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Tanners Interview mit der Autorin und Performerin Ulrike Almut Sandig

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    Buchmesse ist immer eine schwierige Zeit für Tanner. Er hadert mit den Bücherbergen, kritisiert an den Popliteraturveranstaltungen herum und wünscht sich eigentlich ganz weit fort. Dass er dann doch in Leipzig bleibt, liegt an einigen Autorinnen und Autoren, die beste Ware abzuliefern bereit und ebenfalls fähig sind, klare Aussagen zu machen. Ulrike Almut Sandig trifft Tanner sonst nur auf den Bühnen, heute traf er sie zum Gespräch.

    Guten Tag Ulrike Almut Sandig. Ich habe hier gerade neben mir Dein „Buch gegen das Verschwinden“ liegen. Ganz frisch. Und drin sind Geschichten. Gute Literatur ist ja immer ein Kampf gegen das Verschwinden. Auch Du als Autorin bist gerade verschwunden – aus Leipzig – nach Berlin. Warum denn eigentlich? War´s nicht mehr schön hier?

    O doch, Volly! Aber es scheint ja auch so eine Marotte der Berliner zu sein, immerzu über die eigene Stadt zu meckern und sich wegzuwünschen. Ich wohne seit viereinhalb Jahren in Berlin, weil mein Freund hier einen Sohn und ein Tonstudio hat – und wir miteinander eine kleine Tochter. Aber wir würden gern in ein paar Jahren wieder nach Leipzig kommen. Das setzt voraus, dass Leipzig bis dahin nicht total überschwemmt von Berlinern ist – oder eingemeindet wurde. Bis dahin bin ich trotzdem oft da, mein Bruder lebt hier mit seiner Familie und einige meiner engsten Freunde. Auch das neue „Buch gegen das Verschwinden“ enthält die eine oder andere Liebeserklärung an Leipzig. So, genug geschmalzt!

    Wie muss man sich den Schaffensprozess bei Dir vorstellen? Jeden Tag acht Stunden schreiben, wie P.K. Dick – oder friemelst Du so zwischendurch an Deinen Geschichten herum? Wie lang hat’s gebraucht, diese sieben Geschichten zu gebären?

    Die erste Geschichte für dieses Buch habe ich im Herbst 2011 angefangen. Da war mein erster Erzählband „Flamingos“ gerade erschienen. Wenn ich an einer Erzählung sitze, dann jeden Tag und über mehrere Stunden, auch weil ich langsam bin und schon mitten im Absatz mit der Überarbeitung beginne. Ich fange so gegen 10 Uhr an, wenn meine Tochter in der Kita ist, und arbeite bis drei. Ein richtiger Bürotag. Aber zwischen den Erzählungen liegen oft Monate, in denen ich an anderen Manuskripten sitze, auf Lesereise bin und natürlich – Bürokram erledige. Entgegen landläufiger Meinung hat man auch als freiberufliche Schriftstellerin Mühe, sich die Zeit fürs Schreiben freizuschaufeln.

    Wie viel eigenes Leben steckt in Deinen Büchern?

    Viel und wenig. In meinem ersten Erzählband „Flamingos“ gibt es eine Erzählung, die ich sogar als autobiografisch bezeichnen würde. Darin fährt ein pubertierendes Mädchen jeden Morgen mit dem Überlandbus über eine Elbbrücke und träumt dabei von den U-Bahn-Systemen der großen Städte, dem Tunnel zwischen Calais und Dover und überhaupt von all den Reisen, die sie noch tun wird. Ich bin in Riesa zur Schule gegangen, und hatte nicht nur diese Busfahrten über die Elbbrücke von Riesa, sondern auch ähnliche Freunde und eine ähnliche Art von Zukunftsvorstellung, eben wie das Mädchen in „Dreitausend Blauwale“.

    Alle anderen Erzählungen, auch die aus dem neuen „Buch gegen das Verschwinden“, enthalten mich nur zum Teil. Etwa in dem fragenden Interesse der Erzählerin, den verhandelten Reflexionen oder in einem Ort, den ich gut kenne. Aber es macht mir großen Spaß, mit dem Glaubwürdigkeitsvertrag zwischen mir und meiner Leserschaft zu spielen und den Anschein zu erwecken, etwas sei wirklich passiert, um mich gleich darauf auf eine Fiktion herauszureden. Das kommt meiner Wahrnehmung der Wirklichkeit nahe. Allein die Vorstellung davon, jemand sei von Geburt bis Tod ein und dieselbe Person, hat starke fiktionale Züge.

    In Großenhain durften wir letztes Jahr zusammen auftreten. Dort bist Du ja ein richtiger Star. Bald wird eine Straße nach Dir benannt – und Dein Papa (ich durfte ihn ja kennenlernen) ist stolz wie Bolle auf Dich. Erkennen Dich die Berliner auf der Straße?

