früher sogar drei Gosebrauereien arbeiteten.

Tilo Jänichen aus Borna, Günter Müller aus Döllnitz und ihre beiden Leipziger Mitstreiter Hans-Ullrich Schip und Mike Dietel haben jetzt das Wanderheft „Der Gose-Wanderweg“ nicht nur neu aufgelegt – immerhin ist es schon die 7. Auflage. Sie haben auch den Inhalt neu strukturiert. Zu jedem einzelnen Wanderabschnitt gibt es jetzt eine einseitige Karte und gegenüberliegend einen Text und Bilder, die erklären, was es an der Strecke zu entdecken gibt. Ein bisschen Geschichte dazu. Man wird wohl die heurigen Gosewanderer öfter im Grase am Deich sitzen sehen und in dem Heft lesen. Denn ein gut Teil des Weges führt natürlich auch über den Luppedeich, der nicht einmal ahnen lässt, dass die Gegend zwischen Leipzig und Halle uraltes Siedlungsland ist.

Möglicherweise bei Ptolemäus als Aregelia verzeichnet. Möglicherweise, wie es die Leipziger Namensforscher in den Wurzeln des Wortes Leipzig zu enträtseln glauben: das Land zwischen den Flüssen.

Der eigentliche Gosewanderweg führt von Leipzig nach Halle über 43 Kilometer. Wobei es für den Gosefreund sinnvoller ist, morgens mit dem Zug nach Halle zu fahren und dort von Kanena am Hufeisensee östlich von Halle die Tour Richtung Leipzig zu machen. Denn die Gosenschenke „Ohne Bedenken“ in Gohlis öffnet erst am Nachmittag, der Biergarten erst ab 12 Uhr. Da ist ein lustiges Wandervolk eigentlich schon längst unterwegs. Denn auch 43 Kilometer haben es in sich, wenn man unterwegs abschweift und einkehrt. In der Domholzschänke etwa, im Gasthof Zweimen oder in der „Grünen Aue“ in Burg Liebenau.Der Wanderführer verzeichnet akribisch, wo man Gose bekommt. Man muss nicht überall einkehren. Fürs Besaufen gibt es keine Wanderpunkte, für abgelaufene Stationen keine Wanderplakette. Es gibt nur was zu entdecken. Und jede Wandergruppe – allein sollte man ja nun wirklich nicht wandern – kann sich ihre Etappen einteilen nach Kraft, Laune und Wetter. Wer mag, kann auch auf dem Leipziger Marktplatz starten. Auch das ist nicht falsch. Hier gibt es gleich mehrere Gastwirtschaften, die diese Leipziger Spezialität anbieten.

Die – wie man weiß – nur eine Leipziger Spezialität wurde, weil der Alte Dessauer bei einem Leipzig-Besuch meinte, hier gäbe es kein ordentliches Bier. Was nur halb stimmt: In der Stadt selbst wurde nie ordentliches Bier gebraut. Es wurde immer importiert von den umliegenden Rittergütern. Und der Rat verdiente damit nicht unerhebliche Steuern, denn am Tor musste dafür Zoll gezahlt werden. Nur die Professoren der Universität hatten ein persönliches Import-Privileg.

Und deswegen schaffte auch der Alte Dessauer es nicht, in Leipzig eine Gose-Brauerei zu installieren. Auch er ließ das obergärige Bier aus seiner Brauerei importieren – bis nach Eutritzsch. Weiter kamen die Fuhren nicht – sonst hätten sie nämlich am Chausseehaus (heute nur noch eine LVB-Haltestelle) Zoll zahlen müssen. Deswegen entstanden die berühmten Gosekneipen alle im Dorf Eutritzsch, wo auch der Student Goethe seine ersten Erlebnisse mit diesem Bier gemacht haben soll. Eutritzsch kommt auf dem 2012er Gose-Wanderweg nicht mehr vor. Es gibt dort keine Gose-Schänke mehr.

