„Komm und begleite uns, wenn du willst – in Bartoiletten oder zum kühlen See, zur #sonnenseitedeiner Fantasie. Lass deinen Body pulsieren, deine Sinne sich überschlagen, wenn du dein Begehren selbst begehrst und du dich verliebst“ – so lädt das aktuelle „Hot Topic!“-Heft seine Leser/-innen zum Schmökern ein.

Es geht um Lust, um Gleitgel und um (fast) alle Formen der Liebe und Erotik, die man sich vorstellen kann: Er mit ihm, sie mit ihr, sie mit ihm und ihr, alle zusammen, niemand und alles, was sich sonst noch in den Tiefen von Phantasie und Begehren abspielt.

„Mal in Welten eintauchen, die wir nicht kennen“

Eins möchte Hot Topic! nicht: Zum wiederholten Male von der heteronormativen Lust erzählen. Vielmehr soll es eine Plattform bieten für alle Facetten der Erotik.

„Sex und Erotik sind große Themen in der Gesellschaft, auch, wenn nicht alle gern darüber sprechen. Es gibt allerdings kaum Formate – in der Literatur – die eine gleichberechtigte Erotik zeigen, die nichtdiskriminierend und auf heterosexuelle Normen ausgelegt ist“, erzählt uns Cynthia Cornelius, die seit der zweiten Ausgabe festes Mitglied des Teams ist.

„Wir verstehen uns als nicht-normatives Format, das unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen lässt. Über dieses Selbstverständnis sind wir in der Redaktion viel im Gespräch.“

Begonnen hat das Projekt Hot Topic! im Kopf von Clemens Rothbauer, der schon lange Gefallen gefunden hatte am Kitsch-Design der 90er-Jahre-Groschenromane. Ein Dorn im Auge waren dem Grafikdesigner allerdings der immer wiederkehrende Sexismus, Rassismus und die heterosexuelle Eintönigkeit, welche in derartigen Heftchen verbreitet werden. Er holte Ruth-Maria Thomas ins Boot, die am Literaturinstitut studiert und weitere Kontakte mobilisierte, um diverse und nichtdiskriminierende Texte zu sammeln.

Schnell wurde daraus ein ganzes Magazin und mit Cynthia aus dem Duo eine feste Vierer-Redaktion, zu der auch noch Theresa Doß gehört, die sich um Vertrieb und Vermarktung kümmert. „Wir haben aber gemerkt, dass es trotz Unterstützung von außen immer noch zu viel Arbeit ist, die wir ja ehrenamtlich betreiben. Deshalb wird ab der vierten Ausgabe auch Nina Heller fester Bestandteil von Hot Topic! sein.“

Inzwischen ist die dritte Ausgabe des Hefts draußen, gespickt mit 15 Geschichten, die aus mehr als50 Einsendungen ausgewählt wurden. Zu finden ist Hot Topic! zum Beispiel in den alternativen Sexshops „Voegelei“ und „Fummelei“ in Leipzig, aber auch in Läden in Berlin und der Schweiz.

Große Dringlichkeit, leichter Zugang

Einen großen Anteil der Arbeit nehmen inhaltliche Diskussionen ein. „Wir wollen ein niedrigschwelliges Heft herausbringen, das von möglichst unterschiedlichen Personengruppen gelesen werden kann.“ Zusätzlich achtet das Team sprachlich darauf, keine Normen in den Texten vorzugeben, formuliert notfalls um und hat das Pronomen „man“ aus seinem Wortschatz gestrichen.

Oftmals wird lange über minimale sprachliche Details diskutiert. „Bisher konnten wir beobachten, dass sich der Großteil der Zusendungen auf ein bestimmtes Thema konzentriert. Jetzt bei der dritten Ausgabe haben wir beispielsweise außergewöhnlich viele lyrische Texte erhalten.“

Aber auch über die Illustrationen, die von wechselnden Künstler/-innen gestaltet werden, sollen unterschiedlichste Körperbilder und Lustdarstellungen abbilden. Die Illustrationen der letzten Ausgaben stammten von den Künstler/-innen Eva Gräbeldinger und Lina Ehrentraut. Für Cynthia ist klar: Es braucht weitere Medienformate, die das Thema aufgreifen.

Das LZ Titelblatt vom Monat Juli 2022. VÖ. 29.07.2022. Foto: LZ

„Es muss unterschiedliche Zugänge und Formate zum Thema Erotik geben.“ Hot Topic! ist dabei eine Mini-Nische für alle Menschen, die gern lesen und vielleicht sogar eine Vorliebe für Groschenromane haben. „Dabei soll Hot Topic! einen Beitrag dazu leisten, eine gut zugängliche Literatur zu bieten, die neue Perspektiven auf Lust und Erotik zeigt und vor allem: Das Gespräch darüber am Laufen hält!“

Deshalb sei „neues Futter“ für unterschiedliche Bedürfnisse wichtig. Aber ist die mannigfaltige Erotik in Zeiten von Klimawandel, Pandemie, Energiekrise und Co. wirklich das Thema der Stunde? „Über diese Dringlichkeit haben wir auch viel nachgedacht. Wir sehen in dem Heft nicht nur die Themen ‚Vergnügen‘, ‚Freizeit‘, ‚Privatsphäre‘, sondern auch eine politische Ebene und Öffentlichkeit.

Der Bereich Erotik wirkt sich stark auf unser gesellschaftliches Miteinander aus. Weil dadurch Rollenbilder, Feindbilder, Marginalisierungen entstehen. Das ist keinesfalls nur ein erotisches Thema, es ist ein Bereich dieser ‚großen politischen Gesellschaftsfrage‘. Wir wollen nicht den Zeigefinger erheben, sondern eine fühlbare Ebene erschaffen, die Zugang zu neuen Welten bietet.“

Kulturförderungen – echte Erotik-Muffel?

Die Entscheidungsträger/-innen in der Fördermittel-Vergabe müssen von dieser Ebene anscheinend noch überzeugt werden. Eine Literatur-Förderung für HotTopic! zumindest wurde abgelehnt. Die Begründung: Das Groschen-Heft sei nicht anspruchsvoll genug, die abgedruckten Texte hätten nichts mit Literatur zu tun.

Mit dem Thema Erotik scheint sich der Freistaat generell schwerzutun: Auch die „Voegelei“ erhielt in Pandemie-Zeiten keine Förderung, weil sie unter die Sparte „Sexshop“ fiel – für die Fördermittelgeber ein Grund, das Portemonnaie nicht zu öffnen.

Wer Hot Topic! unterstützen und sich weiter informieren möchte, wird unter www.hottopicheft.com fündig. Der nächste Open Call für erotische Zusendungen wird nach der Sommerpause starten. Wer einen Text beisteuern möchte, kann seine literarischen Ergüsse (ja, das musste sein) senden an: [email protected]

„Hot hot hot! “ erschien erstmals am 29. Juli 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 104 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

 
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