    Haha, nee, Star! Ich mag Großenhain, aber ich kenne es eigentlich kaum, es ist eben der Standort meines Geburtskrankenhauses. In Berlin haben mich tatsächlich schon Leute auf der Straße erkannt, aber nicht, weil ich so schrecklich bekannt wäre, sondern weil Berlin vollgestopft ist von Schriftstellern, die einander natürlich über den Weg laufen. Neulich saß ich mit meinem guten Freund Mikael, natürlich auch Schriftsteller, heulend in einem vietnamesischen Restaurant am Kleistpark und wähnte mich sicher, als ich bemerkte, dass eine Schriftstellerkollegin am Tisch gegenüber angestrengt versuchte, an mir vorbeizuschauen. So ist das, manchmal gehen wir uns fast ein bisschen auf die Nerven. Also ganz wie in Leipzig, oder? Findest du, dass mein Papa stolz auf mich ist? Das würde mich freuen, denn er ist ein belesener Mann mit einer fast literarischen Biographie, und ich kann mich an keinen einzigen meiner sonderbaren Umwege erinnern, auf dem er mich nicht unterstützt hätte.

    Du bist ja auch eine geförderte Literatin. Das ganze Förderinstrumentarium wird aber und muss auch kritisch bewertet werden. Wie stehst Du dazu? Diese ganzen Preise. Haben die wirklich Sinn? Entsteht dadurch wirklich gute Literatur? Bleibende Texte? Da wird ja auch so mancher einfach mal durchgezogen, obwohl’s die Texte nicht wirklich braucht, oder …. ?

    Schwierige Frage. In der Tat ragt Deutschland mit seiner ausgeprägten Literaturförderung im internationalen Vergleich ziemlich heraus. Wenn ich im Ausland auftrete, bin ich oft die einzige unter den jüngeren Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die freiberuflich arbeitet. Das habe ich dem glücklichen Umstand zu verdanken, dass ich ein paar subventionierte Preise und Stipendien bekommen habe, die wiederum Einladungen zu Auftritten nach sich zogen. Auch die werden meistens mit dem Kulturetat der jeweiligen Stadt, des Landes oder des Bundes gefördert. Meine Freiberuflichkeit wäre ohne diese Art von Literaturförderung nicht möglich, und ich bin nicht so undankbar, an dem Ast zu sägen, auf dem ich sitze. Mit meinen Gedichten, Sprechperformances und Erzählungen hätte ich auf dem freien Markt keine Chance. Und ich glaube nicht, dass es viele schlechte Autoren oder Autorinnen gibt, die – langfristig – Förderungen erhalten. Aber, und das ist vielleicht ein entscheidender Punkt, es gibt eine Unmenge an guten Leuten, die nicht gefördert werden.

    Vorschläge bitte!

    Eine Kulturförderung, wie wir sie hier in Deutschland haben, betreibt immer auch eine Auslese. Und die ist oft unfair. Wäre ich Königin von Deutschland, würde ich alle literarischen Förderungen abschaffen, deren Entscheidung nicht anonym erfolgt. Zweitens: Keine Exposés. Viele Kollegen schreiben gute Exposés, aber nur mittelmäßige Literatur. Drittens: Förderungen für literarische Debüts drastisch reduzieren. Wie wäre es mit einem Preis fürs dritte Buch? Dann besteht keine Gefahr der Eintagsfliegenliteratur mehr, und die Autoren und Autorinnen wissen meistens auch, wie man ein gutes Buch schreibt.

    Bist Du zur Buchmesse in Leipzig? Und wenn ja, wo und wann?

    Am Buchmessendonnerstag ab eins auf der Bühne der Unabhängigen (Halle 5, Stand E309), und am Abend ab viertel neun auf der Langen Leipziger Lesenacht in der MB. Am Freitag ab sieben auf einer Lesung im Deutschen Literaturinstitut mit dem sprechenden Namen „Institutsprosa“, und dann geh ich rüber in die „Kleine Träumerei“ in der Münzgasse, wo ich etwas ganz Neues für den Südwestrundfunk lese (das ich noch schreiben muss). Am Sonnabendabend lese ich auf der Litpop im Neuen Rathaus. Und am Sonntag nochmal auf dem Messegelände, ab halb zwei auf der ARD-Bühne (Halle C 501). Hoffe, wir sehen uns, Volly?

    Was hast Du denn als Nächstes im Köcher?

    Im Juli erscheint ein kleiner Gedichtzyklus in einer kleinen, feinen Handpressenauflage des Literaturbüros Detmold. Er heißt GRIMM, ist ziemlich dunkel und beschäftigt sich mit den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Für die Aufführung dieser Gedichte habe ich mich mit dem Kölner Künstlerduo Bewernitz & Goldowski zusammengetan, mit denen ich eine Mehrkanal-Komposition aus vorgefundenen Klängen und elektro-akustischen Harmonien in meine Sprechperformance einbetten will. Und im Herbst erscheinen bei Ugly Duckling Presse in Brooklyn, NY, einige ältere Gedichte in amerikanischer Übersetzung von Bradley Schmidt, der übrigens in Leipzig lebt. Aber wenn ich wieder zum Schreiben komme, dann: Zeit für Prosa.

    Ich umarme Dich. Danke für Deine Antworten.

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