Dafür gibt es in Gohlis jetzt zwei. Aber auch hier gilt wohl: Wer gerade erst in der Menckestraße losgewandert ist, dürfte hier noch keinen Durst haben. 5,1 Kilometer lang ist der erste Wegabschnitt. Er endet im Restaurant Waldaue auf dem Campingplatz am Auensee. Da hat man schon das Rosental durchwandert und den Luppedamm hat man auch schon kennen gelernt. Der Luppedamm begleitet die Wanderer auf den nächsten 6,3 Kilometern fast komplett. Erst am Domholz geht’s über die Brücke rüber zur Domholzschänke. Dort hat man dann die Wahl: Entweder wandert man den Gose-Wanderweg weiter nach Halle – oder man biegt auf eine Extra-Schleife ab, die „Bienitz-Runde“. Die führt über 12 Kilometer bis nach Dölzig und zum Bienitz, wo alte Hügelgräber daran erinnern, dass die Gegend auch vor 3.000 Jahren schon bewohnt war.Man kann die Runde als Tagesausflug auch extra laufen – man kehrt dann über Böhlitz-Ehrenberg und Leutzsch zurück, hat aber auch in Böhlitz-Ehrenberg an der „Grünen Aue“ die Möglichkeit, wieder auf den Luppedamm abzubiegen und damit auf den Gose-Wanderweg, der hinter der Domholzschänke auch identisch ist mit dem Jakobsweg. Man kann also durchaus auch Pilgern begegnen, mit denen man gemeinsam nach Kleinliebenau läuft. Wenn man von Gohlis aus stracks durchgelaufen ist, hat man hier knapp 14,4 Kilometer in den Beinen und bekommt dafür die Alte Luppe zu sehen, die ab hier noch so wildwüchsig durch die Aue mäandert, wie es die Flüsse im alten Leipziger Land bis vor 100 Jahren fast alle taten.

Von Kleinliebenau geht es 5,2 Kilometer nach Zweimen, von dort 6 Kilometer nach Wallendorf. Da ist man schon längst auf preußischer – pardon: sachsen-anhaltinischer Seite, auch wenn die Leute da drüben von Anhalter Seite sprechen würden. Man kommt an zwei großen Tagebauseen vorbei, von denen in Leipzig niemand spricht, weil sie jenseits der Grenze liegen: Raßnitzer See und Wallendorfer See. Von Wallendorf geht’s 3 Kilometer nach Burgliebenau – mit einem Abstecher nach Schloss Löpitz kann man noch einen Kilometer mehr draus machen. Klaro: Da gibt’s auch Gose. Denn das Getränk hat sich gemausert, hat sich von seiner einzigen Leipziger Zweckbestimmung zum Geheimtipp im gesamten Raum Leipzig, Halle, Merseburg entwickelt. Es gibt im Wanderführer auch ein paar neckische Worte zur einstigen Leipziger Oberherrschaft Merseburg. Aber was an den Worten wohl stimmt: Die neuerlichen Verwaltungsgrenzen haben den Leipzigern die Welt im Westen komplett vernagelt. Sie nehmen gar nicht mehr wahr, was dort an Reichtum zu bestaunen ist. Im nächsten Gose-Wanderheft ist dann wohl auch eine Route nach Merseburg mit drin.

Die originale Route führt von Burgliebenau ins Gosedorf Döllnitz (3 Kilometer), von dort 3,3 Kilometer nach Dieskau. Und nach weiteren 4,2 Kilometern ist man schon in Kanena am Ostrand von Halle.

Es gibt – zusätzlich zur professionellen Hauptroute von Leipzig nach Halle und der Bienitz-Runde – auch noch eine dritte Runde, die eigentlich nur ein Abstecher ist: die Tour aus der Leipziger Innenstadt über den Wildpark zum Cospudener See und dem Hafen Zöbigker. Da endet sie. Man kann Segelboote bestaunen. Und eine frische Brise weht einem so eine Ahnung um die Nase, dass Tilo Jänichen und seine Mitstreiter längst daran arbeiten, diese Schleife ins Neuseenland erst noch richtig auszubauen, so dass man in einem der nächsten Wanderhefte in Zwenkau herauskommt oder in Groitzsch. Noch mehr Landschaft. Noch mehr Geschichte.

Bestellen kann man das Heft im Shop auf www.leipziger-gose.com für 2,90 Euro. Auf der Seite findet man auch die Adressen all der Gaststätten, die mittlerweile wieder Gose im Ausschank haben. Für die Gelegenheiten, an denen das Wetter eine Wanderung verdirbt und man in geselliger Runde trotzdem irgendwo seine Gose mit Schuss trinken möchte.

www.leipziger-gose.com


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